Noch droht die Todesstrafe

Gastkommentar Nach europäischem Recht müsste Mumia Abu-Jamal längst frei sein

Dass Vergangenheit nicht einfach vergeht wie der Wind zeigt der gleichermaßen tragische wie unbequeme Fall von Mumia Abu-Jamal. Während mit Barack Obama erstmals ein farbiger Amerikaner Chancen hat, Präsident zu werden, verkörpert Abu-Jamal einen beschämenden Anachronismus aus der Zeit, da sich schwarze Bürgerrechtsbewegung und US-Staat in einem bürgerkriegsähnlichen Verhältnis gegenüber standen. Seit 26 Jahren sitzt er wegen angeblichem Polizistenmord im Todestrakt. Zwei Hinrichtungstermine wurden annulliert, weil es der weltweiten Unterstützungsbewegung immer wieder gelang, angesichts äußerst schlampig geführter Ermittlungen und eines von Anfang an parteilichen Gerichtsverfahrens einen Aufschub zu erwirken. Am 27. März 2008 nun setzte ein Berufungsgericht in Philadelphia das Todesurteil einstweilen aus. Das Verlangen nach einem neuen Prozesses blieb Abu-Jamal jedoch verwehrt. Es soll nur noch eine Anhörung geben, die entscheidet, ob das Todesurteil doch vollstreckt oder in lebenslange Haft umgewandelt wird.

Es herrschen erhebliche Zweifel, ob Abu-Jamal am 9. Dezember 1981 tatsächlich auf den Polizisten Daniel Faulkner schoss, während dieser seinen Bruder wegen eines kleinen Verkehrsdelikts schikanierte. Zweifelsfrei dagegen ist, dass Faulkner Abu-Jamal mit einem Schuss verletzte und der Vorfall für die rassistische Lobby ein willkommener Anlass war, einen Mann auszuschalten, der zur intellektuellen Führungscrew der Black Panther gehört hatte, bis er die Partei 1972 verließ. Danach stand Abu-Jamal der radikalökologischen Bewegung MOVE nahe, die nicht nur für Bürgerrechte eintrat, sondern auch gegen Konsumterror, verpestete Luft und Gentechnologien. Am 13. Mai 1984 wurde eine Siedlung von MOVE, in der auch Frauen und Kinder wohnten, von Polizei und Militär beschossen und dem Erdboden gleichgemacht.

Aus mittlerweile veröffentlichten Akten geht hervor, dass Abu-Jamal seit seinem 14. Lebensjahr vom FBI observiert wurde, der mittels gefälschter Briefe schon einmal versucht hatte, ihm zwei Morde im Ausland sowie einen Raubüberfall anzuhängen, doch hatte der Beschuldigte dank der Stundenabrechnungen seines Arbeitgebers ein unabweisbares Alibi.

Aus dem Zuchthaus heraus hat Abu-Jamal als Rundfunk- und Pressejournalist gearbeitet, mittlerweile mehrere Bücher publiziert. Ergreifend sind seine Reportagen über die Zustände in den Todestrakten, die mit "Psychofolter" nur milde beschrieben sind. Wie hat Abu-Jamal seine Lebens- und Arbeitskraft erhalten? "Du sorgst einfach täglich dafür, gut drauf zu bleiben, gesund zu bleiben, stark und menschlich zu bleiben." Schon in den neunziger Jahren setzten sich Richard von Weizsäcker, Klaus Kinkel und Rita Süssmuth für die Aufhebung der Todesstrafe ein. Als Zeichen für ihre weltweite Abschaffung wurde Abu-Jamal 2003 die Ehrenbürgerschaft von Paris verliehen. Für sein schriftstellerisches Werk erhielt er außerdem den Erich-Mühsam-Preis - seit August 2007 ist Abu-Jamal auf Empfehlung von Salman Rushdie Vollmitglied des amerikanischen PEN.

Zwar sind die Chancen gestiegen, dass es keine Hinrichtung gibt, es besteht aber die Gefahr, dass Abu-Jamal lebenslänglich in Haft bleibt. Die weltweite Unterstützerbewegung darf also nicht nachlassen, seine Freiheit zu fordern. Nach europäischem Recht stünde sie ihm schon jetzt bedingungslos zu.

Am 17. April um 20.00 Uhr lädt der PEN zur Solidaritätsveranstaltung für Mumia Abu-Jamal ins Literaturforum des Berliner Brecht-Hauses.

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Ihre Freitag-Redaktion

02:00 11.04.2008
Geschrieben von

Sabine Kebir

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Ausgabe 38/2020

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