Literatur als Hüter des Tempels

Exklusion Bücher über das Leben in Algerien unter der Terrorgefahr. Ein Streifzug durch neuere Publikationen

Eigentlich ist es paradox, dass sich das Medieninteresse für Algerien nach den Attentaten des 11. September auf das New Yorker World Trade Center sehr vermindert hat. Denn schließlich wurde dieses Land schon ein Jahrzehnt länger von alltäglichem islamistischem Terror und der für viele Familien ebenfalls zerstörerischen Repression des Staates heimgesucht. Obwohl mittlerweile klar ist, dass die keineswegs zur Ruhe gekommenen algerischen Auseinandersetzungen Bestandteil globaler Konflikte sind, fehlt hierzulande eine gründliche journalistische Berichterstattung. In Deutschland kann man sich gegenwärtig nur über Bücher verschiedener Genres ein Bild davon machen, wie die algerische Gesellschaft unter der permanenten Bedrohung lebt und sich weiter entwickelt hat.

Profunde Informationen über soziale Bewegungen, Parteien, Erdöl-, Industrie-, Agrar- und Sozialpolitik vermittelt Bernhard Schmidts Buch Algerien. Frontstaat im globalen Krieg. Während der normale Diskurs westlicher Medien und auch der Menschenrechtsorganisationen in den neunziger Jahren die Verantwortung für die Lage im Land immer nur bei den einheimischen "Eliten" suchten, ermittelte Schmidt, wie "das Besondere des algerischen Falles" zusammenhängt "mit dem Weltmarkt, mit der Kolonialgeschichte, mit dem internationalen Kapitalismus und mit der Politik der westlichen Großmächte". Den in Deutschland zahlreichen Träumern, die in den Islamisten Anwälte der sozialen Gerechtigkeit gesehen hatten, macht das Buch klar, dass sie - im Gegenteil - diejenigen waren, die die Zerstörung des im Embryonalstadium steckengebliebenen algerischen Sozialismus gefordert und die Liberalisierung vorangetrieben haben.

Kolonialismus und Liberalisierung

Der fragwürdige Kompromiss, mit dem das Land schließlich befriedet werden sollte, mündete darin, dass führende Islamisten, zum Teil auch Terroristen, in die während der neunziger Jahre entfesselte Privatwirtschaft einsteigen durften. Die wegen heftigen Widerstands der Gewerkschaften jedoch nur schleppend in Gang kommende Zerstörung der großen öffentlichen Unternehmen wurde auch durch den IWF vorangetrieben: 700.000 Staatsangestellte verloren ihre Arbeit. So hat es nur zehn Jahre gedauert, bis aus dem demokratischen Aufbruch, den das Land 1988 - noch vor dem Zusammenbruch des Ostblocks - aus eigenen Kräften zustande gebracht hatte, das Gegenteil der darin gesetzten Hoffnungen hervorging.

Die großen Mehrheiten spüren keine Fortschritte durch den Preisanstieg für Erdöl und Erdgas auf dem Weltmarkt, obwohl sich die Kassen des algerischen Staats ab Mitte der neunziger Jahre kräftig auffüllten. Die in der Zeit der Verschuldung akzeptierten Auflagen des IWF wurden vom neoliberal gewendeten Regime schnell verinnerlicht. An der Verrottung des öffentlichen Bildungssystems und dem Aufblühen des privaten Bildungssektors ist zu erkennen, dass das Regime zunehmenden sozialen Unterschieden nicht mehr gegenzusteuern gedenkt. Umfangreicher Bau von Straßen und Wohnungen lässt allerdings vermuten, dass es immerhin eine gewisse Konsolidierung des Mittelstandes anstrebt, der bislang auch in recht prekären Verhältnissen gelebt hat.

