Saltadoros
21.10.2013 | 19:36 8

„Autist“ ist keine Beleidigung!

Diskriminierung Ist der Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst Autist? Wer oder was ist eigentlich ein Autist? Wider dem Gebrauch des Begriffs "Autist" als Schimpfwort!

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Saltadoros

Dass Kinder Fehlleistungen ihrer Altersgenossen oft mit der rhetorischen Frage kommentieren „bist du behindert?“, ist für wirklich behinderte Menschen diskriminierend. „Der ist behindert“, wird in der Jugendsprache abwertend für jeden gebraucht, der von der vermeintlichen Norm abweicht. „Behindert“ ist ein Schimpfwort und die Gesellschaft stellt sich taub. Denn während andere Schimpfwörter wie „Kannake“ oder „Neger“ inzwischen tabuisiert sind, geht „behindert“ meistens durch, ohne dass Eltern, Lehrer und Erzieher sanktionierend eingreifen.

Aber warum sollten es die Kinder auch besser wissen. Erwachsene, ja sogar die Medien, leben es ihnen ja vor. Wer wurde da nicht zuletzt alles als „Autist“ oder als „autistisch“ bezeichnet. Immer wenn ein Mensch oder sogar eine ganze Gruppe sozial unsensibel und auf sich zentriert agiert, wurde ihr das Etikett „Autist“ angeklebt. Zuletzt war es der Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst, der im Verdacht stand, irgendwie krank oder gar ein Autist zu sein. Der Bruder des Bischofs dementierte dann von Bild bis Spiegel, dass Tebartz-van Elst nicht unter dem Asperger Syndrom – einer besonderen Form des Autismus – „leide“.

All dies zeigt nur eines, dass die Gesellschaft der Neuronormalen, so die Bezeichnung für Menschen ohne neurologischen Befund, erhebliche blinde Flecken hat und dass die Gesellschaft als Ganzes noch längst nicht dort ist, wo sie sich wähnt. Denn während seit einiger Zeit Schulen selbstverständlich behinderte inkludieren sollen, ist das Wissen über Behinderungen, speziell über den Autismus, zurückgeblieben.

Autisten werden in der Mehrheitsgesellschaft meist als „Sensation“ wahrgenommen. Bekannt sind unter den Autisten einige wenige „Stars“, die mit weit überdurchschnittlichen Inselbegabungen wie Rechenkünsten oder Gedächtnisleistungen ihr Publikum faszinieren können. Der Film „Rain Man“ hat hier leider ein völlig falsches Bild über Autisten verbreitet, welches schwer zu korrigieren ist. Natürlich ist es diesem und anderen Filmen zu verdanken, dass „Autismus“ heute nicht mehr nur einem kleinen Fachpublikum bekannt ist. Dennoch haben alle diese Filme etwas gemeinsam: Der Autist ist fast immer ein Held mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten, der etwas Besonderes leistet.

Die meisten Autisten – und es leben einige Tausend unter uns – haben mit diesen Stars nichts zu tun. Nicht wenige unter ihnen fallen im ersten Moment gar nicht auf. Erst durch ihre „spleenige“ Art der Kommunikation, oder wenn sie in Krisen kommen, wird man auf sie aufmerksam. Dies gilt insbesondere für die leichteren Formen vom Typ „Asperger“ oder „frühkindlicher Autismus“. In den extremeren Ausprägungen können die Betroffenen oft nur eingeschränkt oder auch gar nicht sprechen und kommunizieren.

Autisten wird durch ihre besondere Art unterstellt, sie seien in sich eingeschlossen, introvertiert und nur auf sich zentriert. Ihre Umwelt und ihre Mitmenschen würden sie nicht interessieren. Durch ihren Ich-Bezug würden Autisten ihre Mitmenschen nur als Werkzeuge und Instrumente für ihre Interessen wahrnehmen und sich daher ständig antisozial verhalten.

Dies alles sind Vorurteile, die zeigen, wie wenig die komplexe Welt der Autisten wahrgenommen wird. Autisten können nämlich ungeheuer sensibel sein. Vielleicht ist es sogar gerade ihre Sensibilität und ihre Unfähigkeit, sich gegen äußere Reize und die permanente Reizüberflutung abzuschotten, die sie zu eigenartigen, oft zum Rückzug neigenden Menschen macht. Genaues weiß man nicht, denn eine schlüssige Theorie, wie Autismus entsteht und was im Nervensystem bei Autisten anders läuft als bei Neuronormalen, gibt es noch nicht. Vieles, was Wissenschaftler dazu in den letzten Jahren veröffentlicht haben, ist immer noch Theorie, und wartet auf Überprüfung.

Was man aber ganz sicher heute sagen kann ist, dass Autismus weder durch kaltherzige Eltern entsteht, noch dass Autisten egoistische Monster sind, die sich nicht in die Gesellschaft integrieren lassen, wie man vor noch gar nicht so langer Zeit annahm.

In diesem Sinne ist es eine Unverschämtheit, die Persönlichkeitsdefizite eines abgehobenen Bischofs, der ganz offensichtlich den Bezug zur Realität in der Gesellschaft verloren hat und der sich Kritik- und Beratungsresistent zeigt, mit einem Menschen zu vergleichen, der von Autismus betroffen ist. Ja betroffen! Denn Autisten „leiden“ zumeist nicht an ihrem Autismus, wenn die Umstände unter denen sie leben und arbeiten und die Menschen, mit denen sie zu tun haben, auf ihre besonderen Bedürfnisse eingestellt sind.

Die Öffentlichkeit muss lernen, egoistisches, rücksichtsloses und selbstbezogenes Handeln von Politikern und anderen Personen als solches zu benennen und nicht sofort das Etikett „Autismus“ zu verwenden. Die wirklichen Autisten können nun so gar nichts für das Fehlverhalten dieser Leute!

