Napoleons Nachfahren

Konflikte Am 25. September 2003 starb der Literaturwissenschaftler Edward Said. Seine Kritik am Orientalismus bleibt aktuell

Plötzlich knallt es am oberen Ende des Basars. Einmal, zweimal, dreimal. Ein Fenster birst. Der Teppichhändler brüllt. Die Soldaten drängen die Zivilisten in die Teppichhandlung. Die Frau vom Landwirtschaftsministerium verliert ihr Notizbuch. Wieder explodiert ein Sprengsatz. Die vier Humvees rasen herbei. Türen fliegen auf. Die Soldaten schieben die Leute jetzt aus der Teppichhandlung in die bereitstehenden gepanzerten Fahrzeuge.“ Schließlich sind alle amerikanischen Zivilisten gerettet, aber „der Provinzgouverneur, die Stammesfürsten, der Dolmetscher und der Polizeikommandant wurden zurückgelassen“.

So beschrieb Martin Klingst jüngst in der Zeit eine misslungene Übung in dem als Klein-Kabul aufgebautem Militärcamp der US-Armee in Muscatatuck/Indiana, wo die von Präsident Obama gewünschte engere Verzahnung von Militäraktionen und zivilem Aufbau in Afghanistan geprobt wird. Die Szenerie wurde mit Hilfe der Orientwissenschaften erstellt. Aber wenn schon die militärische Übung zum Schutz von afghanischen Funktionsträgern nicht klappt – was soll sie in der Realität motivieren, mit den Besatzungstruppen zusammenzuarbeiten? Dennoch behaupten auch hiesige Politiker und Militärs noch immer, mit westlichen Waffen und westlichen Vorstellungen von good governance die bösen Geister austreiben zu können, die Afghanistan fest im Griff zu haben scheinen. Der Öffentlichkeit wird das Land als die Verkörperung orientalischer Irrationalität beschrieben, was den westlichen Eifer rechtfertigt, dort eigene Ordnungsvorstellungen zu implantieren. Wissenschaftler sind immer dabei, wie etwa Samuel Huntington mit dem Clash of Civilizations – um nur den bekanntesten der vielen Gelehrten zu nennen, die auch als Berater des Pentagon tätig waren und sind.

Napoleon in Ägypten

Die häufig als Selbstmordkämpfer agierenden gegnerischen Truppen stützen sich eher auf empirische Lebenserfahrungen, sei es im eigenen Land oder auch im Westen. Das gilt dann zu Recht als heimtückisch. Blutiges Vorgehen seitens westlicher Truppen wird moralisch weniger angegriffen, gilt seit Julius Cäsar sogar als „pazifierend“. Und das, obwohl der Menschenrechtsdiskurs, der alle Menschen und Kulturen auf eine Augenhöhe bringen will, nie lauter war als jetzt. Ein Großteil der Blütenträume, die mit der Besetzung Afghanistans ins Kraut schossen, werden sich wohl als eines der Hirngespinste des so genannten Orientalismus erweisen, eine ideologische Grundhaltung des Westens, die der aus Palästina stammende und bis zu seinem Tod 2003 an der New Yorker Columbia lehrende Literaturwissenschaftler Edward Said in seinem vielfach aufgelegtem Weltbestseller gleichen Namens kritisierte. Er verstand darunter die Kombination von Klischeevorstellungen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen über die islamische Zivilisation, die seit Jahrhunderten in jeweils aktualisiertem Mix für Eroberungskriege instrumentalisiert wird.

In ihrer modernen Form entstand die orientalistische Haltung mit Napoleon, der sich bei der Vorbereitung seines Ägyptenfeldzugs auf angelesene Kenntnisse antiker und auch neuerer Werke über den Orient stützte. Außerdem ließ er sich von mehreren Dutzend Orient-Gelehrten begleiten, die ihn nicht nur unablässig berieten, sondern auch ihre Eindrücke während des Feldzugs in ein künftig für ähnliche Zwecke zu nutzendes Archiv einbringen sollten.

Abd-al-Rahman, der erste arabische Chronist des Ägypten-Feldzugs, war sehr beeindruckt, „wie Napoleon seine Experten einsetzte, um die Begegnungen mit den Einheimischen zu organisieren – sowie einen modernen europäischen Wissenschaftsbetrieb aus der Nähe zu sehen.“ Napoleon nutzte „den Mamelukkenhass der Ägypter und die revolutionäre Parole der Gleichheit, um einen einzigartig umsichtigen und selektiven Krieg gegen den Islam zu führen.“ Immer versuchte er zu beweisen, „dass er für den Islam kämpfe; alles, was er sagte, wurde ins Koran-Arabische übersetzt, und das Oberkommando erinnerte die Armee laufend an die Empfindlichkeit der Muslime.“ Als er erkannte, dass seine Kräfte nicht reichten, um Ägypten dauerhaft zu besetzen, lud er Imame, Kadis, Muftis und Religionsgelehrte der Azhar-Universität ein, um sie zu bewegen, den Koran „direkt im Sinne der Grande Armée auszulegen“. Bei seiner Abreise wies er seinen Statthalter Kléber an, das Land „mit Hilfe der Orientalisten und der für sie eingenommenen islamischen Religionsführer zu regieren – alles andere sei zu teuer und daher töricht.“

Wie man an noch schwelenden „postkolonialen“ Konflikten etwa in Nordirland oder im Baskenland sieht, erfordert wirkliche Pazifizierung nicht Ausbeutung, sondern wirkliche Gleichstellung der „Kolonisierten“ mit der „Kolonialmacht“. Alles andere scheitert über kurz oder lang, soviel Wissenschaft auch investiert wurde. Sie hat scheinbar alles, was eintreten könnte im voraus berechnet und zur Zusammenarbeit mit den „Eliten“ geraten, nur eines kategorisch ausgeschlossen: dass die nichtwestlichen Mehrheiten, ehe sie sich auch noch von fremden Mächten ausplündern lassen, lieber ihre eigene Ordnung behalten, so „unterentwickelt“ sie auch sein mag. Deshalb spricht der westliche Eroberer à la Lawrence von Arabien, der sich durchaus von orientalischer Lebensart faszinieren lässt, dem Orientalen eine der seinen gleichwertige rationale Subjektivität ab.

