Umgetopft

Kommentar Kindergärten im Saarland gratis

Die CDU entdeckt ihr Herz für Kinder. Ihre Politikerinnen - zum Beispiel Rita Süssmuth - setzen sich plötzlich für die Vorschulerziehung aller Kinder ab dem dritten Lebensjahr ein. Dass die Partei es ernst meint, beweist das Saarland, wo sie regiert und wo ab 2001 Kindergartenplätze kostenlos sein sollen. Ist auch offensichtlich, dass das Herz für Kinder nur im Prokrustesbett der Opposition ausgebrütet werden konnte, so ist es doch schön, wenn beim eitlen Wettlauf der Parteien noch einmal etwas für die Kleinen herauskommt. Erstaunlich korrekt die Begründung: Die Situation der Kinder immer größerer Schichten habe sich nicht nur materiell verschlechtert, was sich beispielsweise an nachweisbaren Ernährungsmängeln zeige. Ebenso gravierend sei, dass zu Hause aufwachsende Kinder oft überhaupt keine Erziehung mehr bekämen, sondern einen Großteil ihrer Wachzeit vor dem Fernseher zubrächten. Da die traditionellen Kindergruppen auf den Straßen verschwunden sind, kommen sie selten mit anderen Kindern zusammen. Folge: ein erschreckendendes Defizit an kommunikativen Fähigkeiten.

In der Tat sind die Paradigmen der antiautoritären Erziehung auch in die Unterschichten dieses Landes vorgedrungen, wenn auch weitgehend in der Form autoritätsloser Erziehung. Und es ist evident, dass kommunikationsarme Kinder die Gewaltspiele der Flimmerkiste für legitime Umgangsformen halten, sobald sie doch einmal in kommunikative Situationen geraten.

Die saarländische Regierung hat erkannt, dass Mädchen und Jungen, die im Kindergarten waren, in der Schule reiferes Sozialverhalten zeigen als die zu Haus erzogenen. Sie hat auch erkannt, dass der Kindergarten ein Integrationsraum für ausländische Kinder ist, für deren sprachliche Vorbereitung auf die Schule die bislang einjährige Vorschulzeit keineswegs ausreicht.

Möglich, dass diese Einsichten zustandekamen, weil der französische Nachbar seit eh und je die »ecole maternelle« für Kinder ab drei Jahren und die Ganztagsschule hat. Es hätte freilich genügt, die Erfahrungen des Ostens vorurteilsfrei zu betrachten, statt persönlichkeitsschädigendes kollektives Topfen anzuprangern. Die CDU hatte es in den langen Jahren ihrer Regierung geschafft, der Gesellschaft weiszumachen, Erziehung zu Hause sei das »Natürliche«. In Wirklichkeit ist die isolierte Erziehung in Kleinfamilien ein historischer Sonderfall der bürgerlichen Epoche. In der ganzen Menschheitsgeschichte von der Urgesellschaft bis zu den Gesindehäusern des Mittelalters und den nichtbürgerlichen Gesellschaften von heute, haben sich Frauen gegenseitig in der Kindererziehung unterstützt. Die Kindergruppe ist das »Natürliche«, nicht die mit ihrem Kind eingeschlossene Mutter.

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