Vom Meer, Sand und Helden

Flucht nach Europa Das Meer ist ruhig. Die Wellen sanft. Hier gibt es viel Elend. Sie haben keine Namen. Sie sind Zahlen. Aber sie sind die Helden unserer Zeit.
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Ich sitze am Meer. Feiner Sand und kleine Kieselsteine unter meinen Füßen. Eine sanfte Brise streichelt mein Gesicht während ich meine Hände in den Sand drücke und in meiner Faust Sandkörner und kleine Steine nach oben hole, um die Anspannung, die ich aus Deutschland an die feine Ägäis mitgebracht habe, los zu werden. Ich frage mich wie dieser Sand vermischt mit den kleinen Steinen entsteht? Das hier waren doch alles nur große Felsen?

Ich schaue auf das Meer und versuche die Kulisse auf mich einwirken zu lassen. Ein paar Kilometer weiter liegt die griechische Insel Kos. Dahinter die idyllische Halbinsel Bodrum, die als Urlaubsparadies gerade unter den deutschen Urlaubern einen guten Ruf genießt. Die Länder der großen Völker, Kulturen und Helden. Wer sind eigentlich die großen Helden unserer Zeit?

Doch etwas trügt dieses Bild. Etwas das mich gerade bedrückt. Plötzlich wird mir klar, wo ich hier gerade sitze.

Etwas das ich am ersten Tag nicht so richtig begriffen habe.

Hier von wo ich die schöne Luft genieße, sah ich noch letzte Woche dieses Etwas; nämlich die syrischen Kinder auf der Straße, die mit ihren Musikinstrumenten die feinen Urlauber unterhalten haben. Traumatisiert und desillusioniert ist das so ziemlich der letzte Ort, in dem Flüchtlinge ankommen und wo unter normalen Umständen alle Hoffnungen zerstört werden.

Aber sie sahen nicht hoffnungslos aus. Eifrig und vielleicht auch durch den Druck des Hungers, spielten sie mit großem Enthusiasmus und Ausdauer unter Temperaturen von mehr als 40 Grad ein altes traditionelles arabisches Lied, welches sich für die westeuropäischen Urlauber nach Orient anhört.

Aus meinen Recherchen weiß ich aber auch, dass dieses Bild nicht das Einzige ist, welches ich aus den schönen türkischen Urlauborten vom Mittelmeer kenne. Regelmäßig fliehen syrische und iranische Flüchtlinge aus ihrer Heimat und versuchen, hier an der türkischen Ägäis mit einem Schlauchboot die andere Seite des Meeres zu erreichen. A.* hat mir noch vor ein paar Monaten erzählt, wie einer seinen guten Freunde vor seinen Augen gestorben ist, weil er rüber auf eine griechische Insel schwimmen wollte, um damit in die EU zu gelangen. Er hatte Glück, weil er eine Schwimmweste trug, mit der er sich an die Küste retten konnte.

Auf einmal wird mir ganz mulmig. Ich kann es regelrecht vor meinem geistigen Auge sehen und stelle mir vor wie es wäre, wenn wir damals aus dem Iran nicht das „Privileg“ gehabt hätten, aus Istanbul mit meinem Vater nach Deutschland zu reisen. Was wenn ich gezwungen gewesen wäre den gelobten Kontinent Europa alleine aus dem Iran über die Türkei zu erreichen? Was wenn ich wie eines dieser Kinder gezwungen wäre mein Brot hier in Bodrum zu verdienen?

Aber zum Glück gab es da meinen Vater, der die Schlepper gut bezahlt hatte. Sie haben uns nämlich, auch wenn erst nach Wochen, gesund in Istanbul abgeliefert. Später war das Ganze nur noch eine Formalität, die mit ein wenig Schmiergeld an die türkischen Behörden die Maschine zum Laufen brachte.

Es ist vielleicht auch etwas Persönliches. Obwohl ich einen Job gewählt habe in dem das Helfen die Grundlage meiner Arbeit darstellt, habe ich ein schlechtes Gewissen. Und natürlich hat mich meine Vergangenheit geprägt. Als Pädagoge weiß ich heute, dass ich meinen Job in der Jugendarbeit als Berufung sehe und mich mit ganzem Herzen für die benachteiligten Jugendlichen einsetze. Und ja es sind auch Flüchtlingskinder dabei.

Und trotzdem bleibt dieses Gefühl, dass es nicht richtig wäre hier zu sitzen, auf das Meer zu schauen mit dem Wissen, dass jeden Tag und jeden Abend in den Wässern des schönen Mittelmeers und in der Ägäis Flüchtlinge begraben werden.

Was ist also richtig? Diese Tragödien spielen sich doch fast überall ab. Soll man also überhaupt keinen Urlaub mehr machen und bis zur Erschöpfung den ewigen Sozialarbeiter spielen, bis man vor Erschöpfung gar nichts mehr leisten kann?

Ich merke dass jemand wie ich einfach damit leben muss, dass das Elend weiterhin bleiben wird, trotz meines Engagements und trotz aller Überstunden für die „richtige Sache“.

Während ich immer noch mit dem Sand und den Kieselsteinen in meiner Hand spiele, bemerke ich wie die Steine an der Küste mit der Zeit abgerieben werden. Hieraus entstehen mit der Zeit diese kleinen Steine. Weil nämlich das „harmlose“ ruhige Wasser ewig und ständig gegen die Felsen und Steine stößt, entstehen mit den Jahren diese kleinen Steine. Dieser Prozess ist sehr langsam, mühsam und erfordert vom Wasser sehr viel Geduld. Ich kann es mir sehr gut vorstellen, dass viele engagierte Menschen mit den Flüchtlingen zusammen nur lange genug mit sehr viel Ausdauer regelmäßig gegen die bestehenden Verhältnisse ankämpfen, es nur eine Frage der Zeit ist, bis die politischen Verhältnisse sich verändern und sogar Betonköpfe darunter nachgeben.

Wir sollten aufhören nach Helden zu suchen. Die wahren Helden unserer Zeit sind die, die wir nicht wahrnehmen. Die, die keinen Namen haben. Sie sind nur Zahlen. Die Anzahl von Menschen die täglich auf die Festung Europa mit der größtmöglichen Unsicherheit zufahren, ihre Familien, Freunde und Erinnerungen zurück lassen. Wir kennen sie nicht, weil die Massenmedien sie täglich als Zahlen und Flüchtlinge zeigen. Sie stehen nicht auf der großen Bühne. Und deshalb sind sie die stillen Helden unserer Zeit.

* steht für den Protagonisten mit dem ich eine Reportage gedreht habe. Er flog über mehrere Länder u.a. Irak, Türkei, Griechenland und andere „Transitländer“

13:29 24.07.2015
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Geschrieben von

saidboluri

Said Boluri, Sozialwissenschaftler. Sozalpädagoge in der Jugendarbeit. Themen: Migration, Jugend und Naher Osten.
saidboluri

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