Nach der Geiselbefreiung in Gaza wird der Druck auf Netanjahu noch größer

Kommentar Die Befreiung von vier Geiseln aus den Händen der Hamas hilft Israels Premier Benjamin Netanjahu kaum. Jetzt hat Benny Gantz das Kriegskabinett verlassen
Ausgabe 24/2024
Proteste in Tel Aviv gegen die Regierung von Benjamin Netanjahu
Proteste in Tel Aviv gegen die Regierung von Benjamin Netanjahu

Foto: Imago/Sopa Images

Für vier israelische Geiseln ging am 8. Juni der Albtraum der Hamas-Gefangenschaft zu Ende. Befreit werden konnten sie durch eine auf geheimdienstlichen Erkenntnissen basierende, lange vorbereitete Militäraktion im zentralen Gazastreifen. Zu einem echten propagandistischen Erfolg für Benjamin Netanjahus Regierung wurde das aber nicht.

Laut Hamas-Informationen kamen bei den Kämpfen nicht nur über 200 Palästinenser ums Leben, sondern auch Geiseln. Die Befreiten hatten sich in einem privaten Umfeld befunden und waren in gutem gesundheitlichen Zustand – kein Wunder also, dass Angehörige und Unterstützer der 80 vermutlich noch lebenden Geiseln in Israel sofort zu Tausenden auf die Straße gingen, um für einen chancenreicheren Weg der Geiselbefreiung zu demonstrieren. Der würde in einem Verhandlungsangebot an die Hamas für einen umfassenden Gefangenenaustausch bestehen. Die Verhandler kämen aber kaum umhin, auf einen dauerhaften Waffenstillstand zu zielen.

Die Politik von Benny Gantz im Westjordanland

Netanjahu hingehen hält an seinem unrealistischen Ziel fest, die Hamas auf militärischem Wege vollständig zu besiegen. Einen sowohl für die Palästinenser wie auch für weite Teile der Weltöffentlichkeit akzeptablen Plan für die Zukunft Gazas will Israels Premier nicht vorlegen. Seine Regierung ist geschwächt – zumal, seit Benny Gantz seinen wohl schon vor der Geiselbefreiung gefassten Entschluss, aus dem Kriegskabinett auszutreten, nach kurzem Zögern doch vollzog.

Ex-Regierungschef Gantz, der offensichtlich ein von der US-Regierung favorisierter Alternativkandidat für den Posten des Ministerpräsidenten ist, hat in der Vergangenheit aber in allen Belangen, die die Palästinenser betrafen, eine ähnliche Politik wie Netanjahu betrieben, gerade auch, was die Siedlungspolitik im Westjordanland betrifft. Er dürfte sich jetzt aber etwas flexibler in Bezug auf den Drei-Stufen-Plan zeigen, den US-Präsident Joe Biden vorgelegt hat.

Derweil zeigt der hohe Blutzoll, den die palästinensische Seite bei der Geiselbefreiung zu zahlen bereit war, dass deren Leidensfähigkeit in Bezug auf das Ziel, die Blockade des Gazastreifens dauerhaft zu durchbrechen, nicht erschöpft ist. Israel hat es mit einem Gegner zu tun, für den es keine Alternative zwischen Freiheit und Tod gibt. Es muss in diesem Gegner ein Gegenüber anerkennen.

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