Im Sturmwind

Literatur Otto von Bismarck ist nur der Legende nach Begründer des Wohlfahrtsstaats, stellt Bruno Preisendörfer klar

Als kulturgeschichtlichen Beitrag zum ersten deutschen Einigungsprozess versteht Bruno Preisendörfer sein anschauliches, für Normalleser verfasstes Buch. Es fokussiert sich auf die zentrale Rolle des preußischen Berlin. Der Autor präsentiert nicht nur den Luxusalltag der Herrschenden, samt den diesen verändernden technischen Errungenschaften, sondern auch den Alltag der subalternen Klassen, die von Fortschritten weit weniger und verspätet profitierten. Die stürmische Entwicklung von Eisenbahn, Telegrafie, Fotografie, Krupp-Kanonen, beginnender Elektrifizierung und den ersten künstlich zusammengerührten Nahrungs- und Geschmacksmitteln – gleichermaßen bestimmt für die Soldatenversorgung wie für die bescheidene Haushaltsführung – erzählt Preisendörfer mittels unterhaltsamer Anekdoten und zeitgenössischer Kommentare, unter anderem von Theodor Fontane, Rudolf Virchow, Werner von Siemens, Graf Helmuth von Moltke, Karl Marx, Friedrich Engels.

Kanal statt Pferdewagen

Flink machte sich Berlin anderswo erfundene Technik zunutze. Nur die Entsorgung von Exkrementen und anderem Abfall erfolgte länger als in anderen modernen Städten durch Pferdewagen. Erst 1873 diskutierte die Stadtverordnetenversammlung auf Initiative von Virchow darüber, welche Stoffe durch unterirdische Kanäle und welche durch Wagen aus der Stadt zu entfernen seien. Kurz vor der Jahrhundertwende war der Bau des von James Hobrecht entworfenen „Radialsystems“ vollendet, wonach Röhren und Leitungen für Schmutz- und Trinkwasser, Gas- und Telegrafenkabel unter das Berliner Straßennetz gelegt wurden.

Die kulturgeschichtlichen Abschnitte werden in den großen politischen Rahmen der ersten „Einigung“ Deutschlands gestellt. Durchgehend wird aus Otto von Bismarcks Memoiren zitiert, der auch mal mit Understatement kokettierte: Er sei „nicht so anmaßend zu glauben, daß unser einer Geschichte machen könnte“. An anderer Stelle protzte er bezüglich der – heute leider fast vergessenen – Kriege gegen Dänemark, gegen Österreich und Sachsen und gegen Frankreich, die Preußen den Weg in die Einheit ebneten: „Ohne mich hätte es drei große Kriege nicht gegeben, wären achtzigtausend Menschen nicht umgekommen, und Eltern, Brüder, Schwestern, Witwen trauerten nicht. Das habe ich indes mit Gott abgemacht.“ Das Königs- und spätere Kaiserhaus ließ den ungeliebten Reichskanzler aus reinem Klasseninstinkt gewähren. Inoffiziell leistete es sich den Zynismus, ihn als Unmensch zu verurteilen. Nachdem Kronprinz Friedrich Wilhelm 1866 das mit verstümmelten Toten bedeckte Schlachtfeld von Königgrätz besichtigt hatte, notierte er mit Hinblick auf Bismarck: „Der Krieg ist doch etwas Furchtbares, und derjenige Nichtmilitär, der mit einem Federstrich am grünen Tisch denselben herbeiführt, ahnt nicht, was er heraufbeschwört.“

Um sich von dem nicht populistisch auftretenden Bismarck abzusetzen, gerierte sich der Vater des Kronprinzen gern als Freund der arbeitenden kleinen Leute. Aber als es um die Kaiserkrone ging, deren Sinn Wilhelm I. nicht einleuchtete, gehorchte er seinem Kanzler.

Anders, als es Legenden von Bismarck als „Begründer des Wohlfahrtsstaats“ fortspinnen, stellt Preisendörfer klar, dass er „von sozialreformerischen Impulsen völlig frei“ war. Vielmehr versuchte er immer wieder, Vorstöße des Reichstags zu torpedieren, wenn es zum Beispiel um die Einführung oder Reformierung von Arbeitsschutzgesetzen ging. Auf das Manuskript eines 1878 erfolgten Vorschlags zum Verbot von Kinderarbeit unter zwölf Jahren schrieb er am Rand: „auch nicht Eicheln sammeln?“. Der Reichskanzler, dessen wichtigstes Anliegen es blieb, die Feudalverhältnisse auf dem Lande möglichst stabil durch den Sturmwind der entfesselten kapitalistischen Moderne zu schleusen, besaß einen sicheren Instinkt dafür, wann ein Reförmchen unumgehbar war, um revolutionären Explosionen wie der von 1848 vorzubeugen. Hier drängt sich dem Leser die Erkenntnis auf, dass dies wohl das wahre, von späteren Kanzlern gepflegte Erbe Bismarcks ist. In einer wichtigen Frage war er sogar weitsichtiger als seine Nachfolger: Für ihn war klar, dass der Staat die größten Infrastrukturprojekte finanzieren und einen gehörigen Teil auch selbst bewirtschaften muss, um den technischen Fortschritt vorantreiben, nutzen und kontrollieren zu können. So überführte er die als privater Wildwuchs entstandenen Bahngesellschaften nach und nach in staatlichen Besitz. Die Verstaatlichung der Eisenbahnen, der Gas- und Wasserwerke, die städtischen Markthallen, die Rieselfelder und gelegentliche „Nichtachtung des privaten Eigentums“ seien „ein entschieden sozialistischer Zug, der mehr und mehr die Anschauungen der ganzen modernen Gesellschaft durchdringt“, klagte 1890 Sebastian Hensel, ehemaliger Leiter des Hotels Kaiserhof.

