Will you still need me?

Vernetzen Renate Schernus, Fritz Bremer und Klaus Dörner schreiben über den hilfsbedürftigen und den helfenden Bürger. Zwei Bücher über neue Formen sozialer Hilfe im Alltag

Das Gesundheits- und Sozialsystem steckt in der Krise: Die vielen Schwachen "rechnen sich nicht", das weiß jeder. Depressionen, Sucht- und Angsterkrankungen nehmen zu. Das Sterben an akuten Krankheiten tritt hinter andere, sich lang hinziehenden chronischen Erkrankungen wie Demenz zurück. Auf die wie eine Naturkatastrophe beschworene Alten-"Flut", auf die wachsende Zahl von Hilfebedürftigen reagieren Staat, Wirtschaft, und selbst Sprecher karitativer Institutionen zunehmend mit ökonomischem Vokabular und entsprechenden Techniken.

"Will you still need me/ Will you still feed me/ When I´m sixty-four", sangen die Beatles 1966. Mit 64 Jahren ist man heute nicht "alt"; in hiesigen Breiten kann man die Zahl ohne weiteres auf 74, 84 Jahre erhöhen. Die zweifache Frage der Beatles aber, ob "du" "mich" brauchst, und ob "du" "mich" fütterst, wenn "ich" alt oder aus anderen Gründen hilfsbedürftig bin, wird immer brisanter. Zwei Bücher zu dem Thema sind da hilfreich.

Renate Schernus und Fritz Bremer, die als Therapeuten und Pädagogen im sozialpsychiatrischen Bereich arbeiten, haben mit der Aufsatzsammlung Tyrannei des Gelingens ein Plädoyer gegen das marktkonforme Einheitsdenken in sozialen Arbeitsfeldern vorgelegt. Und der Psychia­ter Klaus Dörner, der durch sein mit Ursula Plog verfasstes Lehrbuch Irren ist menschlich eine breite Leserschaft fand, zeichnet die Konturen eines neuen Hilfesystems: Leben und sterben, wo ich hingehöre, heißt sein letztes Buch. Die beiden Veröffentlichungen ergänzen sich, sie sind verwandt in der Analyse und dem Menschenbild. Sie sind verwandt im kühnen Entwurf für eine Gesellschaft, in der man sich nicht aus Angst vor Schwäche, Altern und Sterben an Selbstbestimmung suggerierende Patientenverfügungen krampft oder hinter vorgehaltener Hand von der Schweiz und den Niederlanden spricht, wo es einfach sein soll mit dem Suizid.

Aus langjährigen Arbeitserfahrungen, die Schernus und Bremer gesammelt haben, problematisieren sie den schleichenden und dabei hartnäckigen Mentalitätswandel im Gesundheits- und Sozialwesen: Wenn der Mensch der Wirtschaft weder durch Arbeit noch durch Konsum dienen kann, gerät er in ein Niemandsland. Bremer und Schernus bündeln empörende Realitäten und kommen daraus zu der alten immer neuen Frage: Hat der Mensch eine Würde oder allenfalls einen Wert? "Wert" bemisst sich am Geld; da geht es also darum, was ein Kranker "die Gesellschaft" kostet. Daher die zunehmende Standardisierung von "Leistungen" im sozialen Bereich, bei der übersehen wird, dass Menschen nicht nach Gebrauchsanweisungen funktionieren. Patienten, die euphemistisch als "Kunden" bezeichnet werden, bekommen ein bestimmtes Dienstleistungspaket "angeboten" oder eben nicht.

Der "Kunde", der "Klient", der ein Angebot bekommt, sofern es vorrätig und bezahlbar ist, unterscheidet sich allerdings von einem hilfsbedürftigen "Bürger", der schlicht und einfach Rechte hat. Das neoliberale Geschwätz von der Eigenverantwortung, so die Autoren, blendet aus, dass Verantwortung, wörtlich genommen, sich immer auf ein Gegenüber bezieht, dem zu antworten wäre. Menschen hatten und haben immer wieder eine fragile Balance zu finden zwischen Autonomie und Abhängigkeit. Die einseitige moderne Leitvorstellung von der alleinseligmachenden Autonomie dient als Argument, sich von sozialer Verantwortung zu entlasten; sie gefährdet diejenigen, die sich nicht selbst helfen können.

Schernus und Bremer setzen den allgegenwärtigen Glücksverheißungen- und Forderungen, die das gute Leben am Erfolg messen, etwas anderes entgegen: Sie erinnern an das Recht auf Unvollkommenheit. Dem versehrten, beschädigten Menschen ist nicht mit immer neuen Dokumentationssystemen und Datenanhäufungen, die in Datenfriedhöfe übergehen, zu helfen, sondern vielmehr durch konkrete Andere, etwa die im Freundes- und Bekanntenkreis, in der Nachbarschaft. Schernus´ und Bremers Überlegungen zu bereits funktionierenden und weiter auszubauenden Netzwerken treffen sich mit den Thesen Klaus Dörners. Dörner, der seinem Text das Lied der Beatles vorangestellt hat, ist einer der bekanntesten Vertreter des Konzepts der Bürger-Vernetzung und der De-Institutionalisierung: Nicht nur die Kinder- und Jugendheime gehörten - wie in den sechziger, siebziger Jahren geschehen - aufgelöst. Auch Behinderten- und Altenheime als Massenhaltung sind eine "Konzentration der Unerträglichkeit"; die Altenheime zunehmend mehr, weil die sogenannten "fitten" Alten immer häufiger ambulant zuhause oder in Wohnprojekten versorgt werden.

