Saudisches Kalkül

Nahost Zieht sich das Königreich aus dem Krieg im Jemen zurück? Undenkbar ist das nicht – aber unwahrscheinlich
Das Altstadtviertel in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa
Das Altstadtviertel in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa

Foto: Mohammed Huwais/AFP/Getty Images

Die Tragweite der von Saudi-Arabien angekündigten 14-tägigen Waffenruhe im Jemen ist noch nicht absehbar. UN-Vermittler Martin Griffiths meint optimistisch, die Feuerpause könne zu umfassenden Friedensgesprächen führen. Mit einer baldigen Öffnung des Flughafens von Sanaa und des Hafens von Hudeida sei zu rechnen. Das wäre tatsächlich ein enormer Fortschritt für eine vom Krieg ausgelaugte Bevölkerung, würde sie doch dadurch wieder besser mit Nahrungsmitteln versorgt. Auch eine Einfuhr von Medikamenten wäre besonders wegen der den Jemen erfassenden Corona-Pandemie von großer Dringlichkeit.

Nur, was hat von diesen Erwartungen Bestand, falls sich die Sanaa regierenden Huthis in einer Position der Stärke sehen und an Friedensverhandlungen noch kein Interesse haben? Ende März gelang es ihnen erneut, Saudi-Arabien mit Raketen zu beschießen, die zwar nicht eine solch verheerende Wirkung hatten wie die Drohnen, die 2019 Anlagen des Erdölgiganten Aramco trafen, aber immerhin Dschisan und die Hauptstadt Riad erreichten. Zudem stehen die Huthis vor der Einnahme der Provinz Maarib, die noch Truppen des von ihnen abgesetzten Präsidenten Hadi halten. Nicht auszuschließen, dass eine saudische Waffenruhe nur einem militärstrategischen Umsteuern dient, um Kräfte freizusetzen, die Hadis Verteidigung unterstützen.

Völlig undenkbar ist es freilich nicht, dass sich das Königreich etappenweise aus dem seit März 2015 mit großer Brutalität geführten Krieg zurückziehen will. Er kostet viel, ohne die gewünschten Ergebnisse zu bescheren. Meist wird da die Zurückdrängung des iranischen Einflusses geltend gemacht, der im Jemen aber eher kulturell als politisch besteht. Tatsächlich ging es den Saudis um die Quasi-Einverleibung des kleinen Nachbarn, der zu den wenigen nie kolonisierten Ländern der Region gehört und auch künftig eifersüchtig auf Autonomie achten wird, vor allem gegenüber dem starken nördlichen Nachbarn. Vielleicht ist Riad sogar daran gelegen, die Spannungen mit dem Iran etwas herunterzufahren. Seit bekannt wurde, dass der Mord am iranischen General Suleimani durch US-Raketen den Grund hatte, ein durch ihn gestartetes Verhandlungsangebot an Saudi-Arabien zu stoppen, darf in diese Richtung gedacht werden.

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Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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