Volksgemeinschaften oder offene Republik?

WAS WILL DIE MENSCHHEIT? Widerspruch zu den universalhistorischen Thesen des Historikers Dan Diner

Die kommende Jahrhundertwende - die ja sogar eine Jahrtausendwende ist - wird zweifellos Anlaß vieler Versuche historischer Aufarbeitung sein, hinter denen sich ein Wertekampf verbirgt. Denn auch eine objektiv wirkende Geschichtserzählung ist stets von Standpunkten des Erzählenden her organisiert. Obwohl solche Standpunkte und methodische Essenzen durchaus nicht nur Analyseinstrumente für die Vergangenheit, sondern auch Leitlinien künftiger Politik sein wollen, werden sie oft nicht explizit dargelegt, eben, damit das Werk »objektiv« und nicht als Ausdruck eines Wertekampfes erscheint. Eine besondere Brisanz erhält die interpretatorische Situation der Jahrhundertwende, weil ein wichtiger Akteur der Jahrhundertgeschichte - der Ostblock - infolge der Ereignisse von 1989 zum Schweigen gebracht ist. Wir werden es also vor allem mit Darstellungen und Standpunkten derer zu tun bekommen, die sich zu den Siegern zählen können. Daß der Ostblock - hätte er überlebt - zweifellos auch parteiisch-einseitige Darstellungen fabriziert hätte, deren Verlust im Grunde auch von der Restlinken nicht zu beklagen ist, ändert allerdings nichts daran, daß den herrschenden Siegerdiskursen etwas entgengesetzt werden müßte. Daß ich das Buch Das Jahrhundert verstehen des als liberal bekannten Historikers Dan Diner, der in Essen und Tel Aviv lehrt, den »Siegerdiskursen« zuordne, liegt an dem sich schon zu Beginn der Lektüre einstellenden Eindruck, daß das vergangene Jahrhundert von einer überraschend konservativen Position her aufgerollt wird, die ich als euro- und ethnozentrierte Königsebene bezeichnen möchte. Ganz selbstverständlich erscheinen die europäischen und amerikanischen Eliten, die sich am Ende des Jahrhunderts als Sieger erwiesen haben, auch als die relevanten Akteure des Jahrhunderts. Dessen dominierende Dynamik sei die Konkurrenz von Ethnien, Nationen und Staaten gewesen, nur sekundär mitbestimmt vom Antagonismus zwischen dem von Stalin ausgerufenen »Klassenkrieg« im Namen der »Gleichheit« und dem von den westlichen Demokratien verfochtenen Prinzip der »Freiheit«.

Trotz dieser teilweise recht grobschlächtigen Ausgangspunkte bietet Diners Buch im Detail interessante Informationen und diskutable Sichtweisen. Nicht nur anhand des Hitler-Stalin-Pakts, sondern eigentlich anhand der ganzen Stalinschen Außenpolitik wird gezeigt, daß das imperiale Streben der Sowjetunion das Konzept des »Klassenkampfs »letztlich immer dominiert hat. Auch England und Frankreich haben aus Diners Sicht vor allem territoriale und imperiale Politik betrieben. Daß diese ebenfalls dem Ziel der »Freiheit« übergeordnet war, suggeriert Diner allerdings nur, wenn er die langwierigen Versuche, die Kolonialreiche aufrecht zu erhalten, als unzeitgemäß einschätzt. Das (von ihm nie aus der Sicht der Betroffenen geschilderte) Befreiungsstreben der kolonisierten Völker sei zwar zunächst eher durch den Einfluß oder sogar die bloße Existenz des Ostblocks unterstützt worden. Aber - und dieser Gesichtspunkt scheint auch mir wichtig betont zu werden - es ist zugleich durch die Weltpolitik der USA gefördert worden, denen der Freihandel schon seit dem ersten Weltkrieg wichtiger erschien als territoriale Besitzerweiterung. Die Wirtschaftspolitik der alten Kolonialmächte beruhte dagegen auf strengen, protektionistisch-ökonomischen Grundlagen. Zu Diners interessantesten Kapiteln gehört denn auch die Schilderung der Übergabe der Führungsrolle Englands an die USA im Verlaufe der prokommunistischen Revolte in Griechenland (das zum breiten Schutzcordon des Wegs nach Indien gehörte) nach dem Zweiten Weltkrieg und der Führungsrolle Frankreichs an die USA im Verlauf des Vietminh-Aufstandes in Vietnam. Darüber hinaus zerstört Diner den üblichen selbstgefälligen Gründungsmythos der Europäischen Gemeinschaft, insbesondere der deutsch-französischen Annäherung, indem er sie als von den USA gewollt und initiiert darstellt: deren weltweites militärisches Engagement im Kalten Krieg war nur auszufüllen, wenn Deutschland als Bündnispartner wiederbewaffnet wurde. Die deutsche Wiederbewaffnung war aber nicht ohne Aussöhnung mit Frankreich denkbar, zu der letzteres nicht ohne weiteres zu bewegen war. Der EWG ging also die EVG voraus - die vor allem zunächst von den USA gewünschte Europäische Verteidigungsgemeinschaft.