Die grauenvolle Lage des algerischen Volkes, das sowohl die Unterstützung der islamistischen Guerilla als auch die Aufgabe dieser Unterstützung mit zahllosen Opfern bezahlte, hat ihren Niederschlag in verschiedenen literarischen Genres gefunden. Etliche Bücher sind ins Deutsche übersetzt worden. Sehr lesenswert ist der durch die Journalistin Baya Gasmi aufgezeichnete Erlebnisbericht Blut für Allah, in dem eine junge Algerierin erzählt, wie sich aus ihrer zunächst modernen Liebesbeziehung mit einem Nachbarsjungen eine Hölle entwickelte. Der junge Mann stieß zu den Islamisten und wurde schließlich zum gefürchteten Emir einer Terrorgruppe. In der gegen den Willen der Eltern eingegangen Ehe wurde sie zu vielfältigen Dienstleitungen für die illegalen Netze gezwungen, bekam "nebenbei" Kinder, wurde von ihrer Herkunftsfamilie ausgeschlossen, geriet in Isolation und immer auswegslosere Situationen.

Zu Recht am bekanntesten sind die flott geschriebenen Romane von Yasmina Khadra - weibliches Pseudonym des ehemaligen Armeeoffiziers Mohammed Moulhessoul. Seine große Stärke liegt darin, die Konflikte nicht als Kampf zwischen guten und bösen Charakteren zu entwickeln. Vielmehr werden normale Menschen in unversöhnliche und übermächtige Widersprüche verwickelt. Die Figuren, aus deren Perspektive erzählt wird, sind ohne moralisierende Vorverurteilung gezeichnet, auch wenn es sich um Terroristen handelt. In Wovon die Wölfe träumen erfährt der junge Nafa, der eigentlich Schauspieler werden und ein modernes Leben führen will, als Chauffeur einer einflussreichen Familie nicht nur selbst tiefste Erniedrigungen. Er erlebt, dass die Oberschicht auch für schlimmste Zivilverbrechen nicht bestraft wird. So ist es nicht Nafas religiöses Empfinden, sondern sein Gerechtigkeitssinn, der ihn schließlich zu den Islamisten treibt und zum blutrünstigen Emir aufsteigen lässt.

Religion und Gerechtigkeit

Khadras erfolgreiche Krimiserie um den Kommissar Llob stützt nicht die verbreitete Auffassung, dass die algerischen "Ordnungskräfte" die wirklichen Herren des Landes seien und den Konflikt im eigenen Interesse schürten. Llob und seine Mitarbeiter erscheinen als Verteidiger einer nach der Unabhängigkeit ersehnten, aber nie realisierten demokratischen Zivilgesellschaft. Dieses Ziel macht sie zu den ersten Opfern der Islamisten. Es wird aber nicht verschwiegen, dass auch Llobs Truppe, die immer wieder durch Entführungen und Folterungen der Islamisten dezimiert wird, in ihren Kampfeinsätzen keineswegs die Normen der Menschenrechte einhält. Llobs Ermittlungen führen oft in einen zunächst unübersichtlichen Sumpf, in dem sich islamistische Rädelsführer plötzlich als Angehörige der ökonomischen und finanziellen Mafia des Landes herausstellen, die bereits der globalisierten Wirtschaftsklasse angehören. Llob mag es zunächst selbst kaum glauben, dass dieselben Islamisten, die in der Moschee streng zur Vermeidung der fleischlichen Sünden aufrufen, wenig später an der Bar eines luxuriösen Sexclubs auftauchen. Am Ende stellt sich diese Lokalität als Kommunikationsort eines Terrornetzes heraus. "Die meisten der Fundamentalisten sind in den Salons der Neureichen ein und aus gegangen und mit dem Räderwerk der höheren Sphären bestens vertraut. Der eine war Leibwächter eines Generaldirektors, jetzt ist er Emir einer Horde von Kannibalen. Der andere war Chauffeur eines Neo-Beys, jetzt überschwemmt er das Land mit subversiven Traktaten."

Im Gegensatz zu Khadra zählt Wassini Laredsch, der solche Themen auch mit surrealistischen Mitteln erzählt, zur "Wirtschaftsmafia" Teile der Armee, die über ihre Familien durchaus große Bereiche der neuen lukrativen Importmonopole besitzen. Wie im ehemaligen Ostblock haben Angehörige der alten algerischen Staatssicherheitsorgane den Sprung in die moderne Wirtschaft geschafft, "allesamt Opfer des Erbfolgekrieges, längst ins Geschäftsleben abgewandert", wo sie Händel betreiben, "für die man nichts als ein Faxgerät und eine Scheinadresse braucht, um Volkswirte und Astrologen zugleich zu beschämen." Die "Sicherheit des Regimes" läge nun in anderen Händen, "deren Finger um einiges länger" seien. Solche "Wahrheiten sind derart monströs, dass man besser nichts davon weiß." Diese sibyllinischen Worte stammen aus der Feder von Boualem Sansal, einem francophonen Sprachgenie, das die heißen Themen auf komplexem sprachlichen Niveau auch philosophisch reflektiert. Während Khadra und Laredsch von Aktion zu Aktion linear erzählen, formt Sansal seine - in heroischen Übersetzungen von Regina Keil auch auf deutsch zugänglichen - Texte als endlose Spiralen eines kunstvollen circulus vitiosus. So drückt sich in der literarischen Form die ausweglose Situation der Mehrheiten noch einmal aus.

