Karikieren, zivilisieren, bombardieren

Clash of Cartoons Die westliche Gesellschaft riskiert einen Heiligen Krieg, dem sie nicht gewachsen ist

Dass die dänische Tageszeitung Jyllands-Posten nicht gewusst habe, was sie tat, als sie am 30. September Karikaturen des Propheten Mohammed publizierte, stimmt nicht. Im Gegenteil, sie wollte bewusst einen Eklat herbeiführen. Wegen anfangs ausbleibender Resonanz fragte die Redaktion nämlich selbst bei so genannten radikalen Imamen nach, was sie über die Cartoons dächten. Es handelte sich dabei nicht um irgendwelche witzigen Sachen, die allein schon wegen des Verbots einer Darstellung Gottes und des Propheten im Islam problematisch gewesen wären. Die Zeichnungen sollten nicht weniger als die Behauptung illustrieren, dass der Prophet ein Terrorist gewesen sei. Wer in der heutigen Weltlage so etwas druckt, will bei seinem Publikum die Assoziation wecken, dass Jesus wohl als Friedensfürst zu gelten habe. Und schon sind kulturelle Archetypen der Aufrüstung geschaffen, die weder die historischen noch die komplexen Realitäten der Gegenwart zu repräsentieren vermögen. Sie blenden einerseits die Toleranzpotenziale Mohammeds aus, der zum Beispiel Christen und Juden eine freie Religionsausübung unter muslimischer Herrschaft zusicherte, und verführen andererseits dazu, über den Kreuzzugscharakter der Geschichte des realen Christentums hinweg zu sehen.

Dieselbe Waffe wird nun auch einmal umgedreht

Die Reaktion auf das weltweite Bekanntwerden der Karikaturen fällt um einige Dimensionen größer und schwerwiegender aus als beabsichtigt. Trotz der Entschuldigung von Jyllands-Posten und vielerlei Beschwichtigungsversuchen von europäischen Regierungen brennen im Nahen Osten, in Zentral- und Südostasien bis zum Horn von Afrika diplomatische Missionen. Bei den Massendemonstrationen gegen die taktlose Unschuldsmiene der Europäer kommen Menschen ums Leben. Einige arabische Staaten boykottieren dänische Produkte. Andere drohen damit, Europäern keine Hotelbetten mehr zur Verfügung zu stellen. In Gaza wird sogar die Entführung von EU-Mitarbeitern in Aussicht gestellt. Wenn der Westen in den vergangenen Jahren Millionen von unschuldigen Muslimen durch Pauschalboykotte geschädigt und viele damit sogar getötet hat, darf er sich nicht wundern, dass dieselbe Waffe nun auch einmal umgedreht wird.

Und während die Spannung steigt, drucken andere Zeitungen in Westeuropa die Karikaturen sogar trotzig nach. Dies geschieht auch in Deutschland, obwohl das der letzte Anstoß für die Hinrichtung der entführten René Bräunlich und Thomas Nitzschke im Irak sein könnte. Angeblich soll das Nachdrucken die westliche Errungenschaft der Pressefreiheit demonstrieren und bekräftigen. Ich dachte immer, der Grad von Pressefreiheit misst sich an der ungestraften Möglichkeit, vor allem die eigenen Herrscher zu kritisieren und zu karikieren. Den vermeintlichen Feind zu reizen und zu verhöhnen, war und ist schließlich auch in Diktaturen erlaubt, oft sogar ausdrücklich erwünscht. Die dänischen Cartoons des Propheten sollten ebenso wenig wie die berüchtigten Karikaturen der "Weisen von Zion" als Zeichen oder gar Symbol der "Pressefreiheit" missverstanden werden. Pressefreiheit bedeutet nicht Hirnlosigkeit, sondern vor allem auch Verantwortung. Als eines der höchsten Güter müsste sie derzeit auf einem ganz anderen Niveau diskutiert werden. Dass die Büros von Al Djazira - des einzigen Fernsehsenders der Welt, der während der Kriege in Afghanistan (2001) und im Irak (2003) am Ort der Kampfhandlungen blieb und dessen Bilder von nahezu allen westlichern Fernsehanstalten gekauft wurden - sowohl in Kabul als auch in Bagdad bombardiert und dabei Mitarbeiter des Kanals getötet wurden, war sicher kein Zufall und keinesfalls ein Zeichen des Respekts vor der Pressefreiheit.