Es wird vielen Lesern plausibel erscheinen, wenn Diner suggeriert, daß die heutige Situation auf dem Balkan eine Neuauflage jener Nationalismen darstellt, die dort seit der schrittweisen Auflösung des multiethnischen und multireligiösen Osmanischen Reiches immer wieder um neue regionale Gleichgewichte gerungen haben. Ein Ringen, das stets nicht nur von wirklichen oder vermeintlichen Interessen der vielen kleinen Völker bestimmt war, sondern auch von denen der Großmächte Rußland und England. Und welchem Leser leuchtete es auf den ersten Blick nicht ein, daß Diner die Vetreibung der Griechen aus Kleinasien durch die Türken am Ende des Ersten Weltkrieges als Paradigma späterer ethnischer Säuberungen definiert. Dieser Vertreibung sind gegenseitige Massaker vorausgegangen, das erste ging von Griechen gegen Türken in Smyrna aus, dem heutigen Izmir. Daß diese Vorgänge für europäische Verhältnisse eine neue Dimension hatten, ist wohl richtig. Wenn Diner sie aber praktisch zum Fanal der Ethnokonflikte und der beiden zentralen Menschheitsverbrechen des Jahrhunderts erklärt - der stalinschen Massenvernichtung und des Holocoast - blendet sein eurozentrischer Blick aus, daß Deportationen, Massenvernichtung und Genozid nicht nur in den Kolonien, sondern auch in der amerikanischen Gesellschaft als ein Recht von Militärverwaltungen oder auch als privates Bürgerrecht vor und im 20. Jahrhundert wahrgenommen wurden, die bis heute weder Wiedergutmachung noch Entschuldigung bedürfen. Ich möchte hier nur daran erinnern, daß die Kolonialmacht Frankreich 1946 einen Aufstand in Madagskar mit der Abschlachtung von 250000 Menschen niederschlug. Für die ethnozentrierte Geschichtsdarstellung stellt das deutsche Verbrechen gegen die Juden weniger einen Extrem- als einen Sonderfall dar. Diner distanziert sich von Goldhagen in der Bewertung der Rolle des ungewöhnlich großen Antisemitismuspotentials in Deutschland. Obwohl hier wahrscheinlich auch die durchgängig festzustellende Ausblendung kultureller Faktoren eine Rolle spielt, scheint mir Diners Argumentation bemerkenswert. Für ihn war außergewöhnlicher Antisemitismus jedenfalls nicht notwendig, damit die Ausgrenzung der Juden in den Holocaust mündete. Gerade die »industrialisierte«, d.h. stark arbeitsteilige Massentötung habe nicht vorausgesetzt, daß alle Beteiligten aus tiefer Überzeugung gehandelt haben. Diesen Standpunkt halte ich für wesentlich produktiver als die Thesen Goldhagens, denn er lenkt den Blick auf die dünne zivilisatorische Decke der modernen, hochgradig arbeitsteiligen Massengesellschaft überhaupt.

