Wanderfrust

Globalisierung Ist Migration etwas ganz Normales? Hannes Hofbauer hat Zweifel
Wanderfrust
Die Mehrheit derjenigen, die in ihrem Land ein gutes Auskommen finden, emigriert nie

Foto: Karina Knapek/AFP/Getty Images

Ist Migration eine positive Grundeigenschaft der Menschheit, die es immer gegeben hat und die als normal anzusehen ist? Hannes Hofbauer hält in seiner kürzlich erschienen Kritik der Migration energischdagegen: Von grenzüberschreitender Migration waren in den letzten Jahren, in denen sie stark anstieg, nur zwischen 0,6 und o,9 Prozent der Weltbevölkerung betroffen: „Die Norm ist der Sesshafte“, schreibt der Wirtschafts- und Sozialhistoriker. Der Grund für Migration, so Hofbauer, sei fast immer die Zerstörung lebensweltlicher Perspektiven: Krieg, Klimawandel, das Schwinden von Arbeitsplätzen, die nicht durch neue ersetzt wurden.

Die meisten, denen ihr Land auskömmliche Lebensperspektiven biete, emigrierten nicht und beschränkten sich auf Studienaufenthalte im Ausland und Reisen. Das sei, so der Autor, auch Voraussetzung für die Wahrnehmung familiärer Verantwortung. In der medialen Darstellung von Arbeitsmigration komme zu kurz, was notgedrungenes Verlassen der Familie für diese und Migranten selbst bedeute. Selbst wer Geld schicken könne, fehle oft als Partner, Miterzieher oder Pfleger.

Folgen von Arbeitsmigration auf der Makroebene der Herkunftsländer werden in den deutschsprachigen Medien so gut wie nie thematisiert, findet Hofbauer. Man müsse nicht auf Ärzteflucht aus Afrika oder einem Bürgerkriegsland wie Syrien schauen, es reiche der Blick auf die EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit. Ihrer Einführung gingen eine Hyperinflation und die anschließende Deindustrialisierung des ehemaligen Ostblocks voraus. Interessanterweise hätten Tschechien und Slowenien die Deindustrialisierung weitgehend verhindert, weshalb man hier kaum unter Arbeitsmigration leide, so der Autor, der bereits eine Monografie den Folgen der EU-Osterweiterung gewidmet hat (EU-Osterweiterung: Historische Basis – ökonomische Triebkräfte – soziale Folgen, Promedia 2007).

Wenn aber etwa 15 – 20 Prozent der rumänischen Bevölkerung ihren Lebensunterhalt im Ausland verdienen müssten, so bedeute das, dass in vielen kleineren Orten nur noch Kinder und Alte lebten und landesweit Fachkräfte fehlten. Um die rumänische Textilindustrie am Laufen zu halten, arbeiteten dort Frauen von den Philippinen, die – mit falschen Versprechungen angelockt – zumindest so lange billigste Arbeitskräfte seien, bis sie ihre Verträge erfüllt und Flugtickets abgearbeitet hätten. Profiteur der Arbeitsmigration ist, so Hofbauer, die Kapitalseite der Zielländer, die mit den Billiglöhnern enormen Druck auf die heimischen Lohnverhältnisse ausübt. Ausbildungskosten fielen weg, während Sozialkosten auf Steuerzahler abgewälzt würden. Im Jahr 1995 hätten 200.000 ausländische Bauarbeiter in Deutschland eine Beschäftigung gehabt, während 300.000 Bauarbeiter mit deutschem Pass erwerbslos gemeldet gewesen seien, schreibt Hofbauer. Bekannt ist, wie wenig die EU bereit ist, Arbeitslosigkeit abzufedern oder Mindeststandards des Arbeitsschutzes durchzusetzen. Das beleuchtet einen ihrer vormodernen Züge: Man will Migranten als flexible Arbeitskräfte, nicht als rechtlich gleichgestellte Bürger eines überstaatlichen demokratischen Bundes.

Hannes Hofbauers Buch will keinesfalls individuelle Gründe für Arbeitsmigration diskreditieren, auch wenn sie nicht in einer existenziellen Notlage bestehen, sondern starkem Lohngefälle zwischen verschiedenen Ländern geschuldet sind. Ihm geht es eher darum, Gründe und Folgen der enormen strukturellen Diskrepanzen zwischen Herkunfts- und Ankunftsländern zu kritisieren.

Die Mehrheit der Linken tut sich mit dem Aufzeigen dieser Schieflagen schwer. Angezeigt wäre eine Rückkehr zu den Instrumenten der Kapitalismusanalyse aus objektiver Perspektive.

Info

Kritik der Migration. Wer profitiert und wer verliert Hannes Hofbauer Promedia 2018, 272 S., 19,90 €

06:00 03.04.2019
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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