In der Familienfalle

Nahost/Nordafrika Familiäre Netzwerke verhindern Altersdiskriminierung und das politische Austragen von Generationenkonflikten. Aber sie stützen auch patriarchale Verhältnisse. Diese lassen sich nur durch einen Sozialstaat überwinden – doch der fehlt
Die Jungen dieser Welt werden sich optisch immer ähnlicher – sogar dort, wo der Westen gehasst wird
Die Jungen dieser Welt werden sich optisch immer ähnlicher – sogar dort, wo der Westen gehasst wird

Foto: Alessandra Sanguinetti/Magnum Photos/Agentur Focus

Dass es weltweit Generationenkonflikte gibt, kann niemand bestreiten. Für nichtprivilegierte junge Menschen werden die persönlichen Zukunftsaussichten nicht nur vom Klimawandel verdunkelt, sondern auch von Unwägbarkeiten auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt. Schnell heißt es dazu in Deutschland, die „Alten“ seien es, die Naturressourcen rücksichtslos verbraucht hätten und sich kraft ihrer politischen Macht auch weiterhin ökonomische Privilegien sicherten. Andererseits existiert auf dem Arbeitsmarkt und – trotz Verbots – auch in den Institutionen eine kaum kaschierte Altersdiskriminierung. Diese steht in eugenischer Tradition und hat sich derzeit besonders in den Bevölkerungsteilen ausgebreitet, die Corona-Schutzregeln prinzipiell für Verschwörungen gegen ihr gewohntes Leben halten. Angeblich handelt es sich nur um eine Grippe, an der naturgemäß eher Alte sterben.

Das Narrativ des Interessenkonflikts zwischen Jungen und Alten als wichtigste Frontlinie der Zeit konnte sich nur dort herausbilden, wo historisch erkämpfte Sozialstaaten, die Jungen und Alten selbstbestimmte Räume öffneten, wieder verschlankt werden. Das Wesen des Sozialstaats besteht – was häufig übersehen wird – im prinzipiellen Recht auf Chancengleichheit und auf persönliche Entfaltung. Dies sollte ausdrücklich für das Kind und den alten Diener gleichermaßen gelten.

Wie sieht es mit Konflikten zwischen den Generationen in Regionen aus, wo kein oder bestenfalls ein embryonaler Sozialstaat existiert? In denen die Menschen seit jeher abhängig sind von der Familie oder privaten karitativen Organisationen? Die Jungen dieser Welt sind sich in Kleidung und Haartracht immer ähnlicher geworden – sogar dort, wo der Westen gehasst oder zumindest mit erheblichem Ressentiment gesehen wird. Dabei bleibt unbeachtet, dass westliche Moden und Lifestyles nur ein dünner Firnis über grundverschiedenen Lebensvoraussetzungen sind.

Der Augenschein führte vor einem Jahrzehnt dazu, dass dem Arabischen Frühling das Klischee von den Jungen unterstellt wurde, die angetreten seien, die Macht der Alten wegzufegen. Den revoltierenden Jugendlichen in Tunesien, Algerien oder Syrien ging es gewiss um bessere Lebensperspektiven. Doch hätte es dazu eines systemischen Wandels bedurft und einer präzisen Konkretisierung des Rufs nach Demokratie. Nur war vor allem Ersteres unter der globalen Herrschaft des Neoliberalismus unmöglich. Für individuelle Lebensperspektiven kann eben nur eine profunde sozialstaatliche Gesetzgebung aufkommen, die in islamischen Staaten – sei es in Nordafrika, im Mittleren Osten oder in Asien – bis heute kaum in Sicht ist. Das Leben der Menschen funktioniert dort wie gehabt auf Basis patriarchalen familiären Besitzes und daraus seit Generationen entstandener Netzwerke sozialer Beziehungen. Sind diese zu schwach, kann man Hilfe von Wohltätigkeitsorganisationen wie den Muslimbruderschaften erbitten, jedoch um den Preis eines Verlusts an persönlicher Freiheit. So können etwa ägyptische Studentinnen ein kleines Stipendium erhalten, wenn sie ihren Kopf mit dem Hijab bedecken.

Die sich auf die familiäre Situation beziehenden Netzwerke sind in islamischen Ländern für das individuelle Fortkommen wichtiger als Gender oder erworbene Leistungskraft. So entstand das – für westliches Verständnis – scheinbare Paradox, dass der Frauenanteil an qualifiziertem Universitätspersonal in islamischen Ländern schon vor Jahrzehnten viel höher war als in westlichen Ländern: Wo sich in „modernen“ Milieus familiäre Macht mit frauenemanzipatorischen Einstellungen verband, reichte sie mühelos bis in die Berufungsgremien höchster Bildungsanstalten. Da diese zumeist nur mäßig finanziert werden, sind sie für männliche Sprösslinge bürgerlicher Familien weniger attraktiv als Wirtschaftsunternehmen. Sie wurden damit zur Berufschance erster Generationen weiblicher Intellektueller.

