Irrsinn ist eine Sprache

Kräutermedizin Hubert Fichtes und Leonore Maus Projekt "Psyche. Annäherungen an die Geisteskranken in Afrika"

Ein afrikanisches Kind trägt eine "negative Maske": Seine Augen sind verdeckt, der Rest des Gesichts ist frei. Die Maske selbst besteht aus einem leeren Tablettenstreifen, der mit einer Schnur um den Kopf gehalten wird. Dies Bild, aufgenommen von der Fotografin Leonore Mau, zeigt sehr genau, auf welchen strukturellen Konflikt sie selbst und der Schriftsteller Hubert Fichte in Afrika trafen: "Medizin", (westlich, modern), die keine mehr ist, und die aber in den noch bestehenden Naturreligionen - aus ihrem Kontext gelöst, in eine Maske verwandelt - zu einem Heilmittel, zu einer "Medizin" werden könnte.

Der 1986 gestorbene Hubert Fichte und Mau zeigen in ihrer literarischen, poetisch-wissenschaftlichen beziehungsweise fotografischen Arbeit, wie in Afrika ein magisches und ein säkulares Weltbild aufeinanderprallen. Den hinsichtlich der außereuropäischen Kulturen oft beschworenen "Synkretismus", also das Verschmelzen diverser Lehren und Deutungen von "Welt", sollte man sich wohl kaum als einen sanften, "flüssigen" Vorgang vorstellen. Verschiedene Heilmethoden gegenüber psychisch Kranken treffen mit Wucht aufeinander, und oft sind sich weder Ärzte noch Patienten klar darüber, welchem Verfahren sie eigentlich trauen. Ist ein Elektroschock für psychisch Kranke weniger brutal als die traditionelle Fesselung der Füße in einem ausgehöhlten Baumstamm? Und umgekehrt, sind traditionelle Hitze- und Ekelschocks oder Schläge wünschenswert im Vergleich mit ergotherapeutischen Methoden - nur was dann, wenn bestimmte handwerkliche Betätigungen tabuisiert und von den Göttern verboten sind?

In den siebziger Jahren, als viele andere deutschsprachige Autoren auf dem Weg in die "Innerlichkeit" waren, gingen Fichte und Mau nach draußen, zu den außereuropäischen Kulturen; so entstanden Bände wie Xango und Petersilie: Ethnologische Untersuchungen der Frage, wie andere Kulturen mit diversen Minderheiten in ihrer Gemeinschaft umgehen. Psyche. Annäherung an die Geisteskranken in Afrika setzt die Untersuchung fort.

Das Buch zeigt: "Irrsinn" ist einerseits eine Sprache, ein System, das die Verbindung von Diesseits und Jenseits herstellt. Insofern hat jedes Fest und jeder Ritus durchaus eine psychiatrische Komponente, etwa wenn es um das Besessensein durch einen Gott, um Einweihung, um rituellen Tod und Heilung als "Erhellung" geht. Andererseits ist das Irresein eine Krankheit nicht nur des einzelnen Patienten, sondern Ausdruck des Zerrissenseins ganzer Gesellschaften, die unter Transkulturation und Entfremdung leiden.

Die weißen Ärzte, ob sie mit pharmazeutischen Produkten, traditioneller Psychoanalyse oder mit Konzepten, die denen der Antipsychiatrie verwandt sind, arbeiten, sie sind natürlich nicht die uneigennützigen Helfer, als die sie sich oft selbst gern sähen. Sie sind verstrickt in die Strukturen des Rassismus und (Neo-)Kolonialismus: Einige sprechen und verstehen noch nach langjähriger "Entwicklungshilfe" keine afrikanische Sprache. Der universitäre Druck des "publish or perish" bewirkt, dass die Patienten teilweise lediglich als "anthropologisches Material" gesehen werden. Die Pharmaindustrie hat ein Interesse daran, ihre Produkte testen zu lassen. Ein Arzt sieht seine Arbeit in einem psychiatrischen Dorf lediglich als Absprungbrett für seine Karriere bei der WHO. Und was die traditionelle Kräutermedizin anlangt, (warme Pflanzen, kalte Pflanzen, solche, denen man sich nur schweigend nähern darf, oder nüchtern) sind die Psychiater ohnmächtige Zeugen dafür, wie mit dem Urwald zahlreiche Heilpflanzen verschwinden.

Psyche gehört in Hubert Fichtes großes Werkprojekt, in die "Geschichte der Empfindlichkeit". Der jetzt in der ursprünglich geplanten Form vorliegende Band zeigt einmal mehr, wie produktiv das Verfahren der Montage aus Interview, Monolog, Fotografien, Dialogen und Dichtung ist: Fichte und Mau arbeiten ihrerseits synkretistisch, grenzüberschreitend. So widersprechen und ergänzen sich die einzelnen Aussagen der Befragten, und der Leser/Betrachter kann nachvollziehen, dass "die Welt" und "das Individuum" nichts Ungebrochenes, Ganzes, Pures sind. Die Vorstellung einer im Kern unbezähmbaren Seele, eines im Kern unbegreiflichen Körpers, die Vorstellung einer radikalen Fremde also hat bei Fichte/Mau nichts Exotisches, gar Romantisches. Sie ist vielmehr eine Verstörung, eine Provokation; sie enthält ein Moment des Widerstands. So ist auch der in den achtziger Jahren konzipierte Band Psyche zwar nicht bahnbrechend "neu" in seinen Beobachtungen und Mitteilungen; aber die Frage nach der Vielstimmigkeit, der Unberechenbarkeit des Menschen ist über jede Aktualität hinaus gültig.

Hubert Fichte/ Leonore MauPsyche. Annäherung an die Geisteskranken in Afrika. Fischer, Frankfurt am Main 2005, 336 S., 86 Abbildungen, 150 EUR

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