Wird der Sahel zum neuen Afghanistan?

Krise Die Truppen der EU-Staaten kämpfen mit Problemen wie am Hindukusch – die Lage ist allerdings noch komplizierter
Wird der Sahel zum neuen Afghanistan?
Dezember 2020: Nigerianische Eltern freuen sich über die Freilassung von mehreren Hundert Schülern, die von Boko Haram entführt und gefangen gehalten wurden

Foto: Kola Sulaimon/AFP/Getty Images

Wenn die Armee einen verhaftet, rächen sich die Terroristen an uns Zivilisten, weil sie meinen, dass wir sie an die Armee verraten haben“, klagt ein Bauer aus dem Nordwesten Malis. Dort wurden in der vergangenen Woche bei Anschlägen in vier Dörfern 51 Menschen ermordet. Das erklärt, weshalb viele Bewohner des Sahel nicht mehr auf Schutz durch offizielle Streitkräfte rechnen und diese auch nicht mehr im Kampf gegen die zahlreichen Dschihadistengruppen unterstützen, die sich teils al-Qaida, teils dem sogenannten Islamischen Staat (IS) zurechnen. Verständlich ist auch, dass viele Armeeangehörige nicht mehr kämpfen wollen, wenn sie den Rückhalt der Bevölkerung verloren und immer wieder schwere Verluste zu beklagen haben.

Eine solche – aus Afghanistan bekannte – Dynamik macht sowohl Zivilisten als auch Militärs zu wohlfeilen Geiseln eines offensichtlich nicht mehr beherrschten Konfliktgeschehens. Wer überleben will, muss schicksalergeben abwarten, was die Sieger irgendwann durchsetzen. Der gequälte Mensch dürstet nicht mehr nach Freiheit oder Gleichberechtigung, sondern nur noch nach einem einigermaßen friedlichen Alltag.

In den vergangenen Jahren greift der Terror auch in den anderen Sahel-Staaten immer weiter um sich. Um nur die letzten Gräuel zu erwähnen: Anfang Juni wurden im Dorf Solhan in Burkina Faso 160 Menschen von Islamisten getötet. Anfang August ereilte 30 Menschen im Norden des Landes dasselbe Schicksal. In Niger wurden seit Jahresbeginn 420 Menschen Opfer von Dschihadisten, allein im August waren es 37. Die Armee verlor dort kürzlich 21 Soldaten, sechs gelten noch als vermisst. Und im Tschad wurden Anfang August bei einem Scharmützel mit der Terrorgruppe Boko Haram 26 Soldaten getötet.

Im Sahara-Sahel-Raum gibt es keine Trennlinie zwischen Dschihadisten und kriminellen Banden – beide finanzieren sich durch Drogenhandel. Hinzu kommen zunehmende ethnische Konflikte. Im Tschad fand Anfang August eine Auseinandersetzung zwischen Viehzüchtern und Ackerbauern statt, die mit 22 Toten und 18 Verletzten endete. Das komplexe, oft undurchsichtige Konfliktgeschehen offenbart die Schwäche, ja die Abwesenheit von staatlichen Strukturen besonders in den ländlichen Gegenden.

Putsch in Mali und Tschad

Seit 2013 versuchen internationale Militärmissionen, den Dschihadismus im Sahel zurückzudrängen. Mit anderen europäischen Staaten ist die Bundeswehr an der Ausbildung der Armeen Malis und Nigers beteiligt. Außerdem ist sie Teil der „United Nations Multidimensional Integrated Stabilisation Mission“. Und sie ist – mit anderen EU-Staaten – auch Partnerin von Mali, Niger, Tschad, Burkina Faso und Mauretanien. Deren von der Afrikanischen Union mandatierte Armeen wollen gemeinsam die Sicherheit wiederherstellen. 2020 fanden im südfranzösischen Pau und im Februar dieses Jahres in N’Djamena, der Hauptstadt des Tschad, Strategietreffen zwischen den fünf afrikanischen Staaten und der EU statt. Die dort gezogene positive Bilanz und die in Aussicht gestellten Erfolge erscheinen nicht nur durch das Desaster in Afghanistan zweifelhaft, sondern auch durch die Entwicklungen in der Region. In Mali kam es zu aufeinanderfolgenden Umstürzen, über die die dort am meisten engagierte EU-Kraft – nämlich Frankreich – nicht vorinformiert war. Im Tschad geschah Vergleichbares. Obwohl Präsident Emmanuel Macron noch im Februar verkündet hatte, er werde die insbesondere bei den Maliern verhasste Anti-Terror-Mission seines Landes aufrechterhalten, vollzog er im Juli eine Kehrtwende. Nun will Macron das Ende des Einsatzes einleiten und die Zahl der 4.500 dort stationierten Soldaten verringern.

Da verwundert es nicht, dass die Regierung des Tschad am 21. August bekannt gab, von ihren aus 1.200 Mann bestehenden, im unruhigen Grenzgebiet zwischen Mali, Niger und Burkina Faso stationierten Truppen 600 Mann abzuziehen, weil sie zur Verfolgung von Dschihadisten nicht ausreichend ausgerüstet sein. Bekannt wurde auch, dass unter den Soldaten Unruhen wegen schlechter Versorgung ausgebrochen waren.

Während es dem Westen in Afghanistan noch gelang, die eigenen Stützpunkte zu schützen, sind diese im Sahel gefährdet. Ende Juli wurden Bundeswehrsoldaten in einer Wagenburg in Mali mitten in der Nacht überraschend angegriffen. Drei wurden schwer verwundet, neun weitere und ein Belgier leichter verletzt.

Trotz einiger Ähnlichkeit mit den Problemen in Afghanistan erscheint die Lage im Sahel noch komplizierter. Die Dschihadisten führen in den von ihnen kontrollierten Gebieten die Scharia ein, sind aber nicht in der Lage, ein einheitliches Kalifat zu errichten. Da sie vor allem am Drogen- und Menschenhandel verdienen, ist es ihr Ziel, die eigene Bewegungsfreiheit in den menschenarmen Räumen zu sichern. Städte können sie infiltrieren, aber kaum dauerhaft erobern. Um den Zerfall der Staaten zu verhindern, ist eine international koordinierte Perspektive zur sozialen Entwicklung erforderlich.

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 30.08.2021
Geschrieben von

Sabine Kebir

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Ausgabe 37/2021

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