Rauchzeichen ohnegleichen

Aufruhr der Peripherie Gegen ein Wertesystem, das Arbeitsmärkte in Sklavenmärkte verwandelt

Nun hat das angeblich so gut gebaute neue Europa, in dem alles für alle besser werden soll, etwas erlebt, was es bisher nur in Ländern gab, die man politisch korrekt, aber wenig aussagekräftig als "Peripherie" bezeichnet: eine zähe Jugendrevolte, auf die mit Ausnahmezustand reagiert wird. Sie blieb nicht auf die Peripherie der französischen Hauptstadt begrenzt, sondern ergriff das ganze Land, sprang sogar auf Belgien über.

Nachdem die Medien feststellen mussten, das Gespenst zu nähren, je öfter sie es zeigten, drosselten sie plötzlich die Berichterstattung. Aber wie es Gespenster so an sich haben - verdrängen lassen sie sich dadurch nicht. Psychoanalytisch gesprochen: das Verdrängte holt uns mit ziemlicher Sicherheit wieder ein.

Liegt es nahe, dass wir auch in Frankreich Episoden eines Weltkriegs zwischen Christen und Juden einerseits und Muslimen andererseits erleben, dessen Keim das ungelöste Palästinaproblem ist? Eine Aussicht, dass dieser Krieg auf die Art beendet werden könnte wie die Kriege des 20. Jahrhunderts, an die sich die Europäer als "Weltkriege" erinnern, gibt es nicht. Damals blieb die Souveränität auch der besiegten Länder von der Weltgemeinschaft anerkannt und konnte deshalb rasch rekonstruiert werden. Diesmal ist das anders. Auf der einen Seite steht ein von seinen eigenen Rechten zutiefst überzeugter Westen, was man deutlich daran erkennt, dass selbst Leute, die gegen diesen Krieg sind, das westliche "Wertesystem" für um so großartiger halten, je mehr es in der Praxis zerstört wird. Auf der anderen Seite steht ein vermummtes diffuses Gebilde, dem staatliche Souveränität a priori abgesprochen ist, weil es angeblich überhaupt keine - jedenfalls keine "modernen" - Werte hat. Tatsächlich erweist sich das diffuse Gebilde immer wieder als Ungeheuer, dem man mit High-tech zwar unablässig Köpfe abschlagen kann, das sich aber auf rätselhafte Weise regeneriert.

Solange die Geschehnisse in Frankreich von den Medien ausgiebig reflektiert wurden, war es aufschlussreich, dass die an der Revolte beteiligten Jugendlichen keineswegs religiöse Motive geltend machten. Obwohl sie in die schlechtesten Schulen ihres Landes gegangen sind, schienen sie erstaunlich gut in der Lage, die wahren Gründe ihres Aufbegehrens zu nennen: Ihnen werden die ansonsten so sakrosankten Grundrechte des westlichen Staatsbürgers verweigert, nämlich unabhängig von staatlichen Almosen ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen. Damit ist ein Tatbestand formuliert, der auch in Europa schon längst nicht mehr nur für Muslime und andere Einwanderer zutrifft, sondern für immer größere Teile der autochthonen - alt eingesessenen - Bevölkerung. Die jungen Franzosen nordafrikanischer Herkunft stehen quasi an der Spitze des Unbehagens gegen eine in der EU begonnene Politik der Umwandlung von Arbeitsmärkten in Sklavenmärkte. Das ist noch harmlos ausgedrückt: der eigentliche Sinn dieser Reform genannten Transformation besteht darin, dass es schon zum Privileg wird, überhaupt Sklave sein zu dürfen. Dass junge Muslime, denen dieses Privileg wesentlich häufiger versagt bleibt, gegen diese Entwicklung selbstbewusster vorgehen als die Autochthonen, hängt zweifellos mit ihrem Gefühl zusammen, in die Nähe des diffusen Ungeheuers gedrängt worden zu sein, ohne es selbst gewählt zu haben. Obwohl sich die Rebellen ausdrücklich von diesem Ungeheuer distanzieren, beziehen sie doch ihre Kraft aus dessen offensichtlicher Unbesiegbarkeit.

Die Alteuropäer samt ihren politischen Parteien können hingegen immer noch nicht recht glauben, was ihnen mit dem Wandel der Arbeitsmärkte eigentlich geschieht. Derzeit kann man sich eher einen Trupp autochthoner als muslimischer Ein-Euro-Jobber vorstellen, der morgens beginnt, in der Haltung von Moorsoldaten Tulpenzwiebeln in die Blumenbeete öffentlicher Parks zu stecken. Kaum noch jemand wagt, daran zu erinnern, dass solche Arbeiten bis vor kurzem zu tarifrechtlichen Bedingungen verrichtet wurden. Zu den Autochthonen, die ihre Arbeit immer billiger verkaufen, zähle ich im Übrigen nicht nur die Alteuropäer, sondern auch die Einwanderer aus Osteuropa. Dort hat die Bereitschaft, miserabel entlohnte, subalterne Arbeit im Westen anzunehmen, seit Jahrhunderten Tradition. Wer in kulturellen Schablonen denkt, darf darin die schöne christliche Disziplin erkennen, die den Muslimen eben fehlt, die ihnen aber anerzogen werden soll.

In dieser, eigentlich alle Europäer betreffenden Krise hat bisher nur die französische Regierung öffentlich Stellung bezogen und zwar so deplaziert, wie man es erwarten konnte. Wenn dem "organisierten Verbrechen" - Drogen-Dealern und Frauen-Händlern - die Verantwortung für die Unruhen unterstellt wird, besagt das: dem Protest wird keine legitime politische Vertretung zugestanden. Gedeiht nicht das "organisierte Verbrechen" auch deshalb, weil die Arbeitsmärkte kollabieren? Stellt es nicht den mächtigsten Teil einer unvermeidlich wachsenden informellen Ökonomie dar? Solange diese Ökonomie in den prekären Vierteln nur mit den ausgebeuteten Hilfskräften an Gemüseständen oder in orientalischen Bistros in Erscheinung tritt, drücken wir gern ein Auge zu. Dort gilt sie als ungefährlich, da sie - im Unterschied zum "organisierten Verbrechen" - nicht jene Quartiere erfasst, in denen sich das Leben unserer Wohlhabenden abspielt. Diese informelle Ökonomie ist sogar ausdrücklich gewünscht, weil sie als Modell für die Richtung gilt, in die sich alles entwickeln soll. Es geht nämlich schon lange nicht mehr darum, sich etwa auf die gesellschaftliche Perspektive der Benachteiligten einzulassen.

Genau hier scheitert der westliche Anspruch, den Menschen als Individuum anzuerkennen. Ein Versäumnis, das zusehends gefährlicher wird. Das Zeitfenster für ein Menschenleben, in dem Ausbildung und Berufsfindung sinnvoll sind, steht nicht lange offen.

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01:00 18.11.2005
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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Ausgabe 23/2021

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