Saltadoros

Olaf Schäfer: Pädagoge, Musiker...
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RE: Wir werden niemals mehr „unter uns“ sein | 10.10.2017 | 17:47

Demografie ist eine beschreibende "Wissenschaft". Sie können sich übrigens auch anschauen, wie die Entwicklung bei schwächerer Zuwanderung aussieht. Bei einer Geburtenrate von 1,4 Kindern pro Frau können Sie sich aber auch alternativ mit etwas Übung ausrechnen, wann hier der letzte Mensch das List ausmachen würde, gäbe es keine Zuwanderung.

Ebenso ist Politik nie alternativlos. Wie jedoch ein Land mit Zaun drum herum aussieht, kenne ich noch aus der DDR, die bekanntlich auch nicht ohne Arbeitsmigranten auskam. Und wenn Sie in der Geschichte noch etwas zurück gehen, werden Sie feststellen, dass selbst die Nazis das nicht geschafft haben, sondern von "Fremdarbeitern" bis zur muslimischen SS-Division alles aufgesammelt haben, was ihnen nützlich schien, um ihren Krieg zu führen.

Abgesehen davon, dass Deutschland sich politisch nicht dafür entscheiden könnte, ohne Einwanderer zu leben, weil wir durch internationale Verträge etc. vielfältig gebunden sind, die Grenzen nicht völlig zu schließen, so könnten Sie sich die Folgen doch einfach vor Augen führen. Dass die Seite der so genannten Arbeitgeber - besser, die Vertreter des Kapitals - daran wenig Interesse haben können, sollte auch klar sein. Der Hunger nach billiger Arbeitskraft ist bekanntlich unersättlich. Aber wenn Ihnen das nicht gefällt, dann legen Sie sich doch mal mit denen an!

In Artikel 21 des Grundgesetzes heißt es schließlich lapidar, " Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit". Dagegen ist nichts zu sagen! Es bedeutet weder, dass sie die politischen Willensbildung des Volkes bestimmen sollen oder dem Volk etwas erklären, sondern nur, dass sie mitwirken. Und das bedeutet eben auch, dass sie die Bevölkerung weder belügen noch ihr Informationen vorenthalten, auch wenn - so hat es doch vor einem Jahr Thomas de Maizière formuliert - ein Teil dieser Antworten die Bevölkerung verunsichern würde.

Also, wenn Sie eine Idee haben, wie eine humane Gesellschaft ohne Zuwanderung funktionieren kann, dann à la bonne heure. Ich vermute aber, das wird Sie wie jeden anderen auch überfordern. Da wäre es dann schon klüger, darüber nachzudenken, wie man eine Gesellschaft mit Zuwanderung real gestaltet.

RE: Türkei-Europa. Ein abgekartetes Spiel! | 14.03.2017 | 18:49

Ich denke, Ihre Beschreibung ist richtig. Ich denke aber auch, dass es nicht wenige unbekannte Dinge gibt, gerade in Bezug auf Finanzen und auf Nebenabsprachen mit den Europäern.

Mich hat Erdoğans "Wirtschaftswunder" immer skeptisch gemacht. Zum einen, weil ich weiß, dass es Wunder in der Wirtschaft nicht gibt.

Aber auch wenn die Zahlen geschönt sein mögen, so hat es unter Erdoğan einen sichtbaren und für die Bevölkerung spürbaren wirtschaftlichen Aufschwung gegeben.

Das Geld dafür kam aber bestimmt nicht nur aus Europa, sondern mit Sicherheit auch aus arabischen Staaten. Ich beobachte Ähnliches zur Zeit in Bosnien, wo es sichbare arabische Wirtschaftsaktivitäten gibt. Dass diese Aktivitäten ganz ohne politische Verbindungen und Hintergedanken laufen, glaube ich nicht. Und ich halte Erdoğan durchaus für einen Bruder im Geiste mit den konservativen Arabern. Es gibt ja auch Hinweise, dass er den Muslimbrüdern nahe stehen soll.

Wie auch immer, ich denke, die Europäer haben sich bei ihm verrechnet, obwohl er eigentlich schon früh gesagt hat, was er will. Ich denke, dass er die Europäer benutzt hat, genau wie die Kurden, die Güler-Bewegung und andere. Offensichtlich denkt er jetzt, dass er mächtig genug ist und holt zum letzten Schlag aus, seine Widersacher aus dem Weg zu räumen.

Die Europäer selbst haben aber mit der Türkei auch nicht ehrlich "gespielt". Ich erinnere mich an Joschka Fischer, der heimlich gefilmt wurde und sagte, dass man die Türkei nicht in der EU haben wollte (interessanterweise gibt es davon keine Spur mehr im Netz). Von Kohl ist mir ebenfalls der "Christen-Club" hängen geblieben - und mit Sicherheit den Türken auch (darüber gib es genug!).

Darauf kann Erdoğan nun aufbauen. Denn in Europa sind solche Äußerungen längst vergessen, aber nicht in der Türkei, wo sie eine tiefe Demütigung bedeuteten. Wie bösartig Gedemütigte reagieren, ist ja auch beispielsweise in den USA zu sehen.

Diese Unehrlichkeit fällt unseren Regierenden nun voll auf die Füße. Ich denke, man unterschätzt bis heute Erdoğan. So halte ich die Analyse, dass alles sei nur Pulverdampf, der sich nach den Wahlen schon verziehen werde für eine Illusion. Der Mann wird weiter machen. Und wenn die Definition, wonach Faschismus das gewaltsame Zerschlagen der Opposition ist gepart mit eine kriegerischen Expansionspolitik, so dürfen wir nicht überrascht sein, wenn er sich als erstes ein Stück von Syrien heim ins neoosmanische Reich holt. Und es würde mich wundern, wenn damit der Appetit gestillt wäre.

