Toter Raum

HAUPTSTADTKULTUR Für Touristen oder für Bürger?

Dass ganz Berlin heute weniger Kultursubventionen erhält, als Berlin-West vor 1989 ist eine Schande. Dass bei den Einsparungen schon lange nur noch von Kürzungen für Museen, Opern und Theater die Rede ist, ist eine weitere Schande. Über Soziokultur, Off- oder Kietz- Kultur, die den kulturellen Reichtum beider Teile Berlins bis in die Mitte der achtziger Jahre hinein ausmachten und auch die "Hochkultur" veränderten, wird nur deshalb kaum noch diskutiert, weil sie bereits kaputt gespart wurden. Für die Restbestände von Jugend-, Alten- und Frauenclubs, von Bibliotheken und Kleintheatern gibt es nur noch schlechte Gehälter (oder befristete ABM-Stellen) für Mitarbeiter. Honorare für Künstler sind oft gar nicht mehr vorgesehen oder lächerlich gering. Schon an den Gebäuden kann man sie als Orte erkennen, wo Arme ihre Freizeit verbringen. Orte, wo Kinder von Normal- oder Geringverdienenden künstlerische Techniken erlernen können, gibt es nicht mehr.

Wie stark das Missverhältnis zwischen der Finanzierung von Soziokultur und Renommierprojekten ist, zeigen Zahlen, die Kulturminister Nida-Rümelin Anfang Januar 2001 im Bundestag bekannt gab. Danach wird die Soziokultur in der gesamten Bundesrepublik mit 160 Millionen Mark gefördert. Der Etat des Berliner Ensembles allein beträgt 60 Millionen. (Nebenbei bemerkt reicht auch diese Summe nicht, denn viele der dortigen Inszenierungen gelingen nur mit dem Sponsoring von Großfirmen.)

Ganz offen argumentiert die Kulturpolitik mit dem Tourismus als einzig zukunftsfähigem Wirtschaftssektor. Für Touristen braucht man Theater, die bereit sind, mit Fast-Food à la Hollywood zu konkurrieren. Für Touristen richtet man die Museen nach den Moden der internationalen Kunstordnung her. Damit Touristen es nicht zu weit haben, sollen die in Dahlem sehr gut untergebrachten Sammlungen ins Zentrum. Möglichst ins wiederrichtete Schloss. Doch grenzt es nicht an eine Wahnidee, die MitteBerlins mit toter Kultur zu zu müllen?

Hauptstadtkultur wäre etwas anderes. Der Charme und die Ausstrahlungskraft der Kultur von Berlin-West bestand in den siebziger und achtziger Jahren darin, dass viele kleine Kulturinitiativen subventioniert wurden. Damit begannen sich Anfänge kultureller Demokratisierung zu entwickeln, erste Gehversuche eines engeren Verhältnisses zwischen Lebensrealität und Utopie. Im Osten gab es ähnliche Einrichtungen. Zwar bedurfte es hier besonderer List, um utopiefähige Konterbande in der Kunst unterzubringen. Aber diese List zu ersinnen und sie zu erkennen, war für Künstler und Publikum selbstverständlich. Außerdem - und hier war der Osten dem Westen voraus - waren die Grenzen zwischen hochkulturellem Kulturbetrieb, Vergnügungsindustrie und Soziokultur nicht so scharf gezogen, insbesondere, was die Eintrittsgelder betraf. Hier gingen weitaus mehr Menschen ins Theater oder in die Oper als heute.

Im Gegensatz zur DDR ist der Kulturetat der Bundesländer prozentual zum Bruttosozialprodukt immer klein gewesen. Selbst wenn man von einem objektiven Sparzwang ausgeht, bringt das Sparen an der Kultur so gut wie nichts. Für eine(n) rote(n) Kultursenator(in) wäre zudem die Erkenntnis wichtig, dass die Einsparungen politische Ursachen haben, Teil der Restauration sind. Man will die selbstbewussten kritischen Individuen gar nicht, die in einer Soziokultur entstehen würden. Und wer unter Zivilgesellschaft nur noch diejenigen versteht, die finanziell genug abgesichert sind, um auch noch ehrenamtlich gute Werke vollbringen zu können, der findet es nicht schlimm, wenn die meisten Menschen samt ihrem Nachwuchs kulturell auf das Fernsehen angewiesen bleiben. "Mitsprachekompetenz", "interkulturelle Begegnungen", kurz, die ganze wirkliche "Bürgergesellschaft" kann auf diese Weise nicht entstehen. Der letzte öffentliche Raum würde sich endgültig aufspalten in eine polizeilich abzusichernde Lebens- und Kultursphäre der VIPs und in einen bei Einbruch der Nacht großen toten Restraum, in dem Jugendbanden der verschiedensten Couleur ihr Unwesen treiben.

Ein(e) rote(r) Kultursenator(in) - egal ob aus PDS oder SPD, müsste das Ruder um 180 Grad herum werfen. Die Kandidatur oder das Amt sollte wenigstens genutzt werden, um den katastrophalen Stand der Dingen öffentlich zu benennen. Zu erinnern ist hier an die Aufrichtigkeit Christa Thobens, die für die CDU den Kultursenat übernehmen sollte, das Amt aber nicht antrat, nachdem sie die ihr zugestandenen Mittel mit den Aufgaben verglichen hatte. Ein neuer Stölzl würde das rot-rote Projekt Hauptstadt von Anfang an unglaubwürdig machen.

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01:00 04.01.2002
Geschrieben von

Sabine Kebir

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Ausgabe 38/2020

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