Absurde Gedanken an Krieg und Bürgerkrieg?

Kriegsangst: Erst Jugoslawien, jetzt Europa. Das Ende Europas, wie wir es kennen wird sichtbar.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

In den siebziger und achtziger Jahren nutzte ich als Schüler und Student in meinen Semesterferien oft den Zug zwischen Maribor und Gevgelia, um in Richtung Griechenland oder nach Istanbul zu fahren. Heute ist diese Strecke als „Balkanroute“ bekannt. Die 1300 Kilometer lange Strecke durch Jugoslawien kostete umgerechnet dreißig Mark. Auf der griechischen Seite, in Gevgelia, stieg man aus und kauften sich eine griechische Fahrkarte. So umging man den teuren internationalen Bahntarif und kam für sagenhafte sechzig Mark bis Athen, oder für etwas mehr mit dem Bus, ab Thessaloniki, nach Istanbul.

Jugoslawien war damals ein friedliches Land. Im Zug wurde gelacht, gegessen, getrunken und meist viel geraucht. Öfters stieg unterwegs ein Mann mit Akkordeon ein, der Sevdalika und andere Volksmusik spielte und der dann den Hut herumgehen ließ. Die heimfahrenden „Gastarbeiter“ bestellten Lieder und sangen oft mit und gaben dann gerne und viel, so dass dieser Mann wahrscheinlich ein gutes Auskommen hatte. Mehr als einmal übernachtete ich im Schlafsack auf dem Bahnhof in Skopje. Bei der Rückfahrt musste man dort die Fahrkarte kaufen und da die Lokomotive schon in Idomeni gewechselt wurde, hatte man keine Zeit, wieder in den gleichen Zug zu steigen, sondern musste dort 12 Stunden auf den nächsten Zug warten.

Nie habe ich in Jugoslawien etwas Negatives erlebt. Vielmehr wurden mir von den Mitreisenden, die aus ihren Dörfern kommend, Körbe voll Essen dabei hatten, Hühnerbeine, Burek und anders regelrecht in den Mund gestopft und die Fahrt bis an die griechische oder österreichische Grenze war niemals langweilig.

Mitte der achtziger Jahre kam ich in diesem Zug mit einem Mann über die verschiedenen Volksgruppen in Jugoslawien ins Gespräch. In Makedonien waren mir immer die albanischen Männer aufgefallen, die damals noch häufig den Plis, eine weiße Filzkappe, trugen. „Du wirst sehen“, sagte er mir, „in ein paar Jahren haben wir hier Bürgerkrieg“. Ich erklärte ihn rundweg für verrückt, was ich ihm natürlich nicht sagte. Ich hätte mir alles vorstellen können. Aber ein Bürgerkrieg in einem so friedlichen Land schien mir völlig absurd.

Jetzt, rund dreißig Jahre später, denke ich noch oft an diesen Mann. Ich würde etwas dafür geben, ihn noch einmal zu treffen, um ihn zu fragen, wie er damals auf diese Idee kam. Denn die unsägliche „Amselfeld-Rede“ war da noch nicht gehalten worden. Aber offensichtlich gab es Menschen, die lange zuvor die Sache vorbereitet hatten oder wenigstens über solche Vorbereitungen bescheid wussten.

Absurde Gedanken an einen Krieg

So absurd, wie einem Anfang der achtziger Jahre vielleicht der Gedanke an einen Sezessions- und Bürgerkrieg in Jugoslawien vorkam, so absurd kommt einem heute der Gedanke vor, dass so etwas auch in „Kerneuropa“ passieren könnte. Wir Westeuropäer pflegen ja eine durchaus rassistische Vorstellung, die den Bewohnern des Balkans eine besondere Mentalität zuspricht. So als wohnten in den „Schluchten des Balkans“ in Hütten und Höhlen Menschen, die nach altosmanischen Traditionen die Blutrache und anderes pflegten und ansonsten neben ihrer notorischen Faulheit nur dem Waffen-, Frauen- und Drogenhandel nachgingen und von der Zivilisation ansonsten völlig unberührt geblieben waren.

Aber Jugoslawien war ein moderner Staat. Was Bildung, Gesundheitsversorgung oder Lebensqualität betraf, brauchte dieses Land den Vergleich mit anderen Staaten nicht zu scheuen. Insbesondere die Bemühungen unter Tito, die Wunden vergangener Kriege zu schließen und aktiv den Kulturaustausch und die Freundschaft unter den Ethnien im Vielvölkerstaat zu fördern, dürfen nicht gering geschätzt werden. Die Früchte dieser Bemühungen waren unter anderem die zahlreichen gemischt-ethnischen Ehen.

