E-Abitur: Ministerin verdreht auch mal Fakten

Kritik an Englischabitur Tausende Schüler gegen eine Frau: In der Diskussion um die Angemessenheit des Englisch-Abiturs in Baden-Württemberg muss die Kultusministerin auch mal Fakten verdrehen.
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Am 20. April 2018 mobilisierten sich tausende Schüler in Baden-Württemberg mittels einer Online-Petition gegen das Englisch-Abitur. Der Vorwurf: Die Prüfung sei sprachlich zu anspruchsvoll, unfair bepunktet und unklar formuliert gewesen. Mittlerweile äußerte sich Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann (CDU) zu dem Thema - und verdreht dabei die ein oder anderen Fakten.

Die Petition, die derzeit (Stand 24. April 20:00 Uhr) rund 33.000 Menschen unterschrieben und auch weitere Schülerinitiativen kritisieren, dass das in der Abiturprüfung geforderte sprachliche Niveau teilweise Vokabeln abverlangte, die nicht einmal im Oxford Advanced Learner's Dictionary beschrieben seien. Der erste Teil der Abiturprüfung, die Reading Comprehension, forderte in einigen Teilaufgaben zwei Belegzitate für einen Verrechnungspunkt, während es in den Vorjahren immer nur ein Beleg gewesen sei. Wenn also auch nur eines der Belege falsch ist, wird die gesamte Teilaufgabe falsch gewertet. Auch sei die Prüfung unklar formuliert. So sei in der Aufgabenstellung des zweiten Teils der Prüfung, "Analyze the last paragraph of the text and relate it to Lily's attitude towards new beginnings.", weder klar erkenntlich gewesen, welcher Textabschnitt zu analysieren sei, noch sei klar erkenntlich gewesen, mit wem genau man es hätte vergleichen sollen. Natürlich kann davon ausgegangen werden, dass mit Lily die Protagonistin aus der Pflichtlektüre Half Broke Horses gemeint ist, jedoch dürfe es nicht sein, dass das Kultusministerium eine solch schwammige Aufgabenstellung verwende, soweit die Kritik. Die Forderung der Schüler war eine Anpassung des Erwartungshorizonts der Korrektoren.

Am 23. April veröffentlichte das Kultusministerium eine Pressemitteilung, aus der hervorgeht, dass das Niveau der Aufgabenstellungen erneut von Experten geprüft, und für angemessen befunden worden sei. Sie stammten aus dem IQB-Aufgabenpool und seien auch in Mecklenburg-Vorpommern verwendet worden und es sei klar, dass seitens der Kultusministerin Wert auf eine bessere Vergleichbarkeit zwischen den Ländern gesetzt werde. Sie habe außerdem Vertrauen in die Lehrkräfte, dass sie ihren Ermessensspielraum verantwortungsbewusst ausschöpfen werden, und rate zur Ruhe und Gelassenheit, da der kritisierte Teil der Analysis-Aufgabe lediglich 15% der schriftlichen Abiturnote ausmache, welche wiederum lediglich 2/3 der gesamten Abiturnote im Fach Englisch ausmache.

Auf die anderen Kritikpunkte der Schüler ging die Ministerin nicht ein. So scheint es ihr also egal zu sein, dass der Reading Comprehension-Teil für die gleiche Menge an Verrechnungspunkten fast ein einhalb mal so umfangreich war wie in den Vorjahren, und dass ich theoretisch über meine Cousine Lily hätte schreiben können.

Auch die Punkte auf die sie einging, versuchte sie geschickt schönzureden. So behauptet sie, die kritisierte Aufgabe sei lediglich 15% der schriftlichen Abiturnote wert. Nicht nur, dass sie den tatsächlichen Wert der Aufgabe in Relation zur erreichbaren Punktzahl von 16,67% abgerundet hat, tatsächlich ist die Aufgabe sogar noch mehr wert, denn die Umrechnung von Verrechnungspunkten in Notenpunkte verläuft nicht linear. Sollten einem Schüler also von der vollen Punktzahl die 10 Verrechnungspunkte fehlen, die die Aufgabe wert ist, so werden ihm 3 von 15 Notenpunkten abgezogen. Das sind nicht nur 20%, das sind ganze 20% der schriftlichen Abiturnote. Und sie zählt nicht nur zu zwei Dritteln in die Gesamtnote in Englisch ein, sondern zu ganzen zwei Dritteln, wobei die Gesamtabiturnote im Fach Englisch ganze 400% des Wertes einer einfachen Zeugnisnote trägt. Doch verharmlosende 15% hören sich natürlich in einer solchen Pressemitteilung deutlich besser an.

Des Weiteren findet Erwähnung, dass es seitens der Schüler Mecklenburg-Vorpommerns keine öffentlichen Beschwerden gab, nicht jedoch, dass die Schüler dort in der Abiturprüfung ein zweisprachiges Wörterbuch haben benutzen dürfen und dass sie zur Aufgabenbearbeitung eine Stunde mehr Zeit zur Verfügung hatten.

Auch, dass die Kultusministerin sich um die Vergleichbarkeit des Abiturs sorgt, überrascht, da sie sich vor einigen Monaten noch auf dem Landesschülerkongress 2018 in Kornwestheim ungehemmt über die Schulbildung in den Stadtstaaten Bremen und Berlin lustigmachte.

Doch etwas Anderes ist man von der Kultusministerin nicht gewohnt. Situationen und Worte werden immer so verdreht, wie es gerade passt. Was nicht passt, wird einfach außen vor gelassen.

Als Schüler sie auf dem Landesschülerkongress nach ihrer Meinung zu einer besseren Vergleichbarkeit des Abiturs zwischen den Ländern fragten, verdrehte sie deren Worte so, als hätten sie eine Zentralisierung des Bildungssystems gefordert. Als man fragte, wieso noch immer nicht zwei Gesellschaftswissenschaften als Kernfächer in der Oberstufe gewählt werden können, verdrehte sie die Worte so, als hätte man nach zwei Gesellschaftswissenschaften im schriftlichen Abitur gefragt und argumentierte mit dem länger werdenden Abiturzeitraum.

Wenn die Bildungsministerin persönlich lieber Worte von Schülern verdreht, anstatt ihre faktisch-basierte freie Meinungsbildung anzuregen, dann läuft gewiss etwas schief.

Die Petition hatte nicht viel gefordert, lediglich eine Anpassung des Erwartungshorizonts. Die einfachste Lösung bezüglich des ersten Prüfungsteils wäre es ja schon gewesen, die Vergabe von halben Verrechnungspunkten zu ermöglichen, wenn schon mehrere Angaben verlangt werden, wie in den meisten anderen Fächern auch. Aber nein, so etwas wäre doch viel zu bürgernah für Kultusministerin Dr. Eisenmann.

EDIT: Auch Tage nach den Vorfällen und viele Petitionen und Schülerinitiativen später, zeigt die Ministerin sich stur, statt wenigstens konstruktiv auf die Argumente der Schüler einzugehen. Mittlerweile werden Forderungen nach ihrem Rücktritt heiß.

15:47 27.04.2018
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