Der Mann mit dem Sultanskomplex

Analyse Erdogan Rede Erdoğans Reden erinnern an Chaplins „Großen Diktator“. Aber sie weisen in allem auf ein Zerbrechen der Türkei hin. Es droht Bürgerkrieg!
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Erdoğans Reden erinnern an Chaplins „Großen Diktator“. Mein Türkisch ist nicht das Beste, aber was ich sehe und verstehe reicht, um die perfide Inszenierung die Rhetorhttps://lh5.googleusercontent.com/-WO3jNCZ6rdg/Ub4wFHn_ppI/AAAAAAAAArs/Pn86qrLkeCc/w1034-h646-no/Erdogan.jpgik des selbsternannten Führers aller „ordentlichen Türken“ zu verstehen. Wahrscheinlich braucht man gar keine Sprachkenntnisse, um die Mischung aus billigsten Schaustellerposen, Marktschreiermethoden und Hetzrhetorik zu verstehen. Auch Chaplin kannte kein Deutsch und brauchte auch kein Deutsch um Hitlers Inszenierung satirisch nachzuzeichnen. Was ihm als Geräuschkulisse in Rundfunkübertragungen und Wochenschauausschnitten übermittelt wurde, reichte ihm. Sein selbst erfundenes wortmalerisches Deutsch mit so schönen Schöpfungen wie „Stonk“ oder „Üschtenstrütz mit die Sauerkraut“ brachte Hitlers „Redekunst“ besser auf den Punkt, als die akademische Analyse des Originals.

Die neueste Inszenierung Erdoğans lässt sich auf youtube abrufen und sie unterscheidet sich kaum von seinen anderen Inszenierungen.

( http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=dtZxipp2NlQ )

Auf einer Bühne, wie wir sie sonst von Rockveranstaltungen kennen, spricht Erdoğan im karierten Arbeiterhemd zu seinen Anhängern. Überhaupt scheinen große Karos dem Mann so gut zu gefallen, wie deutschen Touristen weiße Socken in den Sandalen. Es geht um die Demonstration von schlechtem Geschmack. „Seht her“, ist die Botschaft, „ich bin genau so ein geschmackloser „Coban“ (Schafhirte) wie ihr“.

Angeblich sind eine Millionen gekommen, um den großen Führer zu sehen und die Kameras geben bei der Inszenierung ihr Bestes, dies zu beweisen. Sie fahren und zoomen über die Menschenmenge, dass einem schwindlig werden kann. Andere Menschenmengen, die beispielsweise von Erdoğans Gegnern, die zeitgleich die Hängebrücke über den Bosporus füllen, weil sie von der asiatischen Seite nicht mehr über die Mehrenge kommen, da die Fähren ihren Betrieb eingestellt haben und nur noch mit Fahnen und Parteisymbolen geschmückte Boote für AKP-Anhänger zu haben sind, sieht man nicht.

Die Bühne ist geschmückt mit einer überdimensionierten türkischen Fahne auf der einen Seite und dem noch größeren Bild des selbstherrlichen Führers auf der anderen. Fahnen sind überhaupt reichlich vorhanden. Seltsamerweise auch bei den Gegnern von Erdoğan. In Anlehnung an Tucholsky könnte man sagen, es gibt Türken ohne Nieren, Milz, und mit halber Lunge, aber Türken ohne Fahnen gibt es nicht. Erdoğan hat die größte und er ist der Größte. Und er sagt, was er will. Er will das zweite Osmanische Reich, am besten mit ihm als Oberhaupt, denn der Mann hat einen Sultanskomplex. Er will das Osmanische Reich nach innen und er will es nach außen!

Nach innen als islamische Republik mit Gesetzen a la Scharia und nach außen in den Grenzen des untergegangenen Osmanischen Reichs. Man braucht kein Türkisch zu können um die Städtenahmen zu verstehen von Ramallah über Jerusalem bis nach Sarajevo, die er, der große Führer marktschreierisch ausruft um sich bestätigen zu lassen, dass er auch für diese Städte sprechen darf. Nach innen glaubt er sich als Führer und Bewahrer des wahren Türkentums, nach außen als Bewahrer des Osmanischen Erbes.

Natürlich ist eine Verschwörung im Gange, redet Erdoğan seinen Anhängern ein. Ausländische Medien hätten in den vergangenen Tagen ein falsches Bild von der Türkei gezeigt. Hier auf dem Platz sei die wahre, die „saubere“ Türkei und diese Bilder wünscht er im Ausland zu sehen.

Erdoğan unterschätzt dabei mehrere Dinge. Zum ersten, dass er die Bilder seiner „ordentlichen Türkei“ nicht mehr kontrollieren kann. Die Fotos von Polizisten, die harmlose Bürger, Frauen und Kinder misshandeln, werden in Sekundenbruchteilen über die sozialen Netzwerke in alle Welt verteilt. Sie strafen ihn Lügen, wenn er davon spricht, er habe doch den Demonstranten die Hand ausgestreckt und als Antwort die geballte Faust bekommen. Das Bild einer Frau im roten Kleid, die von einem Polizisten misshandelt wird, das zum Symbol des Aufstands wurde, zeigt mehr als die heuchlerischen Worte, wer der Aggressor ist.

