Louise Schroeder-Medaille für Daniela Dahn

Kommentar Affentanz

Ich kann mir kein anderes demokratisches Land vorstellen, in dem eine von einer Kommission des Parlaments beschlossene Preisverleihung zu dermaßen undemokratischen Verhaltensweisen führt. Ein nach der linken Sozialdemokratin Louise-Schroeder benannter Preis wird vom Land Berlin an Frauen verliehen, die sich um Demokratie, Frieden und soziale Gerechtigkeit bemüht haben. Als er 2001 an die schon sterbenskranke Sozialdemokratin Regine Hildebrand gehen sollte, wurde von der CDU-Fraktion dermaßen vehement dagegen polemisiert, dass die ganze Preisverleihung ausgesetzt werden musste.

2002 ist die Auslöserin des erneuerten Skandalszenarios Daniela Dahn, die streitbare Autorin, die seit der Wiedervereinigung am nachdrücklichsten auf deren Defizite vor allem für die Ostdeutschen aufmerksam macht. Zwar konnte die Nominierung Dahns dank des rot-roten Senats durch die CDU dies-mal nicht verhindert werden. Aber die übte offenbar so unsäglichen Druck auf Rita Süssmuth aus, dass ausgerechnet sie, die ihre bereits gegebene Zusage für die Laudatio zurückgezogen hat. Die Preisverleihung selbst war nicht mehr zu verhindern. Aber das Medienspektakel, das ihr vorausging, erinnert an den Kalten Krieg. Besonders ein von der Konrad-Adenauer-Stiftung, FAZ und Springer-Presse gestützter Autorenkreis um Ines Geipel und Lutz Rathenow, Sarah Kirsch und Hertha Müller wirft Dahn vor, den Sozialismus insgesamt und die DDR im besonderen nostalgisch zu verklären.

Leicht ist hier die in keinem anderen europäischen Land mehr übliche Argumentation zu erkennen, wonach jedes radikaldemokratische Engagement sofort des Totalitarismus verdächtigt wird. Wer aber je ein Buch von Daniela Dahn gelesen hat, muss zumindest anerkennen, dass ihre Texte von keinerlei vorgefasster Ideologie geprägt sind. Sie arbeitet Quellen auf, verschafft sich ihre Informationen durch Gespräche mit Menschen aus verschiedenen politischen Lagern. Daraus entstehen keinesfalls jene eingleisigen Argumentationen, die ihre Gegner ihr vorwerfen. Aber nicht nur die hohen Auflagen ihrer Bücher, sondern auch die Anerkennung im sozialdemokratischen Lager und dem leider in Deutschland viel zu kleinen wirklich liberalen Bürgertum machten Daniela Dahn zu einer auch im Westen immer weniger umgehbaren Autorin. Zwar ist es bedauerlich, dass sich Rita Süssmuth der Preisrede verweigerte - Egon Bahr jedoch ist kein schlechterer Laudator. So unwürdig das Spektakel war, Daniela Dahn und der von ihr vertretenen Sache kann es nur von Nutzen sein. Gut auch, dass der in Kulturfragen bislang defensive rot-rote Senat wenigstens jetzt zum ersten Mal Farbe bekannt hat. Wenn man sich erinnert, dass die Nominierung Daniela Dahns zur Verfassungsrichterin in Brandenburg noch von der dortigen SPD vereitelt wurde, kann man den Hergang nicht nur als Fortschritt für eine Klimaverän-derung in Berlin werten, sondern für die Bundesrepublik insgesamt.

02:00 19.04.2002
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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