1914 war für das Auslösen eines Weltkrieges noch ein echter Fürstenmord nötig. 1939 reichte ein fingierter Angriff auf den Sender Gleiwitz. Heute scheint ein Spaß zu genügen, den sich die Zivilgesellschaft eben mal erlaubt, obwohl sie per Selbstdefinition doch eigentlich friedlich ist. Tatsächlich unterstützen aber immer weniger Europäer - ja, immer weniger Menschen weltweit - den Heiligen Krieg des Westens gegen den Islam. Der Verdacht liegt nahe, dass bestimmte, nicht zuletzt mediale Scharfmacher deshalb ganz bewusst die Aufgabe übernehmen, augenfällige Beweise zu produzieren, dass die Muslime rückständig, gewalttätig und unberechenbar seien und deshalb vom Westen beaufsichtigt, kontrolliert, notfalls auch einmal geschurigelt werden müssten. Auf dieser Ebene sind die Äußerungen des französischen Innenministers Sarkozy über die Bewohner der Satellitenstädte von Paris oder anderswo genauso zu sehen wie der dubiose Fragenkatalog für einbürgerungswillige Muslime in Baden-Württemberg und das in vielen deutschen Schulen drohende Gebot, allein deutsch statt türkisch oder arabisch zu sprechen.

Während Lea Rosh meint, dass damit nur die Deutschkenntnisse der Ausländer verbessert werden sollten, äußern andere ernsthaft, es gehe dabei auch um die Lahmlegung von terroristischen Netzwerken, die sich in Schulen entwickeln könnten. Auf jeden Fall scheint es, dass der doch mutmaßlich gut und freundlich gemeinte "Demokratisierungsdruck" auf die Muslime in Europa um so mehr wächst, je spürbarer die sozialstaatlichen Integrationsmechanismen versagen oder nur noch begrenzt zur Verfügung stehen. Weltweit nimmt dieser "Demokratisierungsdruck" um so mehr zu, je weniger sich der Krieg im Irak im Sinne seiner Verursacher zu entwickeln verspricht.

Heute genügt ein Spaß, den man sich eben mal erlaubt

Die Eskalation um die dänischen Karikaturen sollte daher besonders den Friedenswilligen ein Anlass sein, den Blick zu schärfen. Es ist sicher ein gutes, aber kein ausreichendes Zeichen, dass die Dänen weder den Aufruf der öffentlichen Verbrennung von Paperback-Koranen noch zum Boykott muslimischer Gemüseläden befolgt haben. Leider mehren sich aber die Symptome, dass statt eines allgemeinen Sieges der Vernunft bestimmte Kräfte eine Ausweitung der Feindseligkeiten wünschen: es wird in psychologischer Hinsicht das Terrain bereitet, um einen Schlag gegen den Iran zu führen - und es wird eine Art Weltbürgerkrieg riskiert. Der allerdings brächte keinen symmetrischen Schlagabtausch zwischen mehr oder weniger legalen beziehungsweise völkerrechtlich legitimierten Regierungsarmeen, die sich nach einem bestimmten Regelwerk miteinander messen. Ausgelöst würde vielmehr ein unerklärter, oft unsichtbarer, vor allem aber asymmetrischer Krieg, der überall und jederzeit aufflammen könnte. Natürlich würde eine solche Konfrontation auch unsere Regionen erfassen und vorzugsweise die ungeschützten Unschuldigen treffen.


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01:00 10.02.2006
Geschrieben von

Sabine Kebir

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Ausgabe 38/2020

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