Flucht in den Terror

Ärmere Familien können ihren Töchtern solche Chancen natürlich nicht bieten. Das Patriarchat herrscht hier nicht nur wegen rückschrittlicher Einstellungen und ebensolcher Gesetze, sondern ebenso aus anderen Gründen. Wegen der Wohnungsnot sind in vielen arabischen Staaten die Besitzer oder Mieter der allermeisten Wohnungen ältere Familienväter. Meist reicht der Platz höchstens für die Familie des ältesten Sohnes. Und dessen junge Ehe scheitert dann oft an unausweichlichen Reibereien zwischen den Generationen. Schließlich haben junge Frauen von ihrer Ehe anderes erwartet, als zur Magd der Schwiegermutter degradiert zu werden. Es kommt noch mehr hinzu: etwa die Eifersucht der Schwiegermutter, die den weiter unter ihrer Fuchtel lebenden Sohn nicht wirklich loslässt. Dieses Ungemach potenziert sich mit der Eifersucht unverheirateter Schwägerinnen, für die der Bruder ein Ersatzmann ist. Die für junge Paare wichtige Intimität kann sich auch deshalb nicht entfalten, weil der junge Mann seinerseits ödipal an seine Mutter gekettet ist. Als es ein mir bekanntes junges Ehepaar aus der algerischen Kabylei wagte, sich für ungebührlich lange Stunden der Intimität einzuschließen, wurde das mit Hexenkünsten der jungen Frau erklärt. In dieser Familie entwickelte sich das Klima eines regelrechten Exorzismus, das Paar zerbrach daran und ließ sich scheiden.

Und wenn eine Ehe, die sich aus Raummangel nicht entwickeln kann, scheitert, reproduziert sich die patriarchale Macht erneut. Der Sohn muss beim Vater bleiben, die junge Frau muss darum betteln, in die oft ebenfalls überfüllte Wohnung ihres Vaters zurückkehren zu dürfen. Da der patriarchalen Falle nicht zu entrinnen ist, bleibt es überlebenswichtig, sie nicht in Frage zu stellen, sondern mit ihr zu koexistieren. Altersdiskriminierung ist unter solchen Umständen undenkbar. Die im Westen fast verloren gegangene Achtung vor dem Alter ist in muslimischen Ländern durchaus noch vorhanden. Sie bröckelt selbst in wohlhabenderen Familien nicht, weil auch deren Mitglieder auf Netzwerke angewiesen sind. Ein Abschieben der Alten steht nicht nur deshalb außer Frage, weil es kaum Altersheime gibt, sondern auch, weil das Prestige der Alten noch eine Funktion hat.

Objektive Generationenkonflikte bestehen auch in der islamischen Welt. Auf subjektiver Ebene gerinnen sie aber nicht zum politischen Hauptwiderspruch. In Algerien wandten sich 2019 nicht nur junge Leute gegen ein fünftes Mandat des sprach- und bewegungsunfähigen Präsidenten Abdelaziz Bouteflika. Ausgerechnet in Tunesien, dem Land, von dem der Arabische Frühling Ende 2010 ausging und in dem er – nach westlicher Lesart – am erfolgreichsten war, wurden bereits zwei recht alte Präsidenten gewählt: 2014 der 88-jährige Beji Caid Essebsi und 2019 Kais Saied mit 61 Jahren. Letzterer verdankte besonders viele Stimmen jungen Menschen, um die er – von Café zu Café und von Hörsaal zu Hörsaal wandernd – in zahlreichen direkten Kontakten geworben hatte und die er bis heute nicht enttäuschte.

Erhellend ist nicht zuletzt das Beispiel Ägyptens. Ungeachtet ihres westlichen Outfits waren viele der im Arabischen Frühling demonstrierenden Jugendlichen Islamisten, denen keine Missachtung des Alters unterstellt werden kann. Das bestätigte 2012 die Wahl des damals 61-jährigen Muslimbruders Mohammed Mursi zum Präsidenten. In Syrien wiederum wandte sich ab März 2011 der Aufstand gegen einen relativ jungen Staatschef: Baschar al-Assad war seinerzeit 46 Jahre alt.

Der Islam kann nicht allein als Erklärung für das Fortbestehen des Patriarchats und die gebremste Entfaltung der Jugend, besonders der Frauen, herhalten. Vielmehr herrschen in islamischen Ländern handfeste soziostrukturelle Konflikte, die wiederum das Fortwirken eines an die Religion gebundenen Traditionalismus bedingen. Da diese Konflikte in der neoliberalen Weltordnung kaum lösbar sind, sucht sich die frustrierte muslimische Jugend andere Wege, um ihr Recht auf ein besseres Leben durchzusetzen: sei es durch Flucht in die Länder, in denen noch sozialstaatliche Regularien existieren, sei es durch Flucht in die terroristische Versuchung.

Die Pandemie zeigt, dass auch im Westen zivilisatorische Fortschritte wie Frauenemanzipation sowie die Fürsorge für Kinder und Alte schnell schrumpfen, wenn ihre soziostrukturelle Basis bröckelt. Die dann bemühten Narrative von „Jung gegen Alt“ oder „Alt gegen Jung“ verhindern den Disput um reale Möglichkeiten guter Lebensperspektiven für alle.

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Geschrieben von

Sabine Kebir

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