Haut ab!

Abwehrreaktionen Die deutsche Ungastlichkeit und ihre Reflexe
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Solange ich denken kann, sagte immer jemand „haut ab“. Die ersten Rangeleien auf dem Kinderspielplatz, wo man schon mal von einer Clique von Kindern aus alteingesessenen Familien des Dorfes vertrieben wurde, gehören mit dazu. Aber auch später, als in mir der politische Mensch erwachte und ich begann auf Demonstrationen zu gehen, gehörte der Hinweis, dass man doch abhauen solle, am besten „nach drüben“ zum Standartrepertoire der politischen Gegner. Es waren die wilden siebziger Jahre mit Prielblumen in der Küche meiner bäuerlichen Großmutter, mit Studenten, die lange Haare hatten, 2CV, Renault 4 oder Käfer fuhren und dem Lebensgefühl, dass alles irgendwie schon geht und vor allem, dass es immer besser geht. Wir waren die zweite Wohlstandsgeneration nach dem Krieg und wir genossen dankbar die Freiheiten, die die 68er, Willi Brand und andere für uns vorbereitet hatten. Gymnasien öffneten ihre Pforten für uns Aufsteigerkinder und dazu wurden schon einmal Container auf den Schulhof gestellt, denn unsere Generation war geburtenstark. Erst kurz nach unserer Geburt kam „die Pille“ auf den Markt und ließ zuerst die Geburtenrate der protestantischen, und später auch die der katholischen Bevölkerung stark schrumpfen. Folglich ging es bei uns noch eng zu und dass jemand sagte, „hau ab“, war mehr als verständlich, wenn man mit 40 Klassenkameraden im Sommer im Container schmorte oder sich das Kinderzimmer mit nervigen Geschwistern teilen musste.

Den Hinweis, doch „nach drüben“ abzuhauen fand ich interessant und da die Menschen, die ihn mir gaben, damals irgendwie sehr unsympathisch waren, meist nach ranzigem alten Mann, Nazi oder Flakhelfer rochen, dachte ich über deren Ratschlag ernsthaft nach. So sympathisierte ich eine gewisse Zeit mit jenem anderen Teil Deutschlands. Nach gar nicht langer Zeit litt meine Sympathie für den anderen Deutschen Staat allerdings erheblich, weil ausgerechnet dieses Land, in das ich ja abhauen sollte, die eigenen Menschen, die von dort abhauen wollten, mit Mauern und Schießbefehl daran hinderte. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass man so unfair sein konnte, Leuten mit Sprengfallen und Maschinenpistolen nachzustellen, die nichts anderes wollten, als eben abhauen und die es schafften, drei Zäune, Signaldrähte und Hundelaufanlagen zu überwinden. Irgendwie musste das doch ein Staat mit einer sehr unsportlichen Einstellung gegenüber seinen Bürgern sein und da er zudem noch ziemlich grau und humorlos war, wie ich bei Besuchen feststellte, wurde es nichts mit dem „nach drüben“ abhauen.

Abhauen sollten damals noch andere. Zum Beispiel die amerikanischen GIs, die es in unserer Gegend reichlich gab. Ich erinnere mich an die Graffiti „Ami – go home!“ noch sehr genau, die jahrelang groß auf einem Bretterzaun in unserer Stadt stand. Irgendwann tauchten dann auch noch Graffitis auf, die den inzwischen zahlreich eingewanderten Türken signalisieren sollten, dass sie doch gefälligst wieder abhauen sollten, was die aber, wie alle anderen, nicht taten. Dies rief dann irgendwann eine Gegenreaktion hervor, die laut „Nazis raus“ forderte und auf Demonstrationen gegen die NPD gerne monoton „haut ab, haut ab, haut ab…“ skandierte.

Hatte man mir, den GIs und den Türken noch gesagt, wohin wir abhauen sollten, wurde dies den Nazis nicht mehr mitgeteilt. Die Partei „Die Linke“ forderte gar auf Plakaten „Nazis raus aus den Köpfen“. Aber wohin damit, darauf habe ich bis heute keine Antwort erhalten. Vielleicht hoffen manche jener selbsternannten Antifaschisten, die Neonazis würden tatsächlich in die ehemaligen deutschen Ostgebiete jenseits der Oder abhauen, die diese Leute ja nach ihrer Selbstaussage so sehnsüchtig zurückwünschen.