Dass das damals Unvorstellbare wenige Jahre später geschah, dass Jugoslawien zerfiel und in Bosnien fast fünf Jahre lang ein barbarischer Krieg tobte, ist bekannt. Dass aber Ähnliches auch uns drohen könnte, bleibt bis heute verdrängt.

Krieg, dass war die Zeit unserer Großväter und dass es vor genau hundert Jahren auch in Deutschland einen Bürgerkrieg gab, wissen die wenigsten, denn das Thema Novemberrevolution kommt im Geschichtsunterricht kaum vor. Den Faschismus schließlich, glauben viele bis heute endgültig überwunden. Im Osten hatte ihn ohnehin die Arbeiterklasse, vereint mit der Sowjetunion, vertrieben, so dass er höchstens noch jenseits des antifaschistischen Schutzwalls eine Heimstatt hatte. Und im Westen hatten spätestens die Achtundsechziger die letzten Rückzugsräume desselben aufgedeckt und ausgeräuchert. Die meisten faschistogenen innerpsychischen Faktoren blieben darüber hinaus völlig unberührt. Die Umstände der Konsumgesellschaft, in die bis in die neunziger Jahre breite Gesellschaftsschichten einbezogen waren, verdeckten, wie es tatsächlich in der Psyche der Individuen aussah.

Was schließlich überhaupt nicht bedacht wurde - sowohl was den Kollaps Jugoslawiens, als auch was die aktuellen Entwicklungen in Europa und in Deutschland angeht - ist, dass es sowohl exogene, als auch endogene Ursachen für diese Prozesse gibt und dass hier Erklärungen komplex sein müssen, angefangen von den ökonomischen Ursachen, bis hin zu den innerpsychischen Faktoren der Akteure und der Mitläufer.

Würde man dies alles bedenken, würde die Gefährlichkeit der aktuellen Lage deutlich vor Augen treten.

Exogene Faktoren

Zu den exogenen Faktoren gehört die weltpolitische Lage. Auch den unbedarften Beobachtern dürften die ungeheueren Spannungen zwischen den USA, China und Russland nicht entgangen sein. Der Krieg in Syrien wird uns beispielsweise immer als „Bürgerkrieg“ verkauft. Mit Bürgerkrieg hat die Sache freilich wenig zu tun. Amerikaner, Westeuropäer, Russen und über den Iran auch China, die Türkei und Saudi Arabien mischen mehr oder weniger offen mit und die syrischen Bürger selbst sind zumeist auf der Flucht. Die Beispiele ließen sich verlängern über den eingefrorenen Krieg in der Ukraine, die Aufrüstung der baltischen Staaten oder aber die zahlreichen Spannungen im pazifischen Raum und in Asien. Seit 25 Jahren waren die geopolitischen Spannungen nicht mehr so groß, wie heute.

Hinzu kommt ein ökonomischer Krieg, der sich vorerst in Zins- und Währungsschwankungen und einem extrem niedrigen Ölpreis ausdrückt. Nichts ist hier gelöst und die Griechenlandkrise dürfte ein laues Lüftchen gewesen sein, verglichen mit dem, was wirklich passierte, wenn das marode Finanzsystem weltweit ins Wanken geraten würde.

Endogene Faktoren

Zu den endogenen Faktoren für Konflikte gehören die Dinge, die innerhalb einer Gesellschaft ablaufen oder von ihr wesentlich mit verursacht werden.

Deutschland ist im Jahr 2016 ein ökonomisch, kulturell und politisch zutiefst gespaltenes Land. Die Kluft zwischen Armut und Reichtum in Deutschland hat enorm zugenommen. Die oberen zehn Prozent der Haushalte verfügen über die Hälfte des Nettovermögens.

Auch kulturell ist das Land gespalten. Die Bildungsverlierer, die man mit Privatfernsehen abspeiste und sie um eine menschenwürdige Teilhabe am kulturellen Reichtum unserer Gesellschaft betrügt, können sich auf Dauer nicht ruhig stellen lassen, auch wenn man die Dosis an „Sex & Crime“ immer weiter erhöht. Die Unzufriedenheit und Aggressivität der Bevölkerung ist überall greifbar und allgegenwärtig.

Und schließlich zeigt sich, dass demokratische Grundhaltungen und europäischer Bürgersinn weit weniger verankert sind, als man das angenommen hatte.

Wer den Konflikt im ehemaligen Jugoslawien verfolgt hat, dem werden Parallelen sofort auffallen. Auch hier tobte vor dem Krieg eine ökonomische Krise. Der Dinar verlor damals dramatisch an Wert. Von außen gab es ein großes Interesse am Zerfall des Landes und an der Zerstörung seiner ökonomischen Strukturen. Voran Deutschland unter Genscher waren hier sichtbar die treibenden Kräfte, die mit der diplomatischen Anerkennung Sloweniens und Kroatiens den Sargnagel für Jugoslawien lieferten. Dass weitere Akteure wie Russland und die USA aktiv waren, ist nur den wenigsten bekannt. Und schließlich war die ethnische Integration weit weniger vorangeschritten, als es vordergründig den Anschein hatte.

