Monster der Herzen

Kontextualisierung Der italienische Philosoph Domenico Losurdo untersucht die Legenden, die sich um Josef Stalin ranken
Monster der Herzen
Korrekturen am Stalin-Bild gab es immer

Foto: Dimitar Dilkoff / AFP / Getty Images

Domenico Losurdos Werke haben in den letzten Jahren weltweit Beachtung erfahren. Im Unterschied zu seiner 2009 auf deutsch erschienenen Nietzsche-Monografie handelt es sich bei dem in Italien bereits in der dritten Auflage gedruckten und nun auch hier vorliegenden Stalin-Buch nicht um eine Arbeit, die mit sensationellen Neuigkeiten aufwartet. Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende wirft vielmehr methodische Fragen für das Geschichtsverständnis auf, die für Historiker selbstverständlich sein sollten, es aber nicht sind. Die Verletzung gewisser Regeln hat erhebliche Auswirkungen auf die Vermittlung von Geschichte in Medien und Lehranstalten. Das Buch beschäftigt sich kritisch mit dem Reden über Stalin – und zwar weniger mit den sowjetischen Lobpreisungen zu seinen Lebzeiten als mit den Diskursen, die im Westen über ihn geführt wurden, und mit denen, die seine Nachfolger auf und nach dem XX. Parteitag produzierten.

Es ist kein Zufall, dass aus Italien, wo es eine starke Hegel-Tradition gibt, vom dort führenden Hegelianer Losurdo der Appell ausgeht, an die verschiedenen Gesellschaftsformen und Persönlichkeiten in Geschichte und Gegenwart die gleichen Maßstäbe der Beurteilung anzulegen. Losurdo bekämpft bei der Popularisierung von Geschichte den beliebten Trick, die schlechten Taten des Gegners in Gegensatz zu den eigenen hehren Werten zu stellen. Verglichen werden sollten jedoch nur Taten einerseits und Wertesysteme andererseits, wobei der Vergleich des Tuns prioritär zu sein hat. Üblich ist es aber, die eigenen schlechten Taten vergessen zu machen – wie es zum Beispiel mit dem Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern oder den Kolonialverbrechen des Westens geschieht – und dem Gegner, in diesem Falle Stalins Sowjetunion, zu unterstellen, es verfüge über gar kein Wertesystem. Die so bewerkstelligte Dämonisierung führt im Falle Stalins dazu, dass die rationale Auseinandersetzung mit ihm von vornherein für abwegig erklärt wird. So aber wird aus der geschichtlichen Erfahrung nicht gelernt, sondern nur das Bedürfnis nach moralischer Bewertung befriedigt.

Erschießung Berijas

Losurdo erinnert an vergessene Stalin-Bilder des Westens, die heute erstaunen. Wer weiß noch, dass Churchill 1943 in Teheran seinen damaligen Waffenbruder als „Stalin den Großen“ ansprach und später mehrfach äußerte: „I like that man.“ 1944 erklärte das amerikanische Time Magazine Stalin zum „Mann des Jahres“. Die Prozesse von 1937 fielen seinerzeit offenbar nicht weiter ins Gewicht, man kürte den Kremlchef sogar zum „genialen“ Feldherren. Genau das Gegenteil behauptete dann der XX. Parteitag der KPDSU. Und dieser ist – mehr noch als der Kalte Krieg – für Losurdo der Scheidepunkt in der Bewertung Stalins. Hier wurde er durch seine Weggefährten vom Halbgott zu jener „schwarzen Legende“ umgedeutet, als die er heute allgemein gilt: „ein enormes, finsteres, kapriziöses, degeneriertes menschliches Monster“. Im Nachspiel, das nicht mit rechtsstaatlichen Prozessen, sondern mit der Erschießung Berijas vor dem Zentralkomitee begann, deutete sich bereits an, dass die Nachfolger bei der Überwindung des strukturellen Stalinismus nicht demokratisch vorgingen. Sie benötigten das Monster vor allem, um sich selbst Legitimität zu verschaffen.

War Stalin nun Genie, Halbgott oder Monster? Für eine Beurteilung sollten weder die ganz negativen noch die überschwänglich positiven Diskurse isoliert und verabsolutiert werden. Losurdo plädiert dafür, sie alle zu problematisieren und Stalin nicht nur im moralischem, sondern auch im historischen Kontext zu sehen – also die von ihm verantworteten Taten mit denen der Mächtigen seiner Zeit zu vergleichen.