Ausweglose Situation

Wenn diese algerische Literatur zunächst in Frankreich erscheint, hat das nichts mit Zensur zu tun. Dass ein in schwerste Konflikte eingebundener Offizier wie Mohammed Moulhessoul alias Yasmina Khadra ein Pseudonym wählen musste, wäre auch in anderen Ländern notwendig gewesen. Seit 1988 ist die Vorabzensur für Druckerzeugnisse in Algerien abgeschafft. Dass besonders Belletristik in Frankreich gedruckt wird, hängt eher mit dem unterentwickelten algerischen Buchmarkt zusammen und den folglich viel besseren Verdienst- und Vertriebsmöglichkeiten im Ausland. Alle diese Bücher werden in Algerien frei vertrieben, rezensiert und diskutiert. Sie sind allerdings für den Durchschnittsmenschen viel zu teuer.

Moulhessoul, der seit 2000 in Frankreich lebt, bekam 2003 den großen Preis der Buchmesse von Algier und seine Laudatio hielt der ehemalige Regierungschef Reda Melek. Boualem Sansal ist weiterhin ein hoher Beamter im algerischen Industrieministerium. Dass gleich zwei der bedeutendsten kritischen algerischen Gegenwartsautoren aus dem Kreis hochqualifizierter staatlicher Angestellter stammen, ist bedenkenswert. Hier zeigt sich, dass selbst hohe Kunst nicht nur Sache originärer Künstler ist, wenn sich eine Gesellschaft in dramatischer Bewegung befindet. Moulhessoul meint, dass der Schriftsteller "der wahre Hüter des Tempels" sei, worunter er nicht die Religion versteht, sondern ein zivilgesellschaftliches Projekt: "In zivilisierten Ländern genießt die Literatur Souveränität. Sie ermahnt die Entscheidungsträger, versteht sich als ein Medium, das die Grenzen der Erfahrung zu überschreiten vermag, und sieht sich als das beflissene Gewissen einer Nation." Hier ist freilich ein Ideal des politischen Einflusses von Literatur angesprochen, das immer weniger den Realitäten entspricht. Wie ernst es Khadra-Moulhessoul selber damit ist, zeigt sein letzter auf deutsch erschienener Roman Die Attentäterin, der sich um höchste Objektivität im israelisch-palästinensischen Konflikt bemüht (Freitag 6/07). Es geht um einen Terroranschlag, der durch eine scheinbar gut integrierte israelische Araberin ausgeführt wird. Die Geschichte wird aus der Perspektive des überlebenden Ehemanns erzählt, der in einen unlösbaren Loyalitätskonflikt gerät.

Im Verhältnis zu den Löhnen sind die Buchpreise in Algerien hoch. Trotz Druckfreiheit spielen gegenwärtig weder Literatur noch Sachbuch eine große Rolle in der Entwicklung der Zivilgesellschaft. Diese Rolle kommt vielmehr der Presse zu, die als einzige Presse in der islamischen Welt vor Drucklegung nicht mehr die Zensur des Innenministeriums passiert. Obwohl auf dem algerischen Zeitungsmarkt viel Geld verdient wird, ist er per Gesetz frei vom Zugriff und Einfluss internationaler Printimperien. Aber die neue Freiheit hat ihre Kehrseiten und Grenzen. Im Kampf um die Lesergunst bleibt die journalistische Qualität häufig auf der Strecke. Laut Sansal steckt die Presse "in den Flegeljahren". Sie habe "die Leitung zur Straße hin angezapft, wo die durch die Religion beunruhigten Gaffer bis zum Überdruss Papier verschlingen, ohne sich um das Getuschel der Leute zu kümmern. Der Kreis ist des Teufels. Ihn zu durchbrechen, wäre eine Zeitlang im Bereich des Möglichen gewesen, doch mittlerweile ist die Ehe des Hörensagens mit seinem schriftlich fixierten Echo perfekt, und ihre unseligen Bastarde, Hörenlesen und Lesenhören, verbreiten ihrerseits die merkwürdigsten Fabeln."

