1928: Hey, Bibi Langstrumpf

Zeitgeschichte Die dänische Schriftstellerin Karin Michaelis beschreibt in ihren ab 1928 erschienenen Büchern ein Mädchen, das einer späteren Wiedergängerin manches vorwegnimmt

Die dänische Autorin Karin Michaëlis (1872 – 1950) veröffentlicht 1928 in New York Bibi. A Little Danish Girl. Damit sollen amerikanische Kinder ab etwa zehn Jahren etwas vom Leben ihrer Altersgenossen in Dänemark erfahren. Das Buch erscheint ein Jahr später in Kopenhagen und im Berliner Verlag H. Stuffer, der sich Kinder- und Jugendliteratur widmet. Es gibt mehrere Auflagen, fünf weitere Bibi-Bücher folgen.

Karin Michaëlis gehört zu den frühen Feministinnen. Seit 1898 hat sie viele, zumeist belletristische, auf authentischen Geschichten beruhende Bücher geschrieben, die sich entschieden gegen die verlogene bürgerliche Ehe- und Sexualmoral wenden. Das gefährliche Alter, ihr berühmtestes, 1910 auf Dänisch und Deutsch erschienenes Werk, erzählt, wie reife Frauen versuchen, sich aus konventionellen Fesseln zu befreien. Selbst kinderlos, engagiert sich Michaëlis zugleich für eine auf der Reformpädagogik basierende antiautoritäre Erziehung der Kinder, bei der kein Unterschied mehr zwischen Mädchen und Jungen gemacht werden soll.

Wer war Bibi? Beschrieben wird sie als Halbwaise, die mit ihrem Vater wie einer Haushälterin lebt. Eine kleine Abenteurerin mit blonden Zöpfen, die wie ein Junge auf Bäume klettert und beim einsamen Schwimmen im Mondschein beinahe ertrinkt. Doch Bibi kennt keine Wehleidigkeit. Nichts hätte sie dagegen, von „Zigeunern“, die angeblich blonde Kinder stehlen, einmal kurz entführt zu werden. Dass sie nur das um ihren Hals hängende goldene Kreuz stibitzen, kann sie verstehen, da sie Ärmeren gern hilft. Schließlich konnte sie in den Wohnwagen schauen, der – „furchtbar ulkig“ – als Küche und Schlafkammer gleichzeitig dient. Die Kinder schlafen in Borden übereinander, stellt sie fest, „gerade wie in der Speisekammer“, dazu stiegen Hühner in den Betten herum.

Der gesellschaftspolitische Hintergrund der Bücher überrascht

Bibi schwänzt die Schule, wenn es ihr dort zu langweilig wird. Und sie büxt auch immer wieder von zu Hause aus. Dann könne der Vater weder essen noch schlafen, bekommt Bibi von der Haushälterin zu hören. „Einmal hatte er sie sogar vom Stadttrommler ausrufen lassen. Dann versprach sie jedes Mal, es nie wieder zu tun. Aber plötzlich kribbelte und krabbelte es dann so seltsam in ihr, genau so, als hätte man eine Biene im Leib. Man spürte förmlich, wie der Zug schnaufte und zitterte, um gleich davonzubrausen.“ Mit dieser Unruhe ist nicht nur ein Seelenzustand gemeint, denn Bibis Vater arbeitet als Stationsvorsteher am Bahnhof, weshalb sie kostenlos durch ganz Dänemark reisen darf. Um den Vater nicht stören oder gar um Erlaubnis bitten zu müssen, schreibt sie dem „lieben, süßen Paps“ auf einem Papierbogen, dass sie nur bis zum Nachbarort fahren würde, eventuell schon mit dem Nachzug, aber spätestens am morgigen Sonntagvormittag zurückkommen wolle. „Sei bitte, bitte nicht traurig, deine dich liebende Bibi.“

Mit immer längeren Eisenbahnfahrten wird der Hauptzweck des ersten Bibi-Buches erreicht – Dänemark amerikanischen Kindern nahezubringen. Bestrafungen im heutigen Sinne kennt Bibi nicht. Die mit dem Vater getroffene Vereinbarung, ihm täglich einen Brief zu schreiben, wo auch immer sie sei, hält sie eisern ein. Manchmal wurden es auch zwei Briefe, denen noch Zeichnungen beigelegt werden. Aus heutiger Sicht erstaunlich ist, dass Michaëlis ihren Bibi-Geschichten einen deutlichen gesellschaftspolitischen Hintergrund gibt, indem sie sich auf das in evolutionärer Weise beschleunigte Ende des dänischen Feudalismus zwischen 19. und 20. Jahrhundert bezieht. Und es gelingt ihr, das in kindgerechter Form zu erzählen. Bibis an einer Lungenentzündung verstorbene Mutter „war eine geborene Komtesse, das will sagen: ihr Vater war Graf und ihre Mutter Gräfin; aber sie fand eben, dass Bibis Vater mehr wert sei als die herrlichsten Schlösser der ganzen Welt, darum heiratete sie ihn“. Bibi hasst die Großeltern, die sie gar nicht kennt, weil sie diese Verbindung als „Mißalangße“ (Mesalliance) betrachten und aus ihrer Sicht am frühen Tod der Mutter nicht unschuldig sind.