Europa und Deutschland, stehen vor einer ähnlichen Lage, wie seinerzeit Jugoslawien. Nicht nur, dass es zwischen den einzelnen Nationalstaaten inzwischen wieder erhebliche Spannungen gibt und die zentrifugalen Kräfte, die Europa auseinander zu reißen drohen, in einer unglaublichen Geschwindigkeit zunehmen. Oder hätte sich jemand vor fünf Jahren träumen lassen, dass mitten in Europa wieder Zäune gebaut werden?

Auch die vielfältigen exogenen Faktoren haben zugenommen. Nicht nur die weltwirtschaftlichen Ereignisse, auf die nationale Politiker nur homöopathisch Einfluss haben, schlagen voll auf die heimische Ökonomie durch. Auch äußere Kräfte sind aktiv daran beteiligt, Europa zu destabilisieren.

Hier ist es zuforderst Russland, welches versucht, dem Erstarken des Westens und der Ausbreitung der EU und der NATO etwas entgegenzusetzen. Der lächerliche Fall einer erfundenen Vergewaltigung einer Dreizehnjährigen, in der der russische Außenminister Lawrow sich bemüßigt fühlte, diese Sache aufzubauschen und die Stimmung anzuheizen, zeigt, dass man in der russischen Regierung ernsthaft daran arbeitet, in der EU und in Deutschland Unfrieden zu stiften. Die unsäglichen Liveübertragungen von PEGIDA-Demonstrationen und anderen Propagandanachrichten auf „RT Deutsch“ und anderen russischen Kanälen zeigen dies ebenfalls täglich. Dass schließlich ausgerechnet Russland deutsche und europäische Rechtspopulisten finanziell unterstützt ist ebenso bekannt, wie die Tatsache, dass die gleichen Leute im Ukrainekonflikt die Sache andersherum darstellen, weil dort ja auf ukrainischer Seite zahlreiche Faschisten an der Front kämpfen.

Auch die so genannte Flüchtlingskrise ist schließlich politisch gewollt. Herr Erdoğan ist ein Fuchs und für ihn sind die Flüchtlinge nur ein Instrument. Denn hätte die türkische Regierung kein Interesse, dass die Flüchtlinge über die Ägäis flöhen, es wäre noch heute Schluss damit. Zu welchen Maßnahmen die Türkei in der Lage ist, zeigt sie aktuell in den kurdischen Gebieten des Landes, wo man Stadtviertel und ganze Städte Monatelang isoliert und die Bevölkerung aufs grausamste misshandelt, ohne dass hier jemand aufschreien würde.

Symptom der Krise

Die Flüchtlingskriese ist somit nur ein Symptom einer allgemeinen Krise. Nicht nur der wild gewordene Kapitalismus, der seit dem Untergang der sozialistischen Systeme auf nichts und niemanden mehr Rücksicht zu nehmen braucht, ist eine Ursache. Auch der permanente Krieg, die Exporte von Waffen und Konflikten durch die westliche Welt - aber auch von anderen - schlagen jetzt direkt auf uns zurück. Die durchaus voraussehbare Flüchtlingswelle etwa, hat direkten Einfluss auf das Lebensumfeld der Bürger. Wenn etwa, wie hier in Berlin, fast sämtliche freistehenden Sporthallen mit Flüchtlingen belegt werden, dann fällt nicht nur der Schul- und Vereinssport aus, sondern dann leben Menschen auf Monate und Jahre hinaus in menschenunwürdigen Zuständen.

Dass all diese Dinge zu enormen Spannungen führen würden, konnte man sich an fünf Fingern ausrechnen. Aber nicht nur, dass die politischen Parteien bisher wenig an Lösungen anbieten können oder wollen, sie gossen, wie Horst Seehofer, mit ihrem Gerede von „Notwehr“ und „Obergrenzen“ auch noch Öl ins Feuer.

Die Politiker aller Parteien haben dabei bisher völlig versagt. Denn niemand vermag eine befriedigende Perspektive für alle Menschen, die in unserer Gesellschaft leben, anzubieten.

Die authoritär Lösung

Den wirklich Mächtigen und ihren Thinktanks dürfte die Situation nicht entgangen sein. Sie, die eine Menge zu verlieren hätten, wenn es beispielsweise zu bedeutenden Umverteilungen des Vermögens käme, kennen letztlich in der Krise immer nur eine Lösung und die war in den letzten zweihundert Jahren die Installation autoritärer Verhältnisse.