Es ist ein weiteres Verdienst Diners, klar herauszustellen, daß der Holocoast im Zusammenhang mit dem Waffengang gegen die Sowjetunion zu sehen ist, dem Unternehmen »Barbarossa« . Aus Nazi-Sicht waren die Juden sowohl verantwortlich für den Weltkaptalismus als auch für den Bolschewismus. An letzterem waren aber auch die als rassisch sehr minderwertig angesehenen Slawen beteiligt. Während der Krieg an den Westfronten unter relativer (aber keinesfalls durchgängiger und im Kriegsverlauf abgebauter) Respektierung des »modernen Kriegsrechts« geführt wurde, war das Unternehmen »Barbarossa« von vornherein ein totaler Vernichtungs- und Unterwerfungskrieg gegen durchweg minderwertige Rassen, der allerdings noch nach hierarchisierenden Gesichtspunkten organisiert werden sollte. Zunächst sollte auch die jüdische Bevölkerung des Ostens »nur« in »Reservaten« gesammelt und zur Zwangsarbeit unterworfen werden. Die Frage einer »Endlösung« blieb bis 1941 offen, dem Beginn des Rußlandfeldzugs, offen. Und auch sowjetischen Kriegsgefangenen - nicht nur Kommissaren - war dann der Tod fast ebenso sicher wie den deportierten Juden.

