Schreiben in der DDR: Von Enttäuschungen und Rückschlägen – und dem kritischen Kampfgeist

Schriftstellerexistenz „Drei Frauen träumen vom Sozialismus“ – Carolin Würfels Buch zeichnet Vita und Werk von Christa Wolf, Maxi Wander und Brigitte Reimann nach
Auch Kinder konnten sie nicht am Schreiben hindern: Christa Wolf
Auch Kinder konnten sie nicht am Schreiben hindern: Christa Wolf

Foto: Imago/epd

Vielleicht muss man, wie Carolin Würfel, 1989 auf den Schultern der Mutter bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig dabei gewesen sein, um zu begreifen, weshalb DDR-Autorinnen, die sogar im Westen gern gelesen wurden und werden wie Brigitte Reimann, Christa Wolf und Maxie Wander, zeitlebens nicht aufhörten, an einer sozialistischen Zukunft festzuhalten. Würfel macht nachvollziehbar, dass Wolf und Reimann, die aus bürgerlichen Familien mit NSDAP-Vätern stammten, vom in der frühen DDR herrschenden Enthusiasmus ergriffen wurden: Dieser Staat grenzte sich entschiedener als die Bundesrepublik vom Faschismus ab und versprach, ein System zu errichten, das gerechter als der Kapitalismus wäre. Dies war auch für die Wienerin Wander attraktiv, die aus einer antifaschistisch engagierten Familie stammte und ihrem Mann Fred 1958 in die DDR folgte.

Würfel versteht es, Vita und Schaffen der drei Autorinnen auf nur 270 Seiten lebendig zu machen. Die Emanzipationsmöglichkeiten, die Frauen geboten wurden, nutzten sie nicht nur, um unbefangen in den Autorinnenberuf hineinzuwachsen, Wolf und Wander wagten es sogar, sich mehrere Kinder anzuschaffen. (Bei Reimann blieb es ein unerfüllter Wunsch.) Wenngleich sich die Doppelrolle als Mutter und Autorin schwierig gestaltete, war sie kein Grund, mit dem Schreiben aufzuhören. Und obwohl Reimanns ausuferndes Liebesleben von Kulturfunktionären skeptisch gesehen wurde, hat sie es doch ungehindert betrieben. Die ohne Einbußen von Liebe und Respekt zur offenen Beziehung werdende Ehe der Wanders zählt ebenfalls zu den positiven Potenzialen, die sich auch im realen Sozialismus entwickeln konnten.

Obwohl sie in einer geradezu ideal erscheinenden Partnerschaft lebte, liebte Christa Wolf das anarchische Temperament der beiden engen Freundinnen sehr, verstand aber auch, es bisweilen zu bremsen. Mit ihrem, aus Würfels Sicht schönstem Roman Christa T. (1968) hatte sie für viele Leser ein Gleichnis geschaffen, wonach zwischen dem Entstehen eines Krebsleidens und der Frustration an gesellschaftlichen Verhältnissen ein Zusammenhang bestehe. Viel zu früh raffte der damals überall noch kaum besiegbare Krebs Reimann und Wander hinweg, die mit Guten Morgen, du Schöne (1977) gerade erst öffentlich wahrgenommen wurde. Reimann musste ihren Roman Franziska Linkerhand über eine gegen kleingeistige Politik und engstirnige Bürokratie ankämpfende junge Frau unvollendet hinterlassen.

Die unterschiedlich rasch von den drei Autorinnen abgelehnte Spitzeltätigkeit für die Stasi hat ihre Karriere nicht gebrochen. Mit zunehmender Reife, zunehmenden Enttäuschungen – emblematisch war der Einmarsch des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei 1968 – und Drangsalierungen der mal mehr, mal weniger repressiven Kulturpolitik folgte Ernüchterung, nicht aber ein grundlegender Wandel der Haltung. Vielmehr erstarkte der kritische Kampfgeist der drei Autorinnen – was eigentlich nicht als besonders dramatisches Schicksal von Intellektuellen im Sozialismus aufgefasst werden sollte. Schließlich wäre Staats- und Gesellschaftskritik überall vonnöten – und wer könnte sie anders leisten als Intellektuelle, soweit sie sensibler, klüger und weitsichtiger als Politiker und Bürokraten sind? Der gehörige Mut und die Risikobereitschaft, die etliche DDR-Autoren, darunter auch Brigitte Reimann, Christa Wolf und Maxie Wander, aufbrachten, um über den banalen, oft auch frustrierenden Alltag hinaus zu schreiben, bleibt ein allgemeingültiges Erbe.

Drei Frauen träumen vom Sozialismus Carolin Würfel Hanser 2022, 272 S., 23 €

Sabine Kebir wuchs in der DDR in einem kosmopolitischen Umfeld auf, in dem deren Literatur nicht gelesen wurde. Sie entdeckte sie erst 1977 – 1988 in ihrem algerisches Exil. Für den Freitag schreibt sie u.a. über den Maghreb

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Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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