Der Kreis des Teufels

Tatsächlich ist die wirkliche journalistische Recherche rar. Die populistische Versuchung, die politische Analyse mit zotigen Witzeleien, zum Beispiel über den Präsidenten, zu verschärfen, ist groß und führte - nach der Veröffentlichung - immer wieder zu Prozessen. Wenn eine Zeitung, wie zum Beispiel Le Matin dann auch noch allzu lange in staatlichen Druckereien auf Pump drucken ließ und der Herausgeber Benchico am Flugplatz angeblich beim Geldschmuggel ertappt wurde, waren Vorwände konstruiert, um das politisch missliebige Blatt einzustellen und Benchico hinter Gitter zu bringen. Bei solchen Gelegenheiten entwickelt sich jedoch stets eine große Solidaritätsbewegung zwischen den eigentlich doch konkurrierenden Zeitungen, die dann in gemeinsamer Front die Pressefreiheit verteidigen.

Beklemmend aktuell wirkt der Bildband mit Fotos, die Pierre Bourdieu Ende der fünfziger Jahre als angehender Ethnologe und Soziologe während des algerischen Befreiungskrieges gemacht hat. Diese waren zwischen März und Mai 2005 im Münchener Gasteig ausgestellt. Der von Bourdieu in Bezug auf das koloniale Algerien in die Soziologie eingeführte Terminus der "Exklusion" eines großen Teils der Menschen vom sozialen und kulturellen Fortschritt als Ursache von Unzufriedenheit und Rebellion ist für das Land relevant geblieben und mittlerweile übertragbar auf große Teile der globalisierten Welt. Heute hat vielleicht ein Fünftel der Algerier ein mit Europa vergleichbares Lebensniveau. Vielerorts aber blieb genau das von Bourdieu abgebildete Bild des verwirrenden Nebeneinanders von modern wirkenden Wohnanlagen, Geschäften und Betrieben einerseits und einer erschreckend großen Anzahl mehr oder weniger asozial wirkenden Menschen andererseits erhalten. Damals gelang Bourdieu ein Foto einer resolut wirkenden verschleierten Motorradfahrerin, das heute immer noch als Sensation verkauft werden könnte. Es zeigt, welche Entwicklungschancen in den vergangenen 50 Jahren bestanden haben, die große Teile der Bevölkerung nie nutzen konnten.

Yasmina KhadraMorituri. Doppelweiß. Herbst der Chimären. Die Romane mit Kommissar Llob aus Algier. Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe. Unionsverlag, Zürich 2006, 438 S., 12 EUR

Yasmina KhadraWovon die Wölfe träumen. Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe. Aufbau, Berlin 2003, 314 S., 20 EUR, TB 8,95 EUR

Bernhard SchmidtAlgerien. Frontstaat im globalen Krieg? Unrast, Münster 2005, 316 S., 18 EUR

Pierre BourdieuIn Algerien. Zeugnisse der Entwurzelung. Camera Austria, Graz 2003, 239 S., 25 EUR

Nadia ChabaniBlut für Allah. Ich war die Frau eines islamischen Terroristen. Erzählt von Baya Gacemi. Übersetzt von Jutta Koch. Ullstein, München 2000, 193 S., 7,95 EUR

Wassini LaredschDie Hüterin der Schatten oder Don Quichotte in Algier. Aus dem Arabischen von Kristina Stock. Lenos, Basel 1999. 240 S., 20,35 EUR

Boualem SansalDer Schwur der Barbaren. Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe. Merlin, Gifkendorf 2003, 468 S., 23 EUR

Boualem SansalErzähl mir vom Paradies. Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe. Merlin, Gifkendorf 2004, 336 S., 22,90 EUR

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Geschrieben von

Sabine Kebir

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