Von Bibliotheken ...

Theoretisch Bibliotheken haben viele Verehrer - dennoch konstatiert Bundespräsident Köhler ihren Niedergang

Als Bundespräsident Köhler in Weimar die unter anderem durch Spenden von über 20 000 Bürgern restaurierte Anna Amalia Bibliothek wieder eröffnete, erinnerte er an die vielen Tränen, die der Brand am 2. September 2004 ausgelöst hatte. Es habe nicht nur in Thüringen, sondern in ganz Deutschland und "weit darüber hinaus" tiefe Trauer geherrscht. Mir war es damals merkwürdig erschienen, dass man kaum etwas über Titel und Inhalt der verbrannten Bücher erfuhr. Es dominierten Bildberichte über die Zerstörung der kostbaren Räumlichkeiten. Ähnelte diese Haltung der Medien nicht der jener Banausen, die sich einst Buchdeckelattrappen in ihre Hausbibliotheken stellten, um Bildung vorzutäuschen? Betraf die Trauer womöglich vor allem das Prestigeobjekt Anna Amalia Bibliothek? Wenn andere Bibliotheken kaputt gespart werden, wird öffentlich weit weniger geweint. Es finden sich nur selten Sponsoren, um den massiven Rückbau der öffentlichen Bibliothekslandschaft aufzuhalten.

Dankeswerterweise nutzte der Bundespräsident seine Rede auch für "einen Seitenblick auf den bibliothekarischen Alltag in unserem Land". Das befremdliche Resümee lautete: "Zuerst die gute Nachricht: Es gibt noch Bibliotheken in Deutschland. Und dann die noch bessere Nachricht: Es gibt fantastische Bibliothekare in Deutschland".

Wie in anderen Sektoren auch, haben wir es hier mit einer hochqualifizierten Berufsgruppe zu tun, der die Struktur wegbricht, in der sie arbeiten kann. Die Stadtbibliothek Goslar etwa konnte nur als sogenannte "Bürgerbibliothek" weiter betrieben werden, was bedeutete, dass das qualifizierte Personal durch Ehrenamt und gebildete 1-Euro-Jobber ersetzt wurde. Mindestens ebenso traurig ist der quantitative und qualitative Schrumpfungsprozess der Bibliotheken aber für die Bürgerschaft, insbesondere für ihre ärmeren Teile und die Jugend, für die das Buch auf dem Buchmarkt seit Langem viel zu teuer ist. Der Bundespräsident stellte fest, dass in manchen Gegenden von "einem regelrechten Bibliothekensterben" zu sprechen sei. Auch Universitätsbibliotheken verfügten oft nicht über die Mittel für die notwendigsten Neuanschaffungen. Nur etwa 15 Prozent der Schulen hätten eine eigene Bibliothek, die zudem "nur selten bibliothekarische Mindeststandards" entsprächen. Die Klage des Präsidenten kann um weitere haarsträubende Informationen ergänzt werden: Jugendbibliotheken leiden nicht nur unter zu hohen Gebühren und oft altmodischer, für Jugendliche unattraktiver Ausstattung. Seit 2004 haben sie ihre Anschaffungsautonomie verloren. Egal ob so eine Jugendbibliothek in einem Wohngebiet mit "bildungsnaher" oder "bildungsferner", womöglich migrantischer Bevölkerung lebt, die Neuzugänge an Büchern stammen aus normierten Buchpaketen, die eine von den großen Verlagen unterhaltene Zentralstelle zusammenstellt. So sind "bildungsferne" Schichten vor querdenkerischen Büchern aus kleinen Verlagen sicher geschützt. Und der Spareffekt scheint so verlockend zu sein, dass dieses deutsche Modell im europäischen Raum Schule machte: Seit 2005 werden auch französische Jugendbibliotheken von Zentralstellen aus bestückt.

Hinter der Abwertung der Bibliotheken steht die Abwertung des Buches selbst. Dass besonders das untere Drittel der Gesellschaft auch in der Schule immer weniger Kontakt zu Büchern hat, gilt - in einem seltsamen Zirkelschluss - als Beweis für die Antiquiertheit von Büchern. Angeblich kann man sich heutzutage alles Wissen aus dem Internet holen. Viele glauben, sämtliche Bibliotheksbestände stünden der Allgemeinheit im Internet bald kostenlos zur Verfügung. Dass dies hinsichtlich der aktuellen Literatur nur unter weiterer Aushebelung des Urheberrechts möglich wäre, gilt als populistisches Argument für dessen Abschaffung. Solche Diskussionen negieren den Wert von Widersprüchlichkeit und Vielfalt der Wissens- und Werteproduktion. Denn der Blick ins Internet zeigt, dass das Web bislang meist der Hegemonie der ökonomisch Stärksten Vorschub leistet. Dass es selbst dies oft in recht bescheidener Form tut, wissen die sogenannten bildungsnahen Schichten genau: Entgegen allen Unkenrufen beschert ihr individueller Buchkauf der buchproduzierenden Wirtschaft alljährlich steigende Absätze. Was sich nicht verkauft, wird von den Verlagen nach wenigen Monaten eingestampft. Kulturell und ökologisch sinnvoller wäre es, gute Bücher in guten Bibliotheken bereit zu stellen. Denn immer noch ist Papier der beständigste Schrift- und Kulturspeicher.

Zweifellos jedoch wird die digitale Form für Wissensspeicherung und Lernen eine zunehmend größere Rolle spielen. Dazu müssten die Bibliotheken gerüstet sein - das sind sie bislang keineswegs. Der Bundespräsident konstatierte, die Mittel zur Langzeitspeicherung elektronischer Medien fehlten oft und zahlreiche Digitalisierungsprojekte seien gefährdet. Computerkabinette, die in anderen europäischen Ländern und den USA längst zum Standard gehören, sind hierzulande rar. In Nordamerika sind die Budgets öffentlicher Bibliotheken Streitpunkte kommunaler Wahlkämpfe, in Skandinavien ist die zeitgemäße Weiterentwicklung des Bibliothekwesens kommunale Pflicht. Dass in Deutschland Städte und Gemeinden derzeit an Bibliotheken hemmungslos sparen dürfen, hat Köhler als Mangel erkannt: "Durchgängige bildungspolitische Zielsetzungen gemeinsam mit dem Bibliothekswesen sind heute weder auf Länderebene noch in der Politik des Bundes in ausreichendem Maße anzutreffen." Das zu ändern sei eine dringliche politische Aufgabe, denn: "Die Chance zur kulturellen Teilhabe, der Zugang zu Kunst und Kultur, Geschichte und wissenschaftlichem Denken, ist das Recht eines jeden Heranwachsenden."

Tatsächlich könnten öffentliche Bibliotheken nicht nur stolze Tempel mehr oder weniger elitärer Wissensspeicherung sein. Als Institutionen einer wirklich demokratischen und weltoffenen Zivilgesellschaft würden sie auch die soziale Integration fördern.

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Geschrieben von

Sabine Kebir

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