Noch eine Idealistin

Ohne Peinlichkeiten Brechts "Mutter" wurde von Claus Peymann am Berliner Ensemble erfolgreich entstaubt

Die in den zwanziger Jahren als Charakterschauspielerin bekannte Helene Weigel entwickelte zusammen mit ihrem Mann, Bert Brecht, die sogenannte epische Spielweise: die Aufmerksamkeit der Zuschauer sollte nicht nur auf die dargestellte Figur, sondern auch auf die dargestellten Vorgänge gelenkt werden - auch und gerade in klassischen und antiken Stücken.

Eine richtig große Rolle für seine Frau zu schreiben, das hatte Brecht bis ins siebte Jahr ihres Zusammenlebens noch nicht fertiggebracht. Bis dahin konnte er in seinen Stücken keine Charakterdarsteller gebrauchen, denn es ging ihm gerade darum, die mörderische Austauschbarkeit der Individuen in der kapitalistischen Gesellschaft zu zeigen. Auch bei der Bühnenbearbeitung von Maxim Gorkis Roman Die Mutter hatte er zunächst nicht an seine Frau als Hauptdarstellerin gedacht. Als er versuchsweise doch mit ihr probte, zeigte sich, dass sie der Rolle gerade durch ihre Fähigkeiten als Charakterdarstellerin eine Tiefe und Konkretheit geben konnte, an die er auf der Bühne überhaupt noch nicht gedacht hatte. Ihre Fähigkeit zum epischen Spiel sorgte dafür, dass kein Naturalismus herauskam. So wurde die Arbeit an der Mutter zu einem Wendepunkt, der nicht nur die Künstlerfreundschaft des Paares auf eine neue Stufe hob, sondern eine völlig neue Rollenkonzeption in Brechts künftigen Dramen zur Folge hatte. Wo er vorher seine Figuren symbolistisch zeichnete, stattete er sie fortan mit soziologisch konkretem Habitus aus. Obwohl sie mit der Courage größere Erfolge feierte, blieb die Mutter Helene Weigels Lieblingsrolle.

Ich habe zwiespältige Erinnerungen an die weltberühmten Aufführungen der sechziger Jahre. Einerseits war da ein rührendes und perfektes Spiel der Weigel zu sehen, das man allerdings mit derselben Haltung entgegennehmen musste, mit der man auch in die Peking-Oper gegangen wäre. Das Stück war einerseits "Kult" - egal ob Ost- oder Westberliner, man ging auch hinein, wenn man es schon dreimal gesehen hatte -, andererseits wirkte vieles im dahindümpelnden Sozialismus nur noch peinlich. Lob des Kommunismus und Lob der Partei musste jedem, der nicht perfekt historisch und perfekt dialektisch dachte, grenzenlos naiv oder grenzenlos demagogisch erscheinen.

Und was soll Die Mutter jetzt auf dem Spielplan des Berliner Ensembles? Ich war erschrocken, als ich davon hörte. So ziemlich alle anderen Stücke Brechts schienen mir aktueller zu sein. Befremdlich auch die Idee, Rosa Luxemburg - noch eine Idealistin - an dieses idealistisch verstaubte Stück anzupappen. Und könnte Carmen-Maja Antoni - der Meistertroll des BE, nein, von ganz Berlin - die Rolle der Mutter bewältigen? Den charaktervollen Mutterwitz, den die Rolle verlangt, besitzt sie zwar, aber könnte sie ihr auch jenen Anflug von antiker Würde geben, mit dem die Weigel - und auch Therese Giehse - ihr einst Geschlossenheit verliehen?

Antoni stattete die Mutter mit jener Mixtur von Humor, Kraft und Todesmut aus, die die Schwächsten brauchen, um gegen das Fatum aufzubegehren. Und das, was man an klassischem Habitus hätte vermissen können, wurde - welch glücklicher Trick - durch die vor, neben oder hinter die Mutter einmontierte Therese Affolter eingebracht, die Reden und Gedanken der Rosa Luxemburg mit bemerkenswerter Grazie darbot. Durch diese Doppelung - einmal der zum Erkennen der Welt vordringende naive Diskurs der Mutter, zum zweiten der intellektuelle Diskurs der Luxemburg - verlor das, was die Mutter sagte, ganz seine mögliche Peinlichkeit. Der junge Markus Mayer als Pawel gab viel, aber gegen die beiden reifen Frauen kam er nicht ganz an. Manfred Karge - wohl das einzige "Relikt" aus den alten Mutter-Aufführungen des BE - war als Metzger großartig.

Claus Peymann hat das Stück durch geschickte Streichungen entrümpelt, ohne ihm seine Kernstücke zu nehmen: sogar Lob des Kommunismus und Lob der Partei sind wieder akzeptabel geworden. Die Mutter tritt am Ende nicht als heroische Künderin der gereinigten Zukunft auf, sondern jämmerlich von der Polizei zusammengeschlagen. Aber geschlagen gibt sie sich nicht: "Wer noch lebt, sage nicht: niemals!"

Die in den fünfziger Jahren von Dogmatikern als avantgardistisch-dekadent verschrieene, in den sechziger Jahren aber schon behäbig wirkende ursprüngliche Dekoration des Stücks hatte durch Ruth Berghaus´ Inszenierung 1974 einen neuen Touch bekommen. Sie spielte im modernen Großstadtmüll. Peymann war klug, einen Mittelweg zu wählen. Der historische Ort, Russland 1905, bleibt erkennbar, ansonsten wird das Stück im Stil und Tempo einer Politrevue der zwanziger Jahre gespielt. Eislers Musik wird so krächzend instrumentiert, wie es etwa 1932 im Gesellschaftshaus Moabit geklungen haben muss, wo damals Die Mutter unter feuerpolizeilicher Aufsicht nur gelesen und nicht gespielt werden durfte.

Möglich ist die glückliche Neuinszenierung des Stücks meiner Meinung nach überhaupt nur durch die Zeitenwende von 1989 geworden. Das Stück, das am Anfang eines Guten Neuen stehen wollte, am Ende des nur schlecht geratenen Neuen aber fast ins Peinliche abglitt, kann nun erst zur Parabel werden. Die russische Revolution von 1905, die wie die sowjetische von 1917 zu den Gründungsmythen des Realsozialismus im 20. Jahrhundert zählte, gehört heute ins Arsenal der abgeschlossenen Geschichte. Die politische Ökonomie der Ausbeutung, die in Brechts Mutter gelehrt wurde, ist in manchen Punkten überholt. Heute wird nur noch der, der ausbeutbar ist und sich auch ausbeuten lässt, überhaupt vom System ernst genommen. Deshalb reicht ein Streik der Arbeitenden bei weitem nicht mehr, um die Welt umzustülpen. Sollte noch einmal an einem Plan in dieser Richtung gestrickt werden, wird es andere Gründungsmythen und eine andere politische Ökonomie geben. Das Gleichnis, das Brechts Mutter noch zu bieten vermag, besteht in der einfachen Botschaft, dass der Kampf gegen das, was als Unüberwindbares gilt, nicht aufgeben werden darf und dass die Schwachen einer solidarischen Organisation bedürfen, um ihn überhaupt führen zu können.

01:00 24.01.2003
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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