Kinder und Inder

Kommentar Bundestag für Haacke

Seit dem Mauerfall wird in ganz Deutschland fast nur noch gegenstandslose Bildende Kunst öffentlich gefördert. Ein Kunstwerk hat um so mehr Förderungschancen, je sinnentleerter es scheint. In der alten Bundesrepublik galt in diesem Genre schon längst, was sich während der neunziger Jahre auch in den anderen Künsten bis hin zur Literatur endgültig durchzusetzen schien: sie soll möglichst nur individuelle und möglichst keine auf die Gesellschaft beziehbare Konnotationen aufrufen.

Weht nun über der gesellschaftspolitischen Fäulnis wenigstens ein frischer Kunstwind? In meinen Augen ist es erstaunlich, dass sich die Mehrheit der Bundestagsabgeordneten für die Installation "Der Bevölkerung" von Hans Haacke im Lichthof des Reichstags entschieden hat. Wahrscheinlich hat die durch den Parteispendenskandal in ein absolutes Tief gerutschte Akzeptanz der politischen Klasse bei der "Bevölkerung" dazu beigetragen, dass sich genügend Parlamentarier fanden, die künftig die im Lichthof des Reichtags prangende Neonbotschaft Haackes zumindest symbolisch unterschreiben wollen. Es war hohe Zeit, daran zu erinnern, dass die Abgeordneten sich nicht allein "ihrem Gewissen" verpflichtet fühlen sollen. Genau wie die gegenstandslose Kunst scheint dieses sich nämlich allzu häufig nur noch selbstreferentiell auf seinen leiblichen Träger zu beziehen. Die politischen Repräsentanten müssen von der Gesellschaft gezwungen werden, ihr Gewissen wieder mit einem der "Bevölkerung" gewidmetem Denken und Sorgen zu koppeln. Erste Gelegenheit dazu wird es geben, wenn einige Abgeordnete die geforderte Hand Erde aus ihrem Wahlkreis nicht abliefern. Unredlich ist, wer die Angst der "Bevölkerung" vor den mörderischen Konkurrenzsituationen, in die sie durch die Globalisierung gezwungen wird, mechanisch mit Rassismus gleichsetzt. Um den säumigen Abgeordneten Dampf unter dem Hintern zu machen, sollten die betroffenen Wahlkreise Aktionen veranstalten, an denen neben vielen anderen sowohl Kinder als auch Inder teilnehmen. Genau solche Dynamismen will Haacke mit seiner nicht der gegenstandslosen, sondern den besten Traditionen der abstrakten Kunst verpflichteten Installation auslösen. Für die Cour d' Honneur des Palais Bourbon hatte er 1989 anlässlich der 200-Jahr-Feier der Gründung des französischen Parlaments eine inhaltlich ganz ähnliche Installation vorgeschlagen. Die Abgeordneten sollten Steine und Samen aus ihren Wahlkreisen mitbringen. Auf dem Kunstwerk sollten die Worte "Liberté, Egalité, Fraternité" prangen - allerdings in arabisch, womit auf die noch nicht eingelösten Rechtsansprüche der größten Immigrantengruppe in Frankreich hingewiesen wurde. Die französische Republik konnte sich nicht entschließen, diese provokante Installation zu realisieren. Dass die Berliner Republik nun einer ähnlichen - wenn auch viel moderateren - Variante zugestimmt hat, war eine ihrer bislang wenigen reifen Leistungen.

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