Der Hype um das Gemüse

Ernährung Was steckt hinter Food-Blogs, die durch Verzicht auf Zucker und Gluten den Lebenswandel versprechen?
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In meinem Studium habe ich gelernt, alles kritisch zu hinterfragen - auch mich selbst: Meine Annahmen und intuitiven Schlussfolgerungen. Das hört sich in der Theorie gut an, kommt in der Praxis allerdings häufig zu kurz. Gut, wenn man durch andere daran erinnert wird, sich selbst zu hinterfragen. In diesem Fall ist der Anlass der Artikel "Green is the new Black" aus dem Guardian, der den Hype um Food-Bloggerinnen und -Instagrammerinnen kritisch beäugt. Hier ein Review und eine Stellungnahme.

Worum geht es?

Kernaussage des Artikels ist, dass viele Food-Bloggerinnen durch ihr hübsches Aussehen statt durch fundiertes Wissen über Ernährung bestechen und auf diese Weise Tausende Follower in ihren Bann ziehen, die alles glauben, was ihre Idole vorposten.

Zu Beginn des Artikels werden eine Reihe Schauspielerinnen, die als selbst erklärte Expertinnen Ernährungs- bzw. Diättipps geben, aufgezählt. Zu ihnen gehört Pippa Middleton. Der Autor schreibt spottend über sie: "She makes dark references to the many ways in which today’s food industry is making us all sick. She also includes many, many photos of herself to confirm the efficacy of her recommendations." An dem Beispiel von Belle Gibson wird alerdings klar, wann Food-Blogs tatsächlich eine Gefahr darstellen können. Die Bloggerin Belle Gibson gab an, sich mittels einer Ernährungsumstellung selbst von Krebs geheilt zu haben. Tipps und Hinweise dazu gab sie auf ihrem Blog bekannt - dann kam raus, dass sie tatsächlich nie an Krebs erkrankt war. Stelle ich mir vor, dass es Menschen gibt, die aufgrund der Hoffnung, die sie durch Gibson erfahren haben, ihre Behandlung abgebrochen haben, werde ich auch wütend und wünschte mir, bei dem, was man so liest, mehr Gewissheit auf Fakten zu haben.

Genau da liegt nämlich der laut Autor kritische Punkt des Hypes um Healthy Living-Blogs. Die wenigsten Bloggerinnen sind zertifizierte Ernährungsberaterinnnen. Viele haben bei sich selbst eine Nahrungsmittelunverträglichkeit beobachtet und schreiben, basierend auf Selbstexperimenten, über die Ernährungsweise, die ihnen besser bekommt. Natürlich sind nicht alle Food-Blogger und Bloggerinnen gleich - es gibt wohl solche, die ihre Präsenz als Selbstdarstellungsplattform nutzen und dabei trotz gesunder Verpackung ungesunde Schönheitsideale verkörpern. Doch das ist meiner Meinung nach nicht alles, was hinter dem Trend steckt. Es gibt auch die Frauen, die die Erfahrung gemacht haben, dass sich durch eine Ernährungsumstellung das ganze Leben anders anfühlen kann. Die von diesem Gefühl begeistert sind und es mit anderen teilen wollen. So wie Madeleine Shaw, Autorin des gleichnamigen Blogs. Sie wird in dem Artikel folgendermaßen zitiert: "...we’re not as connected with our bodies as we used to be – we eat out of boredom or, like, convenience, or, like, to stay awake to get stuff done. So it’s about getting in touch with your food to see where it’s from.”

Sind Food-Blogs gefährlich?

Dabei stellt sich mir die Frage, ob nicht eigene Erfahrung eine bessere Ressource für Information ist als ein Kurs - sei es der im Artikel kritisierte einjährige Fernkurs des Online-Instituts "Institute for Integrative Nutrition", nach dessen Absolvierung man sich "integrative nutrition health coach" nennen darf, eine zweiwöchige Ausbildung zum Weight Watchers-Gruppenleiter oder ähnliches. Gerade bei Lebensmittelunverträglichkeiten ist es unumgänglich, mit der eigenen Ernährung zu experimentieren und auf diese Weise herauszufinden, was dem Körper gut tut - und was nicht. Das kann natürlich für jeden etwas anderes sein. Genau deshalb nennen sich meiner Auffassung nach die wenigsten Blogger Spezialisten. Ich sehe in Food-Blogs weniger eine Aufforderung, von heute auf morgen keinen Zucker mehr zu essen als vielmehr eine Inspiration, die eigene Lebensweise zu hinterfragen und auf diese Weise eventuell gesundheitsschädlichen Gewohnheiten auf die Schliche zu kommen.

Nicht Social Media sind das Problem

Meiner Meinung nach sind also nicht die Blogs entscheidend, sondern die Sichtweise darauf. Ich finde es schade, dass Frauen verspottet werden, weil sie sich für eine unkonventionelle Ernährungs- und Lebensweise entschieden haben und den Mut und die Zeit aufgebracht haben, eine Online-Präsenz zu erstellen. Das "Problem" haben wohl eher diejenigen, die jeden Instagram-Post liken und dabei in Selbstmitleid und -scham versinken, weil sie nicht so gesund bzw. schön/schlank/sportlich sind wie ihre Vorbilder. Aus solch einem ungesunden Verhältnis zum eigenen Körper resultieren die im Artikel angesprochenen Essensphobien - nicht aus dem Lesen von Rezepten. Dabei ist von Frauen gehegter Hass gegenüber dem eigenen Körper meiner Erfahrung nach keine Begleiterscheinung von Social Media. Eine riesige Industrie baut auf weiblichem Selbsthass - angefangen bei jeglichen Ernährungs- und Diätberatungen über Mode und Make-up. Bloggerinnen wie Madeleine Shaw haben es geschafft, sich daraus zu befreien. Sie promoten nämlich nicht ein Schönheitsideal, sondern ein Gefühl: Zufriedenheit mit sich und dem eigenen Körper. Dafür sollten sie gefeiert, nicht verspottet werden.

23:11 10.01.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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