Mir erscheint wünschenswert, daß die von Diner vorgeschlagene Sicht der Verbindung zwischen Holocoast und dem Rußlandfeldzug in größere Diskussionszusammenhänge kommt, denn zumindest in den alten Bundesländern ist das Unrechtsbewußtsein gegenüber der Sowjetunion immer noch ungenügend entwickelt. Erstaunen und Ablehnung erregte bei mir aber seine Darstellung von Hitlers Machtübernahme, die gewissermaßen eine Personalintrige von Papens gegenüber Hindenburg gewesen sei, bei dem der Glauben geschürt wurde, daß Hitler nur Kanzler einer Koalitionsregierung mit dem Zentrum werden sollte. Wenn Diner auch interessant darlegt, daß in England durch die traditionelle Mäßigung und Kompromißbereitschaft der Pateien, die die jeweiligen Sozialpartner vertraten und in Frankreich durch die sowohl nach rechts als auch nach links koalitionsfähigen Radikalen totalitäre Gefahren von den politischen Instiutionen weitgehend gebannt waren und ähnliche Mechanismen in Deutschland eben fehlten, so scheinen mir damit doch nur wenige Aspekte von Hitlers Machtübernahme beleuchtet. Auch hier kommt wieder der grundsätzliche Mangel des Buches zum Ausdruck: die Geschichte des Jahrhunderts wird von der Königsebene her geschildert. Soweit Innenpolitik überhaupt Thema ist, bleibt sie auf die Dynamik des Parteienspiels und manchmal sogar auf das Anekdotische beschränkt. Soziologie und Ökonomie als Grundlagen- und Hilfswissenschaft der Historiografie scheint Diner nicht anzuerkennen. Vielmehr scheint er eine Wertegemeinschaft zwischen Führenden und Geführten der jeweiligen Gesellschaften (auch wenn sie in Parteien gespalten sind) vorauszusetzen, deren Funktion als Solidargemeinschaft vor allem aus dem ethnischen Gemeinschaftsgefühl erwächst. Es scheint mir auch kein Zufall zu sein, daß das Buch, das das ganze Jahrhundert behandeln will, eigentlich in den fünfziger Jahren schon endet. Die Phase der Blockkonfrontation, die sich laut Diner auf den Antagonismus von Stalins Klassenkampf und westlicher Freiheit beschränkt hat, braucht mit dem Sieg der Freiheit offensichtlich weder Darstellung noch Analyse. Und wenn wir uns heute wieder mit Ethnokonflikten herumschlagen müssen, die während der Blockkonfrontation seltener und weniger radikal waren, signalisiert das vielleicht nur die Wiedererlangung historischer Normalität? Nicht nur darüber wäre mit Diner zu streiten. Gerade die Geschichte der zweite Hälfte des Jahrhunderts kann meiner Meinung nach nur unter Zuhilfenahme soziologischer und weltökonomischer Aspekte gedeutet werden. Auch meiner Ansicht nach wäre es zu einfach, die Abschwächung der ethnischen Auseinandersetzungen zwischen 1945 und 1989 nur als Ergebnis der Blockkonfrontation zu sehen. Denn sie ist auch Folge der forcierten kapitalistischen Globalisierung, der Zunahme des Freihandels, gewesen und zwar in zwei gegensätzlichen Tendenzen. Konflikte zwischen traditionell verfeindeten Völkern und Volksgruppen wurden entschärft, wo sich bei Globalisierungsgewinnern Wohlstand schnell vermehrte wie beispielsweise bei Flamen und Wallonen in Belgien. Andere Länder, beziehungsweise Kontinente wurden durch die Zunahme des Freihandels ökonomisch ausgelaugt. Und gerade in solchen Gebieten konnten sich immer mehr Menschen wiederum ein Überleben eher in fremden Ländern und sogar in fremden Kulturen vorstellen als in ihrer »angestammten« Solidargemeinschaft. Auch die Motive und Hoffnungen der weltweiten Flüchtlingsbewegung, die eher eine ökonomische als eine politische ist, sind den Instrumentalisierungen, die zu Ethnokriegen führen, diametral entgegengesetzt. Die Geschichte der Migrationen wäre aber nicht von der »Königsebene« her zu schreiben, sondern sie wäre Teil der von Gramsci geforderten »Geschichte der Subalternen«. Andere Teile dieser »Geschichte der Subalternen« kämen zugleich nicht umhin, die politischen Organisationsversuche der Linken und der antikolonialen Befreiungsbewegungen ernst zu nehmen. Nicht alle können einfach nur dem Stalinschen Aufruf zum Klassenkampf subsumiert werden. Auch der Untertitel über die angestrebte universalhistorische Deutung ist nicht nur problematisch, weil das Buch ethno- und okzidentzentrisch konzipiert ist. Er sollte auch nicht als Bekenntnis des Autors zum republikanischen Universalismus mißverstanden werden. Diner stellt Ausschluß und Vernichtung der Juden durch die Deutschen insofern in Gegensatz zur Vernichtungspolitik Stalins, weil die deutschen Juden als »andere«, bzw. »Fremde« vernichtet worden seien, Sowjetbürger dagegen als »Dissidenten«. Es wäre aber zu betonen, daß aus republikanischer Sicht die seit vielen Jahrhunderten in Deutschland lebenden Juden weder Fremde noch »andere« gewesen sind, und die meisten haben sich auch nicht als solche gefühlt. Wenn eine kritische Sicht auf zweihundert Jahre Assimilation auch dringend notwendig ist, sollte man doch keinen Sichtweisen zuarbeiten, wodurch die antirepublikanische Rassentheorie der Nazis nachträglich eine Bestätigung erfahren, wenn sie auch positiv gewendet ist. Ich möchte auch ausdrücklich in Frage stellen, ob die wesentlich intensivere Erinnerung an die Vernichtung, die die Überlebenden des Holocaust gegenüber den Überlebenden des Stalinschen Terrors haben, eine Folge der von Diner hervorgehobenen Motivunterschiede sind. Kollektive Erinnerungen hängen mehr von Quantität und Qualität der Mediatisierung als von der mündlichen Überlieferung ab. Die Schwierigkeiten, die überlebende Opfer von Massentötungen haben, ihre Erinnerungen überhaupt zu verbalisieren, sind bekannt. Aus verschiedenen Gründen ist der Holocaust aber trotzdem länger und intensiver mediatisiert worden als Stalins Verbrechen. Kolonialverbrechen wurden und werden fast gar nicht mediatisiert und sind deshalb auch im kollektiven Gedächtnis der betroffenen Völker oft schon in der dritten Generation fast vollständig vergessen. Obwohl bei Diner eher der Ethnos als die religiöse Kultur den Ausgangspunkt der historischen Betrachtung bildet, wird hier wie bei Samuel Huntingtons »Clash of civilisations« suggeriert, daß Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Gemeinschaften unabdingbar sind. So sehr diese Sicht aktuellen Prozessen zu entsprechen scheint, muß doch die Frage gestellt werden, ob das 20. Jahrhundert nicht auch als gigantische Auseinandersetzung zwischen den Werten ethnisch konzipierter Gemeinschaften und republikanischen Werten gesehen werden muß, zu denen immer nachdrücklicher die Forderung nach dem Recht gehört hat, ethnische, nationale und staatliche Grenzen frei zu überschreiten und in neuer Heimat gleichberechtigt zu leben. Aus den Schwächen, die die realen Republiken des Westens aufwiesen, und den Verkrüppelungen, die die Republiken des Ostens und der Dritten Welt als ihre Geburtsfehler beibehielten, muß nicht notwendig folgern, daß der Ethnos auch in Zukunft über die Republik siegen muß.

Dan Diner: Das Jahrhundert verstehen. Eine universalhistorische Deutung. Luchterhand-Verlag München 1999, S., DM

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01:00 26.03.1999
Geschrieben von

Sabine Kebir

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