Zündeln und befrieden

Schiitisch-sunnitische Fehde Cäsars "bellum gallicum" im besetzten Land?

Zeit und Orte der Anschläge konnten am 2. März 2004 nicht symbolträchtiger sein: die große schiitische Prozession zum Aschura-Fest, bei dem Hunderttausende Pilger in Kerbala durch leidenschaftliche Selbstkasteiung mit Hossein den letzten leiblichen Verwandten des Propheten Mohamed betrauerten, der im Jahre 680 in Kerbala durch seinen sunnitischen Gegner getötet worden war. Ein Attentat auf den im benachbarten Najaf befindlichen Grabschrein seines Vaters, des Kalifen Ali, konnte im letzten Moment vereitelt werden. In Bagdad traf dieselbe unsichtbare Faust exakt zur gleichen Zeit wie in Kerbala eine schiitische Prozession.

Doch was steckt hinter diesen Anschlägen? Für die US-Militäradministration war rasch klar, nur al Qaida sei zu einem solch koordinierten Vorgehen fähig. Osama bin Laden ließ diese Behauptung sofort dementieren: Muslime würden keine Muslime, sondern nur die Kreuzritter des Westens angreifen.

"Amriki! Amriki!", schrieen die aufgebrachten Menschen, die nach den Anschlägen durch Bagdad zogen und damit zum Ausdruck brachten, wie sehr sie die Besatzungsmacht in der Verantwortung sahen. Nach ihrer Ansicht waren nur die Amerikaner in der Lage, die für Attentate solchen Ausmaßes erforderlichen Mengen an Sprengstoff unkontrolliert in die Nähe schiitischer Heiligtümer zu bringen. Da sich die Besatzungsmacht schon zu Beginn ihrer Herrschaft als unfähig und auch nicht sonderlich interessiert gezeigt hatte, irakische Kulturgüter zu schützen, konnte es kaum verwundern, wurde sie erneut mit Kulturbarbarei höchsten Grades in Verbindung gebracht.

Da eine Konkurrenz zwischen Sunniten und Schiiten heutzutage nur noch von den Eliten Irans und Saudi-Arabiens ausgefochten wird, in den islamistischen Massenbewegungen selbst eher eine Annäherung, teilweise sogar Verschmelzung (etwa in Algerien) stattgefunden hat, ist es fragwürdig, von einer saudischen Verantwortung für die Anschläge auszugehen. Für die Sunniten ist Ali ebenfalls einer der vier rechtsgeleiteten Kalifen, wenn auch nicht derjenige, den sie gewählt hatten - aber sein Grab zu schänden, fiele keinem Sunniten ein.

So ungeheuerlich die Vorstellung sein mag, dass sich die Besatzungsmacht solch machiavellistischer Praktiken bedient - undenkbar ist es nicht. Schon seit Cäsars bellum gallicum gilt, dass der Eindringling, der sich nicht sofort durchsetzen kann, Konflikte unter einheimischen Gruppen säen muss, um sich schließlich als der einzig qualifizierte Pazifizierer darstellen zu können: "divide et impera". Der Verdacht gewinnt um so mehr an Kontur, je schlechter die westliche Sache im Irak zu stehen scheint und je mehr Pazifizierer in Erscheinung treten, um die dort tätige Fraktion der Willigen zu stärken.

Besonnen reagierten bislang nur die Iraker selbst, die zu ihrem eigenen Glück gebildet genug scheinen, um zu wissen, dass das Prinzip des bellum gallicum nicht nur in den historischen Kriegen galt. Sowohl die religiösen Autoritäten des Sunniten wie der Schiiten rufen sich gegenseitig auf, nicht in die fatale Falle des Bürgerkriegs zu tappen. Ähnliche Aufrufe hatte es auch in dem zur Zerschlagung bestimmten Jugoslawien gegeben. Sie wurden rechtzeitig von Heckenschützen erstickt und konnten die Maschinerie der Spaltung nicht stoppen.

Der Westen arbeitet seit Jahrzehnten an der Schwächung des Irak, dem eben nicht verziehen wird, dass er sich nach Abzug der britischen Mandatsmacht erfolgreich modernisierte, maßgeblich an der Gründung der OPEC beteiligt war und eine Politik der eigenständigen Verwaltung seiner Ölquellen bis heute verficht. Die westliche Maschinerie, die hartnäckig an einer Spaltung der Völker der Region arbeitet, darf man sich nicht weniger trickreich vorstellen als al Qaida. Es ist davon auszugehen, dass wir weder deren Pläne noch die des George Bush hinsichtlich des Irak auch nur annähernd kennen. Nach dem Kriegsgrund Massenvernichtungswaffen scheint nun auch das nachträglich bemühte Motiv, dem Irak Sicherheit und Menschenrechte bringen zu wollen, wie ein Kartenhaus zusammenzufallen. Peinlicherweise hat sich dagegen Saddam Husseins protzige Vorhersage bestätigt, die Besatzer würden Dinge erleben, die nicht einmal in ihren Alpträumen aufgetaucht seien.

Frieden am Tigris? Er ist weit - der einzige Weg zur Konfliktlösung bleiben Verhandlungen legitimierter Vertreter des Irak und der USA. Aber woher solche nehmen? Die nun ausgearbeitete neue Verfassung für den Irak mag vernünftig sein - von Quislingen vorgeschlagen, wird sie kaum Akzeptanz finden.

Statt um Teilhabe am Kriegs- und Wiederaufbaugeschäft zu buhlen, sollten die Europäer auf eine Deeskalation der Gewalt hinwirken, deren wichtigste Voraussetzung der Abzug aller fremder Truppen aus dem Irak und aus den Palästinensergebieten ist. Auch das Argument, wonach al Qaida den Irak unterwandert habe oder gar Saddams Baath-Partei Autorität zurückgewinnen könnte, ist wenig stichhaltig - gerade das hat die Besatzung bislang eher provoziert als verhindert. Es genügt nicht, wenn die Angehörigen der US-Soldaten ihren Boys kugelsichere Westen schicken. Klügere wussten schon, bevor er begann: den Krieg gegen den Terror kann man nicht gewinnen, weil er nur mehr Terror erzeugt.


01:00 19.03.2004
Geschrieben von

Sabine Kebir

Publizistin
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