Die Lüge vom Rechtsruck

Bundestagswahlen Alle reden vom Ruck nach rechts, seit die AFD in den Bundestag eingezogen ist. Ist der Rechtsruck etwas Neues?
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Ich kann es einfach nicht mehr hören und bin kurz davor meine Accounts in den sozialen Netzwerken zu löschen. Die sogenannten Experten glauben alle möglichen Theorien über die Entstehung eines angeblichen Rechtsrucks in Deutschland zu kennen. Die meisten glauben, dass in Deutschland etwas ganz neues passiert ist. Folgende Frage sei erlaubt: Was soll das sein? Was oder wer genau soll dieser Rechtsruck sein?

Anfang der 90er ging ich in der südhessischen Stadt Bensheim zur Schule. Ein Klassenkamerad, leicht pummelig und mit auffällig grüner Jacke kam auf mich zu und sagte: „Du solltest aufpassen, was du sagst.“ „Was meinst du?", fragte ich. „Du hast scheiß Nazi gesagt?“ „Ja“, sagte ich. „Du solltest aufpassen. Wir sind hier viele. Wir werden dich kaputtschlagen.“ Im Laufe der Zeit merkte ich, dass es in meiner Schule mehr Nazis gab, als ich dachte. Damals habe ich mich zurückgenommen. Ich war 13 Jahre alt, nicht besonders sportlich und hatte schlicht Angst. Es gab offenen und latenten Rassismus und die neonazistische Szene zeigte sich klein aber ohne jede Scheu. Ich konnte das damals gar nicht glauben. Unsere Schule hieß Geschwister-Scholl Schule. Als Kind dachte ich, dass eine Schule, die den Namen von Antifaschistinnen trägt, Nazis niemals so offen agieren lassen würde. Heute lese ich von der Entstehung eines Rechtsrucks in Deutschland und frage mich, ob die Leute alle geschlafen haben als die Flüchtlingsheime in Hoyerswerda, Mölln und Solingen brannten oder glauben die Menschen wirklich, dass trotz der zahlreichen Berichte über Mittäter hinter der Idee vom NSU nur drei Leute steckten? Oder hat es Tradition nicht verstehen zu wollen? Ich glaube immer noch, dass die Menschen verstehen, dass die Rassisten schon immer da waren. Ich glaube ebenfalls, dass die Zustimmung am rechten Rand auch schon immer da war. Als ich mal vor ein paar Jahren jemanden zum Ausländeramt begleitet habe, erklärte mir der Sachbearbeiter ganz langsam und in gebrochenem Deutsch, so dass ich Ausländer es auch verstehe: "Wir haben Gesetze in Deutschland! Sie verstehen? Gesetze!" Dann drehte er sich zu seiner Kollegin und sagte: „Irgendwann wird es wieder anders. Wir brauchen jemanden, der wieder aufräumt.“ Nicht unüblich bei den Behörden. Später im Beruf musste ich mich von meinem städtischen Arbeitgeber am Niederrhein als schmieriger Türke bezeichnen lassen, weil ich mich für die Sache der Jugendlichen eingesetzt hatte. Mein Vorgesetzter bekam keine Strafe und ich wurde gegangen. Vorsicht: ich mache jetzt nicht einen auf AFD-Fan und sage wir Migranten sind die Opfer. Wir alle sind die Opfer von Rassismus und ich habe gelernt damit umzugehen und ihn zu bekämpfen.

Und so spüren es Menschen, wenn sie „anders“ sind, ob schwarz, behindert oder schwul. Man spürt den Einfluss des Rechten oder zumindest den Einfluss der Ewiggestrigen in verschiedenen Ämtern, Parteien und Institutionen. Entweder weil die Leute die Andersartigkeit nicht wollen, Angst haben oder weil Brandstifter besseren Wissens z.B. den Migranten die Schuld an ihrer Misere geben. Übrigens sind es nicht die "Asozialen", die die AFD gewählt haben. Unter Akademikern, in der Bildungselite und im Mittelstand gibt es mehr Rassismus als man ahnt. Besonders dann, wenn es um die Verteilung von materiellen Ressourcen geht.

Die Jessika ist Hausmeisterin in Gelsenkirchen, der Bernd ist Polizist in Krefeld und der Horst arbeitet beim Jugendamt am Niederrhein. Alles Rechte die tagtäglich mitten in unserer Gesellschaft die Parolen der Rechten weiterverbreiten und Entscheidungen treffen. Wenn also die „Fremdenfeindlichkeit“ in unserer Schule, bei den Ämtern oder auf der Straße schon immer da war, warum sollte es im Bundestag anders sein?

Immer dann, wenn Politiker der etablierten Parteien vor einem Wahlkampf ihre Reden hielten und gegen die Migranten Stimmung machten, wurden erneut die Geister geweckt, die sich jetzt auch in der AFD gesammelt haben. Nun sitzt im Parlament wer vorher latent oder offen die Gesellschaft vergiftet hat. Jetzt sehen alle, was vorher oft nur den Minderheiten aufgefallen war, weil sie es am eigenen Leib zu spüren bekamen.

Das Positive daran ist, dass wir jetzt täglich sehen und hoffentlich auch merken, dass eine andere Strategie gegen Nazis und Hassprediger nötig ist. Welche? Das müssen die Menschen selbst in einem Prozess gemeinsam erproben und erlernen.

Das Gewissen dieses Landes kämpft seit Jahrzehnten gegen den Rechtsruck, aber das Rechte regiert schon länger in diesem Land. Der Unterschied ist, dass viele Rassisten und Rechtsextreme jetzt im Parlament auf den bequemen blauen Sitzen Platz nehmen. Sie kassieren unsere Steuergelder und genießen Immunität. Wenn wir nicht endlich mit einer anderen Politik den Kampf gegen Rechtsextremismus ernst nehmen, werden Rassisten und Neonazis länger dort sitzen bleiben. Und zwar ganz rechts im Bundestag.

19:13 07.10.2017
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Geschrieben von

saidboluri

Said Boluri, Sozialwissenschaftler. Sozalpädagoge in der Jugendarbeit. Themen: Migration, Jugend und Naher Osten.
saidboluri

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