Zeit der Zeitungen

Leser erfahren Pointiertes nicht nur über Segen und Unsegen neuer Technologien, sondern auch über die Entwicklung der Bildung in den verschiedenen Gesellschaftsschichten, über wirtschaftliche Überhitzung, über die vermaledeite „Frauenfrage“ und die zwischen gröbstem Antisemitismus und gelungener Assimilation flottierende „Judenfrage“.

In Berlin gehörten Juden zu den ärmsten und zu den wohlhabendsten Teilen der Bevölkerung. Gerson Bleichröder verwaltete erfolgreich Bismarcks Privatvermögen und unterstützte dessen politische Ziele. So stellte er den Kredit zur Verfügung, mit dem die symbolische Rolle des bayrischen Königs „beim Kaisermachen in Versailles“ erkauft wurde. Seine Bank war – neben der Disconto-Gesellschaft David Hansemanns, der Aktiengesellschaft Deutsche Bank und der Preußischen Seehandlung – Teil des Konsortiums, das die Staatsanleihen zur Finanzierung des Kriegs mit Frankreich in Umlauf brachte. Bleichröder wickelte auch die danach fälligen Reparationszahlungen ab. Den Salon des 1872 in den Adelsstand erhobenen Bleichröder konnte niemand meiden, der zur guten Gesellschaft zählte, hatte er doch auch etliche, durch Spekulation verlorene Vermögen des Hochadels gerettet. Hinter der Hand aber wurde gelästert: „Wenn der Hausherr nicht wäre, so wäre die Tafel so exklusiv, wie man das heutzutage selten trifft.“

Aufschlussreich ist auch der Abschnitt über die sich entfaltende Zeitungslandschaft. Die Telegrafie ermöglichte es, direkt von Großereignissen und Kriegsschauplätzen zu berichten, was nicht ausschloss, dass manche Nachricht unter dem Etikettenschwindel von Authentizität geschrieben wurde. An der Meinungsbildung nahm der Staat aktiv teil. Ausgerechnet Fontane sammelte als amtlich bezahlter preußischer Pressekorrespondent in London Informationen, musste aber auch „in englischen Zeitungen wohlwollende Artikel über die preußische Politik“ lancieren. Die Artikel sollten den Anschein unabhängigen Journalismus wahren. Es war kein Geheimnis, dass die Engländer in Preußen dasselbe taten.

Etliche Zeitungen und einzelne Journalisten erhielten Gelder aus dem sogenannten „Reptilienfonds“, dem die Zinsen aus dem nach der Annexion Hannovers enteigneten Privatvermögen von König Georg zuflossen. Bismarck erklärte, dass das Geld gegen Propaganda von „Reptilien“ verwendet würde, die weiter für Georg eintraten. Später zielte der Begriff auf verborgene Quellen allzu regierungstreuer Berichterstattung. Preisendörfer ist von Bismarcks Persönlichkeit zu fasziniert, um zu erwägen, dessen systematisch zitierten Memoiren ebenso systematisch Zitate aus August Bebels Memoiren gegenüberzustellen. Dieser große politische Gegner wird zwar hin und wieder in Szene gesetzt, tritt aber nicht gleichgewichtig als Kontrapunkt in der politischen Dynamik auf, die die zur Massenpartei werdende Sozialdemokratie in der Bismarck-Zeit auslöste.

Zwar wird deren Bedeutung in einem der letzten Abschnitte dargelegt. Wer sich aber vergegenwärtigen will, wie sie es schaffte, aus dem 1848 noch eher anarchisch agierenden Proletariat einen klassenbewussten Großverein herauszukristallisieren, der – anders als heute – sogar gegen Krieg und Kolonialverbrechen mobilisierte und aus dem Organisationsverbot von 1878 – 1890 gestärkt hervorging, der muss auf andere einschlägige Literatur zurückgreifen. Auch aufgrund der fast fehlenden Dimension des Landlebens ist das Buch vor allem ein facettenreiches Kaleidoskop einer Etappe der Berliner Stadtgeschichte.

Info

Als Deutschland erstmals einig wurde. Reise in die Bismarckzeit Bruno Preisendörfer Galiani 2021, 448 S., 25 €

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Geschrieben von

Sabine Kebir

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