Algerienkrieg: „Operation Rock ’n’ Roll“

Kolonialismus Am Kampf um Algerien drohte vor 60 Jahren Frankreich zu zerbrechen. Die Armee wollte nach Indochina nicht zum zweiten Mal verlieren
18. November 1961: Demonstranten in Paris fordern Frieden und Unabhängigkeit für Algerien
18. November 1961: Demonstranten in Paris fordern Frieden und Unabhängigkeit für Algerien

Foto: AFP/Getty Images

Nach siebeneinhalb Jahren eines blutigen Ringens, bei dem die algerische Nation um ihre Unabhängigkeit gekämpft hat, verkündet Frankreichs Präsident Charles de Gaulle am 5. Februar 1962: „Algerien wird ein souveräner und unabhängiger Staat sein.“ Diese politisch längst fällige Entscheidung muss noch gegen erhebliche Teile der in Algerien kämpfenden Armee durchgesetzt werden. Sie ist nicht bereit, nach ihrer 1954 in Indochina erlittenen Niederlage ein weiteres Mal zu kapitulieren. Schon im Vorfeld der im Mai 1961 in Evian begonnenen Verhandlungen mit der provisorischen Regierung Algeriens haben sich Generäle wie Maurice Challe, Edmond Jouhaud, André Zeller und Raoul Salan zum Putsch gegen den Präsidenten verschworen. Auch wenn ein Staatsstreich scheitert, hat de Gaulle damit die Befehlsgewalt über seine Streitkräfte keineswegs vollständig zurückgewonnen.

Nicht nur in Algerien verübt die Organisation Armée Secrète (OAS) nun auf eigene Faust Massaker an Gruppen und einzelnen Personen, die nach Unabhängigkeit streben. Der Kolonialkonflikt ergreift auch das Mutterland, wo es zu immer mächtigeren Demonstrationen für den Verzicht auf eine eskalierende Gewalt kommt. Am 8. September 1961 entgeht de Gaulle nur knapp einem Attentat. Am 17. Oktober schlägt die Polizei in Paris eine friedliche Manifestation von etwa 30.000 Algeriern nieder, die gegen eine über sie verhängte Ausgangssperre protestieren. Es gibt unglaubliche 200 Tote. Nach einem Anschlag auf Kulturminister André Malraux erlebt Paris am 8. Februar 1962 eine Demonstration gegen die OAS, bei der acht Menschen von der Polizei getötet werden.

Massenflucht der Pied-noirs

Allein im Februar 1961 hat die OAS in Algerien und Frankreich 553 Personen exekutiert, zwischen dem 4. und 5. März veranstaltet sie die „Operation Rock ’n’ Roll“ mit 120 Bombenattentaten. Trotz – oder wegen – dieses enormen Drucks wird in Evian erfolgreich verhandelt und am 19. März eine Waffenruhe verkündet. Zu den algerischen Unterhändlern zählen auch jene Führungspersonen der Nationalen Befreiungsfront (FLN), die am 22. Oktober 1956 nach einer von Spezialkräften der Armee ausgehenden Flugzeugentführung verhaftet worden sind, darunter mit Ben Bella und Muhammad Boudiaf zwei künftige Präsidenten sowie Hocine Aït Ahmed, der bald zum Führer der Berber-Bewegung wird, und der Intellektuelle Mostefa Lacheraf, später ein Bildungsminister, den eine fortschrittliche Sprachenpolitik auszeichnet.

Der Vertrag von Evian legt den schrittweisen Abzug der französischen Armee fest, sichert ihr aber das Recht, den Militärstützpunkt Mers el Kebir noch für 15 Jahre nutzen und – heute kaum nachvollziehbar – die Kernwaffenversuche in der Sahara fortsetzen zu dürfen. Eine Million Algerienfranzosen erhalten zudem Garantien über ihr Bleiberecht, ihr Eigentum wie über kulturelle und politische Rechte. Innerhalb der nächsten Monate soll ein Referendum über die Unabhängigkeit stattfinden.

Die OAS denkt nicht daran, sich diesen Entscheidungen zu beugen. Sie verfolgt jetzt eine Taktik der verbrannten Erde und verübt nicht nur Anschläge gegen Algerier, sondern treibt auch immer mehr zivile Algerienfranzosen – die Pieds-noirs – zum Widerstand gegen die Staatsmacht. Nun kommt es auch bei deren Massendemonstrationen zu blutigen Zusammenstößen mit der Polizei. Die entfesselte Gewalt versetzt die schon jahrelang verunsicherten Pieds-noirs in eine finale Panik, die spontane Massenflucht ins Mutterland ist die Folge.

Auch die FLN kontrolliert die muslimische Bevölkerung nicht, die sich gegen eine Gruppe wendet, deren Schutz in Evian vergessen worden ist. Es geht um etwa 260.000 Muslime, die mit der Kolonialmacht kooperierten, darunter besonders das gut 200.000 Mann umfassende Hilfskorps, das sich Frankreich Armee oft aus sozialer Not angeschlossen hat. Die „Harkis“ sind für die schmutzigste Seite des Konflikts eingesetzt worden: für flächendeckend praktizierte Folter. Bei den Pogromen gegen sie sollen Anfang der 1960er-Jahre Zehntausende umgekommen sein. Etwa ebenso viele gelangen illegal nach Frankreich, wo sie jahrzehntelang kämpfen müssen, als Emigranten Anerkennung zu finden. So werden die Monate zwischen dem Waffenstillstand und der am 5. Juli 1962 verkündeten Unabhängigkeit Algeriens zu den blutigsten der Entkolonisierung. Dass dann am 1. Juli beim Referendum über die Souveränität 99,7 Prozent Ja-Stimmen abgegeben werden (Beteiligung 91,9 Prozent) liegt daran, dass fast die gesamte europäische Bevölkerung Algerien verlassen hat.

Auch innerhalb der zivilen und militärischen Führung der FLN brechen heftige Diadochenkämpfe aus. Sie flachen erst ab, als Houari Boumedienne, ein späterer Staatschef (1965 – 1978), von Tunesien aus mit sowjetischen Panzern nach Algier zieht. Der vollkommen unbekannte Colonel kann es freilich noch nicht wagen, direkt nach der Macht zu greifen, und überlässt sie zunächst dem charismatischen Ben Bella.

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Geschrieben von

Sabine Kebir

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