Wie auch immer. In den siebziger und achtziger Jahren war es tatsächlich mit dem Abhauen gar nicht so schwer. „Ich träume oft davon, ein Segelboot zu klaun’ und einfach abzuhaun’“ sang Udo Lindenberg und wenn wir auch nicht unbedingt Segelboote klauten, so hauten wir doch reihenweise ab. Nicht wenige meines Jahrgangs verließen damals plötzlich und unerwartet das traute Elternhaus. Manche, wie ich, nur wenige Tage, andere für länger. Per Anhalter kam man überall hin und in einem recht eigentümlichen DDR-Jugendbuch, welches mir eine wohlmeinende Tante aus Jena damals geschenkt hatte und das „Ich bin nun mal kein Yogi“ hieß erfuhr ich, dass es die gleichen Typen wie mich wohl auch jenseits der Mauer geben musste. Als Plenzdorfs junger Werter als Film über den eisernen Vorhang flimmerte, war mir endgültig klar, dass die Jugendkultur der 70er Jahre in Ost- und Westdeutschland mehr Ähnlichkeiten hatte, als es Politikern auf beiden Seiten der Mauer lieb sein konnte. Letztere hatten, wenn sie konservativ waren für die „Hippies und Gammler“ immer die gleiche Erklärung. Für die einen war die DDR und deren Agenten in der SPD schuld und für die anderen der CIA und die BRD. Die Forderung, die man damals in Ost und West gleichermaßen hören konnte, lautete: „Ab ins Arbeitslager!“

Die kleinen Fluchten der Aussteiger ähnelten sich sehr und endeten in Ost und West nur an verschiedenen Orten. Ob im Prenzlauer Berg oder in Kreuzberg, ob am Balaton oder in Kreta, überall konnte man damals Jugendliche und junge Erwachsene treffen, deren gemeinsames Kennzeichen eine lange Haar- und Barttracht, Jeans, Hemd von Opa oder Strickpulli von Freundin oder Mutter und dem bemalten Parka aus Beständen einer ansonsten verachteten Armee waren.

Wir waren sehr mobil, was für Leute, die abhauen sollten und wollen wichtig war. Regionale Fluchten wurden gerne mit dem Mofa oder Moped organisiert. Dass die Fluchfahrzeuge fast immer schneller waren, als es die Polizei erlaubte war auch klar. Nicht wenige der männlichen Exemplare meiner Generation haben sich beim Feilen von Kolben, dem Aufbohren von Auslass und Überströmkanälen oder dem Austausch von Düsen und Krümmern entscheidende mechanische und fahrzeugtechnische Kenntnisse angeeignet. Längere Fluchten wurden schließlich per Anhalter oder Eisenbahn zurückgelegt. Damals war das „Interrail-Ticket“ die Eintrittskarte für viele Jugendliche in die nahen und fernen Länder Europas. Die „Echten“ kamen jedoch ohne Interrail aus, trampten und nutzten den Zug nur, wenn man, wie in Jugoslawien oder Griechenland für Spottpreise Eisenbahn fahren konnte.

Ich trampte zum ersten Mal mit 16 Jahren nach Griechenland. In den folgenden Jahren, bis zum Zerfall Jugoslawiens, der mit dem Ende meiner Studienzeit zusammenfiel, sollte ich die Strecke über den Balkan Richtung Griechenland oder in die Türkei vielmals fahren.

Niemals war ich damals alleine. Überall an den Autobahnzubringern gab es „Trampstellen“, die gut besucht waren und an Rastplätzen, Grenzübergängen und Bahnhöfen traf man überall die selben Typen, deren gemeinsames Kennzeichen immer ein Rucksack – meinst mit Alu-Tragegestell und Schlafsack aus Armeebeständen auf dem unteren Bügel – war. Die finanzielle Ausstattung jener Rucksacktouristen war meist nicht üppig. Aber in vielen Ländern kam man damals mit sehr wenig Geld, Brot, Käse und Wein sehr weit, vor allem wenn man draußen schlief. Ich erinnere mich, dass ich Mitte der achtziger Jahre am Bahnhof von Athen bestimmt an die hundert Menschen sah, die dort an einer Mauer entlang auf Isomatten in Schlafsäcken nebeneinander lagen. Auch hatten sich damals schon in Athen neben der alten Jugendherberge zahlreiche private Hostels gegründet. Dies waren meist alte Hotels oder Bürgerhäuser, wo in großen Räumen mehrere Betten nebeneinander standen und in denen die etwas wohlhabenderen Rucksacktouristen übernachteten.