Irgendwie müssen die Schulden ja auch mal bezahlt werden. Und da sind bekanntlich Ölquellen nicht die schlechteste Option!

RE: Türkei-Europa. Ein abgekartetes Spiel! | 12.03.2017 | 18:48

Dass es nicht wenige Türken in Deutschland gibt, die hier mit Fleiß und Glück ein Vermögen gemacht haben, ist richtig. Dass nun ausgerechnet die Klasse der Unternehmer aber zu den progressivsten und demokratischsten Kräften zählt, ist, glaube ich, in keinem Land der Welt der Fall.

Und natürlich gibt es eine kapitalkräftige Basis hinter Erdoğan und seiner AKP, die man unter dem Begriff "Anatolische Tiger" kennt.

Wie auch immer, es gibt bedingt durch die historische Situation des Landes, welches immer nur repressiv zusammengehalten werden konnte, kaum Menschen, die man als überzeugte Demokraten bezeichnen könnte.

Wenn die Demokraten aber schon nicht aus der autoritären türkischen Schule kommen, warum hat da unser Bildungssystem so versagt? Ich hätte da Antworten! Eine wäre, dass wohl kaum ein Migrant in Deutschland ohne das Trauma der Demütigung die Schule verlassen hat.

RE: Türkei-Europa. Ein abgekartetes Spiel! | 12.03.2017 | 18:29

Ich glaube, Can Dündar unterschätzt wie viele andere die Dimension, die das hat! Das ist keine diplomatische Frage mehr, denn Erdoğan wird jede noch so diplomatisch formulierte Kritik ins leere laufen lassen. Das, was die europäischen Regierungen bisher gemacht haben erinnert mich stark an die Appeasement-Politik Chamberlains. Man hätte viel früher und viel deutlicher auf all das reagieren müssen, was Erdoğan in der Türkei und auch außenpolitisch (Krieg in Syrien) gemacht hat.

Ich fand heute dazu Peter Schneider im dlf sehr gut:

http://www.deutschlandfunk.de/schriftsteller-peter-schneider-es-laeuft-auf-die.911.de.html?dram:article_id=381055

RE: Türkei-Europa. Ein abgekartetes Spiel! | 12.03.2017 | 18:18

Es geschieht größtenteils am hellen Vormittag! Der türkische Konsularunterricht an deutschen Schulen stammt noch aus der Zeit, als man dachte, man müsse die Kinder der so genannten "Gastarbeiter" wieder auf eine Rückkehr in die Türkei vorbereiten.

RE: Türkei-Europa. Ein abgekartetes Spiel! | 12.03.2017 | 18:12

Frau Merkel hat in der Vergangenheit indirekt Wahlkampfhilfe geleistet, indem sie Erdoğan vor den Wahlen mit einem Staatsbesuch beehrte.

Sie alleine profitiert freilich nicht davon. Jedoch die Kräfte, die auch in Deutschland die politische Richtung nach rechts verschieben wollen. Dazu wird erst einmal diese vergiftete Stimmung aufgebaut. Danach kann man restriktive Gesetze gegen Einwanderer durchbringen oder Dinge wie das neue Gesetz, nach dem Polizisten besonders gegen Übergriffe geschützt werden. Das geschieht jetzt ständig, auch in Holland und das sind nicht alleine Reaktionen auf die Angriffe der Populisten am rechten Rand. Mir scheint es, als ließen sich die Regierungen geradezu gerne von diesen Dingen antreiben. Warum sonst setzen sie so wenig dagegen?

RE: Türkei-Europa. Ein abgekartetes Spiel! | 12.03.2017 | 11:40

Richtig! Meine These lautet ja, bei diesem Spiel können nur rechte und autoritäre Kräfte gewinnen.

RE: Wenn du nach Ungarn kommst ... | 06.08.2015 | 18:54

Habe es selbst genau so gesehen, als ich in Subotica war! https://www.freitag.de/autoren/saltadoros/begegnung-im-grenzgebiet

RE: Die Metaphysik der ökonomischen Taliban | 21.07.2015 | 16:22

Die Panzer in Athen kenne ich nochaus Kindertagen . Auch die Aktion von Günter Wallraff auf dem Sintagma-Platzhabe ich nicht vergessen. Formen bürgerlicher Herrschaft schließen ja immer mit ein, dass die Demokratie in Krisen zur Disposition steht.

RE: Die Metaphysik der ökonomischen Taliban | 20.07.2015 | 09:22

Die möglichkeiten der Manipulation der öffentlichen Meinung hat seit LTI ja weiter zugenommen. Es ist ja nicht nur die Sprache, es ist der ganze Medienrummel von BILD bis Google und Facebook, der die Menschen manipuliert. Für mich ist es ein Phänomen, dass wir in den achtziger Jahren einmal über die 35-Stunden-Woche diskutierten und dass ich (Jahrgang 1964) jetzt plötzlich bis 67 arbeiten soll. Wenn es so weiter geht, haben wir irgendwann wieder der 12-Stunden-Tag. Das ist nur ein Beispiel. Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Der Roll-Back ist in voller Fahrt. Vergessen ist auch, was Ursache des Faschismus war und ist. "Formen bürgerlicher Herrschaft" fällt mir da als Titel ein...