Lautsprecher

WOCHE DES HÖRSPIELS Der Reichtum eines Genres

Kinder bekommen manchmal von ihren Eltern Schallplatten, Kassetten oder CDs geschenkt, auf denen Käpt'n Blaubär, das Sams, Alfons Zitterbacke oder einfach Kasperl und Sepperl wilde Abenteuer erleben. Sie kriechen dann für eine gute Stunde aufmerksam in die Lautsprecher, angekommen im Land der selbstgebastelten Wundermaschinen, sprechender Tiere und mutigen, elternlosen Kinder. So könnte die Geschichte vom Beginn einer Liebe zum Hörspiel lauten, und so eröffnete auch die diesjährige Woche des Hörspiels in der Akademie der Künste zu Berlin mit einem Kinderhörspieltag. Diese Veranstaltung, die jedes Jahr im November zehn Produktionen aus allen Rundfunkanstalten der ARD vorstellt, ist etwas besonderes im Reigen der Wettbewerbe und Preisverleihungen: Nur hier entscheiden ganz normale, nichtprofessionelle Hörer in einer per Losverfahren gebildeten Jury, welche Produktion den "Lautsprecher" gewinnt.

Das Spektrum der vorgestellten Hörspiele reicht so weit, wie die Geschichte des Hörspiels alt ist - wenn man außer den aktuell produzierten Wettbewerbsteilnehmern auch den Klassiker zuhört, die tagsüber in den Workshops vorgestellt werden. Im Wettbewerb konkurrierten Produktionen wie Enigma vom MDR, die allein auf die Sprecherstimmen vertrauen, mit einem akustischen Roadmovie wie Stopper (WDR), in dem die Texte von Rappern gesungen werden. Doch Erfolgsautor Tim Staffel legt so wenig Wert auf die Qualität der Dialoge, nähert sich stattdessen so sehr dem Genre der Foto-Love-Story an, dass nur ein bestimmtes jugendliches Zielpublikum begeistert zuhören wird.

Vielleicht war dieser wenig enthusiastische Höreindruck aber auch dem vorhergehenden Hörspiel geschuldet. Mit Sprechakte haben Radio Bremen und Deutschland Radio Berlin eine Inszenierung gewagt, die gänzlich außerhalb jeglicher Zeitgeistthemen und Moden eine einfache Geschichte bezaubernd musikalisch erzählt. Zwei Paare erleben einen ganz normalen Feierabend. Die Frauen warten zu Hause auf ihre Männer, begrüßen sie mit Whiskey und Crackern und erkennen schon an den Geräuschen der klirrenden Eiswürfel, in welcher Verfassung sich der Geliebte befindet. Das alles wäre eine ganz banale Alltagsepisode, wenn nicht Anna und Julia außerdem auch nach der Identität einer Leiche fahnden würden. Und wenn nicht der Text, vorwiegend aus Regieanweisungen bestehend, von Christiane Ohaus (Regie) und Christoph Grund (Komposition und Instrumente) zu einem musikalischen Kammerstück verwandelt worden wäre. Wie Tanzfiguren eines höfischen Menuetts bewegen sich die beiden Paare zu Cembalo- und Orgelklängen durch die Viertelstunden des Abends: Die Strukturen sind genau vorgegeben und scheinen unabänderbar, und doch treiben kaum merkliche Variationen die Ereignisse sanft voran. Die Jury hat Sprechakte als erfrischend gelobt.

Es mag vermessen klingen, an der Jury vorbei ein Hörspiel als Meisterwerk zu bezeichnen, das nicht ausgezeichnet wurde, sondern im Gegenteil die Publikumsmeinung in der Diskussion nach der Aufführung spaltete wie kein anderes. Ball-Spiele oder Im Herzen der Worte ist die Adaption von Hugo Balls Roman Tenderenda der Phantast unter der Regie von Heinz von Cramer. Der gelernte Komponist zeigte sich während der Publikumsdiskussion der Gefahr bewusst, dass er die Grenzen zwischen Hörstück und Musikstück vielleicht weiter ausgelotet hat, als es einem ungeschulten Auditorium zugemutet werden kann. Die opernhafte Collage aus Fragmenten von Text und Musik erzählt keine Geschichte, sondern fordert das Publikum zum Aufbrechen konsumorientierter Hörgewohnheiten heraus.

Das Publikum machte in der Diskussion allerdings klar, dass es eine solche Herausforderung nicht so einfach annimmt. Was Hörspiel sein soll, darüber gehen die Meinungen eben weit auseinander. Das zeigte sich während der gesamten Woche, sei es in den abendlichen Diskussionen zwischen den Hörspielmachern und den teils ungeschulten Hörern, sei es in den Workshops am Tage. Immer wieder wurde deutlich, dass das Ziel der Veranstaltung, nämlich der Kommunikation und Begegnung von Machern und Hörern Raum zu geben, dort an Grenzen stößt, wo das Bedürfnis nach spannender Unterhaltung auf der einen Seite und in jahrelanger Praxis erworbene Auffassungen von Hörspiel als Kunst auf der anderen Seite aufeinanderstoßen. Nicht alle "Professionellen" reagierten so entspannt und geduldig auf Kritik aus dem Auditorium wie Heinz von Cramer - Mancher machte keinen Hehl daraus, wie wenig Interesse an abweichenden Meinungen besteht.

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