Vergessene Geschichte, ungewisse Zukunft

Geopolitik Schon lange kämpfen Afghanen um die Modernisierung ihres Landes. Was folgt auf die Intervention des Westens?
Vergessene Geschichte, ungewisse Zukunft
Schlange vor der Botschaft des Iran in Kabul

Foto: Wakil Koshar/AFP/Getty Images

Etlichen Ländern haben im 20. Jahrhundert zwei Jahrzehnte genügt, um sich zu alphabetisieren, eine industrielle Grundlage und eine verteidigungsfähige Armee aufzubauen. Wieso das in Afghanistan innerhalb von zwanzig Jahren mit westlicher Hilfe nicht ansatzweise geglückt ist, muss von den verantwortlichen Regierungen nun gründlich analysiert werden. Aber nicht nur von diesen: In der Bundesrepublik ist auch das Parlament, einschließlich der Opposition, für die Zustimmung zu Militäreinsätzen verantwortlich. Bis in die Grünen-Fraktion hinein hat die Mehrheit dem Engagement immer wieder zugestimmt. Selbst die Friedensbewegung muss sich fragen, ob sie sich genug um die Vorgänge in Afghanistan gekümmert hat.

Wenn jetzt vorgebracht wird, dass es eben sinnlos gewesen sei, moderne demokratische Strukturen einem Land aufzuoktroyieren, das noch mittelalterliche Strukturen aufweist, dann ist zu sagen: Das ist rassistisch und geschichtsvergessen. Man erinnere sich nur an die 1960er- und 1970er-Jahre, in denen eine breite, von Studenten geführte laizistische Schicht in Afghanistan einen zähen Kampf gegen die herrschenden Feudalkräfte führte. Zum Unglück für das Land wurde dieser Kampf 1979 mit der sowjetischen Intervention in einen Stellvertreterkrieg transformiert, in dem der Westen sich auf die Seite der zur Widerstandskraft stilisierten Feudalität schlug.

Pakistans Einfluss

Diese Unterstützung zahlte sich jedoch nicht aus, weil die Feudalkräfte nach dem Abzug der sowjetischen Truppen ihre Partikularinteressen geltend machten. Dass die Taliban nach 1994 mit Unterstützung Saudi-Arabiens und indirekt auch der USA von Pakistan aus Afghanistan erobern konnten, war ein erneuter Versuch, doch wieder westlichen Einfluss auf das Land zu gewinnen. Er führte aber dazu, dass die Taliban ein drakonisches islamistisches Regime errichteten und al-Qaida eine Operationsbasis boten.

Der Kampf um die Modernisierung Afghanistans startete also nicht erst mit dem Beginn der militärischen Intervention 2001, sondern schon lange vorher, in der afghanischen Gesellschaft selbst. Um so schmerzvoller und existenzgefährdender ist es für viele, insbesondere die Frauen, dass ihr Land jetzt erneut zum Islamischen Emirat Afghanistan werden soll. Allerdings hat letzteres für die Mehrheit der Afghanen gar nicht aufgehört zu existieren. Die NATO-Truppen sicherten in den vergangenen zwanzig Jahren nur die großen Städte und ihre eigenen Stellungen. Viel umfassendere ländliche Zonen blieben unter dem Regime der Taliban. Mit Unterstützung von Pakistan konnten sich diese ausreichend bewaffnen, ihr Einflussgebiet halten und schließlich in das durch den Truppenrückzug entstehende Vakuum vorrücken.

Dass die 250.000 Mann starke, vom Westen trainierte und bewaffnete afghanische Armee offenbar keinerlei Motivation hatte, sich für die pro-westliche Regierung in die Bresche zu werfen, sondern es vorzog, nicht zu kämpfen oder sogar zu den Taliban überzulaufen, hat den Westen brüskiert. Dabei war es ein Ausdruck politischer Klugheit, in dem nunmehr seit vierzig Jahren von fremdbestimmten Instrumentalisierungen und Bürgerkriegen gezeichneten Land endlich einmal Blutvergießen zwischen Afghanen zu vermeiden. Dafür spricht auch die von den Taliban verkündete Generalamnestie. Wenngleich es keine Garantie für einen wirklich friedlich verlaufenden Machtwechsel gibt, könnte diese zum symbolischen Akt der Neugründung der afghanischen Nation werden.

Ebenfalls unklar sind die Konturen der Veränderung des geopolitischen Kräfteverhältnisses. Afghanistan ist ein riesiger Territorialstaat, der mit Pakistan über ein großes verbündetes Hinterland verfügt. Es grenzt an den Iran, dessen Macht nicht nur im Irak gewachsen ist, sondern auch in Richtung Osten weiter wachsen könnte. China, das in einigen von den Taliban beherrschten Gebieten schon seit Jahren investiert, kündigte bereits an, diplomatische Beziehungen aufnehmen zu wollen – obwohl das in Gegensatz zur Unterdrückung der muslimischen Uiguren in China selbst steht. Russland verlautbarte, dass es eine Entscheidung über seine Beziehungen zu Afghanistan erst treffen werde, wenn die politische Richtung der neuen Regierung deutlicher werde.

Auch in der arabischen Welt könnten sich die Kräfteverhältnis verschieben. Saudi-Arabien, das einst zu den Unterstützern der Taliban gehörte, sah sich gezwungen, sein Botschaftspersonal vollständig aus Kabul abzuziehen. Dass die Taliban ins Lager Katars, dem Widersacher der Saudis, gewechselt sind, deutete sich bereits an, als die Verhandlungen mit den USA in Doha und nicht in Riad stattfanden.

Die wichtigste Auseinandersetzung steht innerhalb der NATO bevor, wo zumindest die Art infrage steht, wie die Intervention von den USA geführt wurde. Es dürfte deutlich werden, dass die Kosten des Vasallentums zu hoch sind. Zu hoffen ist, dass die Epoche des angeblichen Exports von Demokratie nach westlichem Zuschnitt durch militärische Eingriffe zu Ende geht. Mehr Nutzen hätten die Völker Asiens, Afrikas und Lateinamerikas von einer Epoche des wirtschaftlichen Wettbewerbs, in der der Westen einerseits und China und Russland andererseits allein mit friedlichen Mitten bei ihnen um Einfluss werben und sie ihr Schicksal selbst bestimmen.

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06:00 21.08.2021
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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Ausgabe 37/2021

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