Zum zweiten unterschätzt Erdoğan, dass ihm viele nicht folgen werden. Im Inneren der Türkei gibt es eine gigantische Opposition, die im nicht folgen will und die ihm nicht folgen kann. Das sind zum einen die Aleviten. Nur um den Preis eines Genozids ließe sich deren Widerstand gegen den selbsternannten Sultan brechen. Da ist aber auch die Schicht der jungen westlich orientierten Akademiker, Mittelständler und Künstler, und auch die alten Eliten sowohl in der Istanbuler Bourgeoisie als auch im Militär wollen keinen neuen Sultan. Drittens unterschätzt Erdoğan, dass auch außerhalb des Landes die Sehsucht nach dem alten Osmanischen Sultan, der sich auch als oberster Hüter des Islams und des Heiligtums von Mekka verstand, begrenzt ist. Zwar haben Erdoğan und seine Anhänger in den vergangenen Jahren immer wieder spektakuläre außenpolitische Demonstrationen gewagt, wie die Durchbrechung der israelischen Blockade des Gazastreifens oder dem Senden von Delegationen, die tränenreich zum Jahrestag von Srebrenica Solidarität mit der bosnischen Muslimen heucheln. Aber in den jeweiligen Regionen dürften sie nur wenige Menschen wirklich erreichen. Die Mehrheit dort wünscht sich Wohlstand und Demokratie und die westliche Lebensweise und nicht das alte osmanische Reich zurück.

Das wünschen sich nur Erdoğans Anhänger die fast die Hälfte der türkischen Bevölkerung ausmachen. Dies sind im Wesentlichen Leute mit einem massiven Minderwertigkeitskomplex. Um diesen zu verstehen, bedarf es eines Blicks in die Geschichte der letzten 80 Jahre. Eine Geschichte, die mit dem Zerfall des osmanischen Reiches begann und die mit einer ungeheueren Modernisierung der Türkei endete. Noch vor 40 Jahren gab es zahlreiche Dörfer in der westlichen Türkei, die weder an das Elektrizitäts- noch an Telefonnetz angeschlossen wurden und wenn überhaupt, so konnte man Telefongespräche in der Provinz nur mit einem Telefon mit Induktionskurbel und dem „Fräulein vom Amt“ als Vermittlerin tätigen. Und noch vor 25 Jahren übermittelte die türkische Staatsbahn auf Nebenstrecken Nachrichten mit dem Morsetelegraphen. Heute steht die Türkei an der Spitze bei der Nutzung von digitalen Medien und den so genannten „sozialen Netzwerken“. Menschen, deren Vorfahren vor ein oder zwei Generationen noch im weiten Anatolien mit Schafherden nomadisierend lebten, die weder einen Arzt noch eine wirkliche Schule gesehen hatten, zogen in die Städte und bevölkerten zu Millionen die so genannten Gecekondus. In diesen Armensiedlungen, die spontan und ohne irgendeinen Bebauungsplan errichtet wurden schlingen sich bis heute Ringförmig um die türkischen Großstädte. Auch wenn viele dieser ursprünglichen Gecekondus inzwischen mit Infrastruktur und natürlich mit den obligatorischen Moscheen versehen wurde, oder auch wieder abgerissen und mit Wohnblocks überbaut wurde; die Bevölkerung in ihnen ist erhalten geblieben. Es sind Menschen, die eben teilweise dem Modernisierungstempo nicht folgen konnten und die sich nun an eine vermeintliche Identität als Moslem klammern und von Zeiten träumen, als die Türkei noch mächtig war und die Völker der Welt vor den Türken zitterten. Dieser Komplex, der aus dem Widerspruch realer individueller Bedeutungslosigkeit und phantasierter Megalomanie einhergeht, wird von Erdoğan bedient. Es ist dieses Herrenvolk von türkischen Untertanen, die ihrem Führer zujubelt.

Hier nun liegt die Gefahr. Jener Teil der Erdoğan-Anhänger ist mit der westlich orientierten Gruppe der Erdoğan-Gegner nicht versöhnbar. Die Türkei hat den Konflikt, der auch ein Kulturkampf ist, seit 80 Jahren autoritär unterdrückt. Bisher konnte auch keine der beiden Seiten die andere wirklich dominieren und es kam immer nur zu relativ kleinen, regional begrenzten Übergriffen und Massakern, etwa gegen die Istanbuler Griechen oder die Aleviten. Die Gefahr besteht jetzt, dass dieser Konflikt durch die Dummheit und die Selbstüberschätzung Erdoğans eskaliert und in einen Bürgerkrieg ausartet. Die Art, wie Erdoğan seine Anhänger indoktriniert erinnert an die Reden von Hitler bis Milošević, die mit primitiver Inszenierung die Dummen zum Morden anstacheln sollten. Bislang haben sich Erdoğans Anhänger noch zurückgehalten. Sollten sie auch auf die Straße gehen ist das Tor zum Bürgerkrieg offen.

Olaf SchäferC:\Dokumente%20und%20Einstellungen\Olaf\Desktop\Erdogan.JPG

23:43 16.06.2013
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Geschrieben von

Saltadoros

Olaf Schäfer: Pädagoge, Musiker...
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Saltadoros

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