Die Ideologie dieses unüberbrückbaren Gegensatzes zum Orient war – so Edward Said – bereits in den antiken Tragödien wie den Persern des Aischylos ausgebildet. Sie rechtfertigte einen Herrschaftsanspruch, sicherte ihn aber keineswegs automatisch ab, wie Euripides in Die Bakchen zeigen wollte. Hier ging es darum, dass viele Griechen während des Peloponnesischen Kriegs unter den Einfluss kleinasiatischer Kulte wie dem der Kybele, des Adonis oder gar der ägyptischen Isis gerieten, dadurch aber jene Rationalität des Denkens verloren, die sie gegenüber dem Orient stark machten. „Vernunft fällt den östlichen Exzessen zum Opfer, die in einem auf mysteriöse Weise reizvollen Gegensatz zu den als normal erscheinenden Werten stehen. Die Kluft zwischen Ost und West äußert sich in der Strenge, mit der Pentheus anfangs die hysterischen Bacchantinnen zurückweist. Als er später selber zu einem Bacchanten wird, muss er nicht deshalb sterben, weil er Dionysos nachgegeben – sondern weil er ihn von Anfang an unterschätzt hat.“ Die „orientalischen Mysterien“ sind also ernst zu nehmen, „nicht zuletzt deshalb, weil sie den rationalen westlichen Geist zu neuen Beweisen seines Ehrgeizes und seiner Macht herausfordern könnten.“

Die Rationalität des Imams

Obwohl der Westen anerkennen muss, dass der Orient die wohl ältesten Kulturstaaten der Menschheit mitsamt großartigen Technologien wie gigantischen Bewässerungssystemen und Monumentalbauten hervorgebracht hat, fällt es ihm doch schwer, die Gleichberechtigung einer anderen Rationalität und eines anderen Verhältnisses zwischen Verstand und Gefühl anzuerkennen. Bezeichnenderweise geht die Fähigkeit dazu mit der Ausbreitung pazifistischer Haltungen einher, während Bellizisten weiter von einer vermeintlich höher stehenden westlichen Rationalität ausgehen, die sich in technologischer Kreativität, in demokratischem Verhalten und der Respektierung der Menschenrechte ausdrücke.

Natürlich stritt Said nicht ab, dass die Orientwissenschaften eine Fülle wertvoller Erkenntnisse bringen, die dem Zusammenleben dienen könnten. Er kritisierte aber die methodischen Ordnungskriterien, die Ausgangs- und Zielpunkte, von denen aus die von den westlichen Staaten geförderten und politisch einflussreichsten Orientalisten ihre Arbeit organisieren: Selbst bei einem so produktiven Wissenschaftler wie Hamilton Gibbs werden Einzelerkenntnisse zum Klischee eines im Grunde einheitlichen Islam gebündelt, der keinerlei Entwicklungspotentiale besitzt. Dass diese ihm vor allem in der Phase der westlichen Kolonisation abgeschnitten wurden, verschweigt auch der große Bernard Lewis. Vom Kern eines unwandelbaren Islam her wird letztlich jedes muslimische Land erklärt – um westliche Einflussnahme zu rechtfertigen. Said hat die kritisierten essentialistischen Bilder kaum durch empirisch-soziologisch fundierte Gegendarstellungen entkräftet, sondern vom Prinzip her. Er begründete diesen Mangel damit, dass sein eigenes Fachgebiet die europäische Literatur sei und dass er daher auch nur einen, von seiner doppelten Kultur inspirierten, essentialistischen Ausgangspunkt nehmen konnte: die Überzeugung der Gleichberechtigung der Kulturen.

Diese Schlussfolgerung zogen indes auch Claude Lévy-Strauss und Pierre Bourdieu aus ethnologisch-empirischen Forschungen: Jede menschliche Gesellschaft beruht auf irrationalen und rationalen Regelwerken, die in Bezug auf ihren Lebensraum erstellt wurden. Dass sie Außenstehenden unverständlich sind, heißt nicht, dass sie nicht existieren. So hat mich erst die Debatte zum sexuellen Missbrauch durch Funktionsträger der Kirche darauf gebracht, dass Judentum und Islam hier mehr Ratio besitzen als der Katholizismus: Rabbiner beziehungsweise Imame müssen verheiratet sein, um die Missbrauchsgefahr, die ihr Amt mit sich bringt, zu mindern.

Wer reist, kommt öfter auf Aha-Erlebnisse. Ein Targi, dessen detaillierte Terrainkenntnis von hunderten Quadratkilometern Sahara ich lobte, erklärte, dass er selber allergrößte Orientierungsschwierigkeiten in Städten habe, weil Häuser und Straßen auf ihn so gleichförmig wirkten wie Geröllwüste oder Sanddünen auf mich. Später kamen wir noch darauf, dass er beim Gehen auf Beton ähnliche Rückenschmerzen bekam wie ich auf Sand und Geröll.

Sabine Kebir schrieb im Freitag zuletzt über Hegels Philosophie der Besteuerung

OrientalismusEdward Said Der Klassiker ist 2009 in einer neuen Übersetzung erschienen: S.Fischer, 464 S., 24,95

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10:00 26.09.2010
Geschrieben von

Sabine Kebir

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