Der Autor ist Vater einer Tochter mit Asperger-Syndrom.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (8)

luggi 21.10.2013 | 22:13

Behinderte gibt es schon, behindert in der Sinneswahrnehmung, in der Mobilität, in kognitiven Möglichkeiten etc.. Behinderungen sind angeboren oder erworben ... und jeder ist irgendwie behindert. Es gibt auch Behinderungen durch das gesellschaftliche Umfeld.

Behindert ist eine Gesellschaft, die Behinderungen stigmatisiert oder halt Rampen für Rollstuhlfahrer baut.

Ein Autist kann nur unter großen Verrenkungen Bischof in der christlichen Kirche werden. Im Hinduismus hätte er evtl. eine Chance.

Der Limburger ist ganz einfach einer, der eine Woche auf eine Audienz beim Papst wartet und vor der Verantwortung in seiner Gemeinde flieht. Ein Bischof, der christliche Werte verkörpert und auslebt.

Und. Wo wurde der Limburger als Autist betitelt? Ich habe es noch nirgendwo gelesen.

luggi 21.10.2013 | 23:14

Hmm ... die Zeitschrift "Locus" und die Formulierung "Laut seinem Bruder"

Nach der Beschreibung wäre die Hochwohlgeborene A. Merkel prädestiniert für einen Medienzugriff als Aspergerin.

Und. Ein Asperger ist doch nichts schlimmes? Oder? Finanzminister sollten doch eine kleine Geizkragen sein.

Und Geldgier wird auch nicht als Krankheit eingeschätzt, schädigt aber wie bei Albrecht, Schwartz, Schäffler, Quandt usw. die Gesellschaft aber richtig. So betrachtet sind diese Symptome schon wieder geschwürartig.

Aber zurück, in meinen Ifokwellen tauchte der Begriff Autismus in Beziehung zum Limburger nicht auf. Aber er hat etwas ... mit RyanAir über die Alpen nach Rom ... andere gingen zu Fuß ... nach Canossa, um Titel und Einfluss zu erhalten.

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Ehemaliger Nutzer 21.10.2013 | 23:58

Hier wurden schon unerwünschte Blogger und Kommentatoren neben anderen anzweiflungen des Geisteszustandes bei abwegigen Meinungen als Autist beschimpft. Damals hat niemand etwas gesagt,m aber vielleicht sind Sie ja auch so ein "Projekt" des der Freitag, zu dem nur eingeweihte zustimmen. Offenba übergeht sebst ein Mediziner den Unterschied zwischen Asperger-Autismus und Autismus.

Aussie42 22.10.2013 | 12:01

Huch, da geht aber viel durcheinander. Nur drei Punkte.

1.

Herr Saltadoros hat offensichtlich in seiner Praxis mit Menschen mit Autismus zu tun und darum regt ihn zurecht der gedankenlose Gebrauch des labels "Autist" auf. Leider verwendet er es auch selbst. Stattdessen: "Menschen mit Autismus" zu verwenden ist nicht nur pc-semantic, sondern markiert den Abstand zur verbreiteten pejorativen Verwendung des Begriffs.

2.

Bischof in der katholischen Kirche zu werden ist bekanntlich nicht einfach. Dazu muss man, wie auch bei anderen Leitungspositionen, ziemlich gut "vernetzt", sonst kommt man nicht nach oben. Das aber setzt eine hohe soziale Kompetenz vorraus, die Menschen mit Autismus fehlt. Ergo, der Limburger hat vielleicht eine psychopathologische Diagnose, die sein Verhalten erklaert. Wer weiss. Ein Mensch mit Autismus ist er nicht. Die findet man nur in Ausnahmefaellen mit Mitra. Und, so gern ich mit @Luggi auch der Merkel eine Pathologie nachsagen wuerde: Ein Mensch mit Autismus kann jedenfalls nicht Bundeskanzlerin werden. So wie die derzeit den Gabriel und seine clique an die Wand spielt...

3.

Ueber die Asperger.

Die Intensitaet der autistische Stoerung haengt direkt vom Ausmass der jeweiligen Lernmoeglichkeiten (fruehr haette man gesagt: IQ) der Betroffenen ab.

Low functioning Menschen mit Autismus lernen of nicht einmal sprechen, waehrend high functioning Leute nicht selten eine Existenz als wissenschaftliche Ekzentriker waehlen, und dann als "Asperger" gelten.

Das sog. Asperger Syndrom ist aber keine gesonderte Erkrankung, sondern auf der kontinuierlichen Skala der autistischen Stoerung im oberen, high functioning Ende einzuordnen (Diese Terminologie war allerdings vor 10 Jahren, als ich mich zuletzt mit dem Thema beschaefftigt habe, nicht einheitlich).

Herr Doktor Asperger meinte uebrigens, das nicht kalte Eltern, fuer die Ausbildung der Stoerung verantwortlich waeren, sondern lediglich die "Kuehlschrank"-Muetter . Gut, das war 1941, da waren die Maenner anderweitig beschaeftigt....

Rudi vom See 22.10.2013 | 13:51

Sehr guter Artikel!

@Aussie42: ich bin selbst Autist und finde den Begriff "Mensch mit Autismus" arg grausig! Dass ich ein Mensch bin, sollte klar sein, warum muss man das noch betonen? Ich habe bis jetzt noch keinen anderen Autisten getroffen, der diese Formulierung vorziehen würde (wobei ich sicher nicht auschließen möchte, dass es sie geben kann).
Hier ein sehr schöner Blog, der diesen angeblich "besseren" Begriff unter die Lupe nimmt: http://dasfotobus.wordpress.com/2013/01/27/mensch-mit-autismus/