Dörners Ansatz ist radikal: Nicht der behinderte und oder alte Mensch möge "reif" gemacht werden für ein fernliegendes Leben und Sterben zuhause, sondern er hat jetzt das Menschenrecht auf ein Zuhause; Hilfe muss zum Bürger kommen und nicht umgekehrt. Der Professionalisierung des Helfens, die mit der Industrialisierung aufkam, setzt er den zwar teils unwilligen oder scheuen, aber letztlich verantwortungsbewussten Angehörigen, Wahlverwandten, Nachbarn, Freund entgegen beziehungsweise fügt ihn als unbedingt notwendiges Bindeglied zwischen Profi und Patient ein. Nicht dialogische, sondern erst trialogische Beziehungen erlauben es, die Hierarchie zwischen Profi und Patient zu aufzulösen oder zumindest durchschaubar und durchlässiger zu machen.

Wie Schernus und Bremer führt auch Dörner eine Fülle vorbildlicher Beispiele in allen möglichen Städten und Gemeinden an. Dabei sind alle drei Autoren weit davon entfernt, Entfremdungserscheinungen auszublenden; natürlich wissen sie um Patchwork-Familien und um die Vereinzelung durch Flexibilitäts- und Mobilitätszwänge. Aber die Auflistung vieler im öffentlichen Diskurs fast unsichtbarer Initiativen ist beeindruckend: Hospizbewegung und Aidshilfe, betreute Wohngemeinschaften, integrierte Kindergärten, Arbeitsplätze für Behinderte im Hotelgewerbe und der Gastronomie, Tauschbörsen, Selbsthilfegruppen, Siedlungsbewegung und Bürgerhelfer.

All diese Bewegungen sind leicht zu belächeln oder schlecht zu machen - ihnen haftet der Ruch des Ehrenamtlichen an, der Ruch des Gutmenschen mit "Helfersyndrom", der Ruch des "hilflosen Helfers", des billigen Lückenbüßers für gelernte Kräfte. Dörner schert sich nicht groß um solche Vorwürfe. Er bedauert eher, dass die hier Tätigen im Grunde noch kein Bewusstsein ihrer selbst haben, dass sie sozusagen nicht wissen, was für ein starker Arm sie sind oder werden könnten, jenseits der Imperative des Markts. Alle drei Autoren üben eine historisch eingebettete und dabei aktuelle Kritik an Politik und Ökonomie; gleichzeitig würdigen und ermutigen sie soziale Bewegungen. So sympathisch und oft entdeckerisch ihr Ansatz ist, sich quasi am Diktat der Ökonomie vorbeizuschmuggeln, hat er auch eine problematische Seite. Denn es fragt sich doch, wie weit sich die Integration hilfsbedürftiger Menschen unter gegenwärtigen neoliberalistischen Bedingungen tatsächlich herstellen lässt.

Die dem Kommunitarismus verwandten Gedanken: Suche nach einem Gleichgewicht zwischen Individualismus und Solidarität; Betonung der Gemeinschaft, in der Starke und Schwache gleichermaßen Rechte und Pflichten haben; Nachbarschaft, Stadtteil und Gemeinde als kleinste, überschaubare und funktionsfähige Einheiten, in der auch die Schwächsten getragen werden - sie lassen ein ganz konkretes und gleichzeitig ganz abstraktes Problem weitgehend beiseite. Die Eigentumsverhältnisse. Ein bezahlbares Wohnangebot für Hilfsbedürftige, die nicht mehr in Heimen konzentriert werden sollten, findet sich meist nur in Stadtteilen, die ihrerseits als "sozial schwach" gelten, in Hamburg etwa Steilshoop, Sankt Georg, Horn. Diese Gemeinden haben zu tragen, was betuchte Stadtteile wie etwa Pöseldorf oder Blankenese von sich weisen. Der Staat greift aber hier nicht ein; sein Gewaltmonopol lässt die Besitzverhältnisse unberührt.

Man kann Schernus, Bremer und Dörner nicht vorwerfen, dass sie kein Rezept für die radikale Umgestaltung dieses Verhältnisses haben - man kann allenfalls bedauernd feststellen, dass hier Grenzen liegen, innerhalb derer auch sie nur appellieren können. Etwas selbstironisch heißt es bei Dörner, "die vielen Gesetzgeber, die dieses Büchlein bis hierher gelesen haben, werden sich schon viele Notizen gemacht haben und ganz aufgeregt sein." Abgesehen von diesen zweifelhaften potentiellen Lesern sind beide Bücher ganz allgemein äußerst empfehlens- und diskussionswert; sie regen an, und das, obwohl man manchmal über die vielen Wiederholungen stöhnt. Hier wird erfreulich undogmatisch und dabei leidenschaftlich, maßlos und gleichzeitig bescheiden über "unsere" Bewegung und Zuständigkeit nachgedacht. Das ist unbequemer als Resignation angesichts der Verhältnisse. Es ist natürlich auch fehleranfällig, aber, so schreibt Dörner: "Beim Helfen gibt es Richtiges nur als korrigiertes Falsches. So können wir wenigstens vorwärtsirren."


Klaus Dörner Leben und Sterben, wo ich hingehöre. Dritter Sozialraum und neues Hilfesystem. Edition Jakob van Hoddis im Paranus, Neumünster 2007, 220 S., 19 EUR

Renate Schernus/ Fritz Bremer Tyrannei des Gelingens. Plädoyer gegen marktkonformes Einheitsdenken in sozialen Arbeitsfeldern. Paranus-, Neumünster 2007, 200 S., 16,80 EUR

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