Unruhen und Aufstände, wie sie sich jetzt mit scharfen Schüssen und Handgranatenwürfen schon andeuten, werden dann ein willkommener Anlass sein, Bürgerrechte einzuschränken.

Polizei, Grenzschutz und vielleicht auch die Bundeswehr werden dann die Aufstände und Unruhen, die diese allgemeine Ungleichheit und Unzufriedenheit hervorruft, autoritär unterdrücken müssen.

Der Flüchtlingsstrom schließlich, wird sicher nicht mit mehr Bürokratie und Maschendraht einzudämmen sein. Und auch das Gequatsche, man müsse die Fluchtursachen, die die westliche Politik und unser Lebensstil ja mit verursacht haben, bekämpfen, wird nichts bringen. Letztlich läuft in dieser Diskussion momentan alles auf Zäune und Schießbefehle hinaus. Eine grauenhafte Vorstellung!

Eine demokratische Lösung

Das Versagen der etablierten Parteien ist evident! Keine Partei in Deutschland – die Linke und die Populisten von der AfD mit eingeschlossen – will die soziale Ungleichheit fundamental bekämpfen. Angesichts des ungeheuren Vermögens der oberen 10% unserer Gesellschaft, wären natürlich Lösungen finanzierbar. Ein nationaler Notstandsplan, der die Probleme wie Wohnungsmangel, Schulsanierung etc. angeht, ist längst überfällig! Zur Finanzierung müsste lediglich der finanzielle Rahm abgeschöpft werden, der in Form von anlagesuchendem Kapital an den Börsen und Finanzmärkten verzockt wird. Dieses Geld könnte produktiven und sozialen Zwecken zugeführt werden, was als Nebeneffekt hätte, einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung zu generieren. Aber an die Sparschweine der oberen 10% traut sich bis jetzt ja niemand heran.

Rechnung ohne den Wirt

Als in Bosnien die Unruhen und Auseinandersetzungen anfingen, dachte man, dass genau wie in Slowenien und Kroatien die Sache in wenigen Wochen erledigt sein würde. Aber schon Clausewitz wusste, dass im Krieg alles viel schwieriger und unberechenbarer wird, als im Frieden. So dauerte der Bosnienkrieg mehr als vier Jahre und verwüstete nicht nur das Land, sondern forderte an die 300.000 Todesopfer. Bis heute hat sich das Land davon nicht erholt und hängt am Tropf der EU.

Wie es in Deutschland und Europa weiter gehen wird ist daher fraglich. Zurzeit erleben wir nicht nur eine rasante Renationalisierung und einen ungeahnten Abbau von Bürgerrechten. Auch schießen rechtsextreme und rechtspopulistische Parteinen und Bewegungen wie Pilze aus dem Boden. Die Auseinandersetzungen werden jetzt schon teilweise äußerst brutal und rücksichtslos geführt. Tausend Übergriffe auf Flüchtlingsheime innerhalb eines Jahres zeigen dies. Zahlreiche Bedrohungen und Angriffe auf Politiker und Journalisten, bis hin zum Mordversuch an der Kölner Oberbürgermeisterkandidatin Reker, sind inzwischen an der Tagesordnung. Dieser Zustand wird verdrängt. Dabei zeigen sie, wie gewalttätig der Konflikt inzwischen tobt. Wie weit man von bürgerkriegsähnlichen Zuständen entfernt ist, lässt sich nur schwer sagen. Dass es manchmal schneller geht, als man denkt, zeigen die historischen Beispiele.

Besen! Seids gewesen

Ob die Geister, die man rief, dann wieder so einfach zurück in die Flasche zu treiben sind, ist eine weitere Frage. Auf die exogenen Kräfte, die sich gerne ins Fäustchen lachen, wenn uns hier der Laden um die Ohren fliegt, habe ich verwiesen. Und ob diejenigen Kräfte, allen voran die USA, die wir jetzt noch als Freunde betrachten, wirklich so ein großes Interesse daran haben, dass eine eigenständige Europäische Union besteht, oder ob man jenseits des Atlantiks nicht eher auf die Kräfte des „neuen Europas“ setzt, die wie Ungarn und Polen schon zeigen, wohin die Reise geht, ist nicht gewiss.

Gewiss ist nur, dass wir in sehr kurzer Zeit in einem anderen Europa aufwachen werden. Und dieses Europa wird voraussichtlich keine liberale Demokratie mehr sein. Was wir dann verloren haben, werden viele erst dann zu spüren bekommen.

18:31 30.01.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Saltadoros

Olaf Schäfer: Pädagoge, Musiker...
Schreiber 0 Leser 7
Saltadoros

Kommentare