Als Bibi wegen Schwänzerei zum zweiten Mal aus der Schule relegiert wird und der Vater ihren Wunsch, nun mit Holzschuhen in die „Volksschule“ zu gehen, ablehnt, muss sie sich entscheiden, auf ein Schweizer Internat oder zu den Großeltern geschickt zu werden. Nach tränenreichem Protest entscheidet sie sich listig gegen die Schweiz und begibt sich allein auf eine lange Reise zum Schloss des „abscheulichen Grafengesindels“. Freilich mit dem Vorsatz, sich dort nur mal kurz umzusehen. Im Speisewagen lädt sie drei hungernde „Zigeunerkinder“ zu einem Festmahl ein, und als sie auf der Fähre zur Insel Fünen entdeckt, dass Schweine unter erbärmlichsten Bedingungen transportiert werden, alarmiert sie einen Tierarzt, der für bessere Belüftung der Stallung sorgt und verspricht, sich für strengere Auflagen bei Tiertransporten einzusetzen. Als sich Bibi an das Schloss ihrer Großeltern anschleicht, entdeckt sie einen modernen, maschinisierten Landwirtschaftsbetrieb mit großen Treibhäusern. Aber sie wird auch selbst entdeckt, liebevoll aufgenommen und bekommt eine englische Gouvernante als Erzieherin. Sie will sich aber nicht adoptieren und zur „Komtesse“ machen lassen, sondern zu ihrem Vater zurückkehren.

Amerika und Sowjetunion – bei Karin Michaëlis keine Gegensätze

In einem späteren Buch – es heißt: Die Verschworenen – wird Bibi Mitglied einer Mädchen-Gang, die teils auf Fahrrädern, teils zu Fuß gefährliche Geisterhäuser erkundet, unwegsame Berge erklimmt und kämpferisch für Schwache eintritt, immer wieder auch für Tiere. Als völlig normal wird in der Erzählung Bibi und Ole geschildert, wie sich die Zwölfjährige in einen in Nordamerika aufgewachsenen Landsmann verliebt.

Im Weltbild von Karin Michaëlis konnten das amerikanische Demokratie-Ideal und der Aufbruch der jungen Sowjetunion, die sie ausgiebig bereiste, noch zusammenfließen. Die ihr von den Nazis gemachten Avancen lehnte sie ab und trat öffentlich gegen Hitler auf, was zur Folge hatte, dass die letzten beiden deutschen Bibi-Bücher in der Schweiz erscheinen mussten. Die Figur des Ole hatte Bibi darin bestärkt, dass jeder, der offenen Auges durch die Welt geht, Möglichkeiten findet, sich nützlich zu machen, und seinen Unterhalt verdienen kann. Natürlich auch Frauen.

Der Bankrott des Landguts, dessen Erbin sie einmal sein würde, empfindet Bibi nicht als Tragödie, weil ihr die von der sozialdemokratischen Regierung geförderte Landreform vernünftig erscheint. Sogar die Großeltern finden sich damit ab und leben fortan im Gesindehaus. Bibi plant, als angestellte Ingenieurin auf ihrem ehemaligen Besitz zu arbeiten. Bibi lernt Landwirtschaft ist dann auch der letzte, 1938 erschienene Band betitelt. Er stellt ein sozialdemokratisch grundiertes Pendant zu den damals offenbar nicht nur in der Sowjetunion publikumsfähigen „Romanen aus der Produktion“ dar.

Heute ist sie fast nur noch in ihrer Beziehung zu Bertolt Brecht bekannt

Karin Michaëlis findet heute fast nur noch als mütterliche Förderin von Helene Weigel und Bertolt Brecht Beachtung. Sie war es, die als Freundin von Eugenie Schwarzwald, der Leiterin eines reformpädagogischen Gymnasiums in Wien, das außergewöhnliche Talent der Schülerin Weigel entdeckte und ihr ein Vorsprechen beim Direktor der Wiener Volksbühne ermöglichte. Darüber schrieb sie einen fulminanten Artikel, der die Stärken der künftigen Schauspielerin bereits genau erfasste.

Es ist wohl Michaëlis zuzuschreiben, dass Brecht und Weigel ihre Kinder Stefan und Barbara antiautoritär erzogen haben. Zudem streckte sie ihnen das Geld vor, um das berühmte Bauernhaus auf Fünen kaufen und dort ab 1933 als Emigranten leben zu können. Auch im amerikanischen Exil gehörte sie zum Kreis um Brecht. Sowohl der Weigel wie Brechts Freundin Ruth Berlau vermittelte sie immer wieder vernünftige Ratschläge, wenn das Eifersuchtsdrama der beiden Frauen zu entgleisen drohte. Nach Dänemark zurückgekehrt, erhielt sie zwar die königliche „Freiheitsmedaille“, starb aber verarmt. Ihre Bücher fanden kaum noch Interesse.

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Geschrieben von

Sabine Kebir

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