Skeptiker können fragen, ob man geschichtliche Fakten oder Persönlichkeiten – etwa das KZ-System und den Gulag oder eben Stalin und Hitler – überhaupt vergleichen dürfe. Führt das nicht in einen Relativismus, der erklärt und entschuldigt? Vergleichen muss weder Gleichsetzen noch Entschuldigen bedeuten. Losurdo wendet sich gegen die gängige Verschwisterung von Stalin und Hitler. So hatte sich die Lage der Juden in der Sowjetunion im Vergleich zum Zarenreich fundamental verbessert, Führungspositionen besetzten sie sogar überproportional. Die Lage änderte sich durch die antisemitischen Kampagnen an Stalins Lebensende – einer der vielen Punkte, die eine Idealisierung untersagen.

Das dürfe man, so Losurdo, aber auch nicht mit Trotzki tun, der oft als Gegenpol gilt. Dessen Idee von der zu beschleunigenden Weltrevolution war außerhalb der russischen Welt illusorisch. Und sie hätte Russland selbst überfordert. Wie volontaristisches revolutionäres Vorpreschen in Katastrophen münden kann, offenbarte die Zwangskollektivierung, die Stalin nach dem radikalen Muster vorantrieb, das er kurz zuvor Trotzki vorgeworfen hatte. Interessant ist Losurdos These, dass der Trotzkismus mit der Ausweisung Trotzkis keineswegs aus der sowjetischen Geschichte verschwand. Er blieb eine Konstante bei allen, denen die Entwicklung zu langsam verlief. Das hielt das Land in einem schwelenden Bürgerkrieg und bestimmte immer wieder Entscheidungen der Führung – wie Chrustschows Versuch, Atomraketen auf Kuba zu stationieren oder Breschnews Einmarsch in Afghanistan. Auch die radikalsten Entscheidungen Stalins entsprangen dem Streben, revolutionäre Prozesse zu beschleunigen. Verdienste hat Stalin – laut Losurdo – eher in der Revision einiger Utopien, die auf Marx und Lenin zurückgingen, wie die Vorstellung, dass Staat, Familie, Markt und sogar das Recht abgeschafft werden könnten. Dass er in manchen linken Kreisen deshalb als Verräter galt und dass die Durchsetzung der Revisionen mit fehlerhaften, oft verbrecherischen Mitteln geschah, ändere nichts an ihrer grundsätzlichen Notwendigkeit.

Pakt Hitlers

Um sich vom historischen Relativismus abzugrenzen, schlägt Losurdo eine komparatistische Methode vor, die weder für postmoderne Parallelisierung von allem und jedem plädiert, noch auf Bewertung nach den Maßstäben des Menschen- und Völkerrechts verzichtet. So findet Stalins Bombenkrieg gegen Finnland und die Besetzung Ostpolens einschließlich des Massakers von Katyn zwar eine Erklärung als Präventionsmaßnahme gegen den zu erwartenden deutschen Angriff. Dennoch waren es Verstöße gegen Menschen- und Völkerrecht.

Eine solche Beurteilung müsste, so führt Losurdo aus, aber auch der Krieg der USA gegen Kambodscha Anfang der siebziger Jahre erfahren, bei dem mehr Bomben abgeworfen wurden als über Japan im Zweiten Weltkrieg – eine Präventionsmaßnahme im Krieg gegen Vietnam, bei der Hunderttausende Kambodschaner starben. Der sie verantwortende Außenminister Henry Kissinger ist Friedensnobelpreisträger.

Für ein umfassenderes Verständnis von Losurdos Komparatistik sei darauf hingewiesen, wie der Autor das historische Umfeld des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts beschreibt. Zum historischen Kontext gehört, dass Polen damals nicht nur Opfer war. Es hatte sich 1938 durch das Münchener Abkommen ermutigt gefühlt, das zur Tschechoslowakei gehörende Teschener Olsagebiet zu okkupieren und war seit 1934 mit Deutschland durch einen gegen Russland zielenden Nichtangriffspakt verbunden. Ähnliche Verträge hatte Hitler mit etlichen europäischen, darunter auch den skandinavischen Ländern geschlossen. Mit dem Vatikan kam es zu einem Konkordat. Wer spricht noch davon? Oder vom Seerechtsvertrag, den Hitler 1935 mit England in der Hoffnung schloss, dass es seine kontinentalen Expansionsansprüche anerkennen würde? Der heute als einziger inkriminierte deutsch-sowjetische Vertrag war der letzte, den ein Land mit Hitler vor Kriegsbeginn schloss.

Losurdos Buch provoziert. Aber sein Anliegen ist es nicht, Stalin zu entschulden, sondern zu verhindern, dass in seinem Schatten Menschen- und Völkerrechtsverbrechen anderer verborgen oder verharmlost werden. Wer eine Welt von Gleichberechtigten anstrebt, sollte Geschichte unter Anlegung gleicher Maßstäbe diskutieren.

Domenico Losurdo Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende. Mit einem Essay von Luciano Canfora, Papyrossa 2012, 22,90 €

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12:08 04.10.2012
Geschrieben von

Sabine Kebir

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