Unvergesslich dürfte all jenen, die diese Zeit miterlebt haben, die ungeheuere Gastfreundschaft in jenen Ländern in Erinnerung geblieben sein. Südlich der Alpen war man fast überall willkommen. Nicht selten wurde der Anhalter vom Fahrer des Wagens, mitgenommen und zum Essen oder gar zum Übernachten eingeladen. Wildfremde Familien holten einen von der Straße weg an den Kaffeetisch oder schenkten frisch gebackene Spezialitäten. Kaum einer von den Einheimischen zündete sich in den oft vollen Zügen oder Bussen eine Zigarette an, ohne dem Fremden auch eine anzubieten. So lernte man die einheimischen Marken wie „Drina“, „Papastratos Assos“ oder „Samsun“ meist schon am ersten Tag im jeweiligen Land kennen. Ich habe hunderte Erinnerungen an Menschen, die mir damals halfen, sei es, dass ich den Weg nicht wusste, sei es dass ich etwas brauchte oder sei es, dass mir einfach so eine Frau ein gegrilltes Hühnerbein oder selbstgebackenes Brot mit Käse schenkte oder ein Polizist mich einlud, die Nacht in der offenen Zelle seiner Polizeistation zu verbringen. Und ich war nicht der Einzige dem solche Wohltaten geschahen. Der Austausch über diese Geschichten gehörte damals unter den Trampern zum Tagesgespräch.

Wir haben uns selten gefragt, wie wir wohl auf die Einheimischen gewirkt haben. Wir kamen ihnen mit Sicherheit sehr exotisch vor und die Nacktbader an türkischen Stränden oder die singenden Touristen in der Athener Metro müssen die Einheimischen ungeheuer provoziert und genervt haben. Aber niemals hörte ich, dass jemand mal gesagt hätte, dass wir abhauen sollten. Auch vom spanischen Teutonengrill, wo sich eine ganz andere Klientel aufhält, habe ich bisher keine solchen Äußerungen gehört. Es scheint, als würden die Mitglieder anderer Völker ein „haut ab“ nicht so leicht über die Lippen bringen. Es gibt in Deutschland leider keine Kultur der https://lh5.googleusercontent.com/-iCmg_7sy83U/UUdr13wT_vI/AAAAAAAAAqU/PpUWSjnVcXo/s627/Keen+Herz+f%C3%BCr+Touris.jpgGastfreundschaft und die Tradition, auch einen unbequemen Menschen einmal auszuhalten. Scham beschleicht mich daher beim Anblick von Aufklebern, die Touristen, die endlich auch mal Deutschland bereisen wollen, mitteilen, „Berlin doesn’t love you“ oder „Keen Herz für Touris“!

Die heutigen Griechen sind natürlich nicht mehr so gastfreundlich, wie jene Ende der siebziger Jahre. Auch hier hat die wirtschaftsliberale Philosophie, dass jeder sich am besten um sich selbst kümmere, breite Schneisen in den Wald der Gastfreundlichkeit geschlagen. Aber obwohl Frau Merkel in Griechenland zu dem politisch am meisten gehassten Personen gehören dürfte, hörte ich auch bei meinem diesjährigen Besuch in Athen kein einziges abfälliges Wort zu mir und der Tatsache, dass ich Deutscher bin.

Es scheint etwas typisch Deutsches zu sein, dem Fremden, Neuen und vielleicht auch Unbequemen ein „haut ab!“ entgegenzuschleudern. Vielleicht täte uns die Erinnerung an unsere vergangenen Reisen als Rucksacktourist ganz gut. Vielleicht gewönnen wir etwas von der Gelassenheit und Liebenswürdigkeit unserer damaligen Gastgeber, wenn wir auch mal einen jener neuen Einwanderer vom Balkan und den südlichen EU-Staaten von der Straße weg zum Kaffee einladen würden! Denn nicht wenige von uns dürften inzwischen betuchte Kunden von Outdoorläden sein und problemlos etwas zurückgeben können, von dem, was wir damals erhielten.

Dass es hier immer neue Gruppen geben wird, denen man das Abhauen empfehlen kann, daran besteht kein Zweifel. Denn „die Neuen“ sind schon da. So sahen sich Schwaben im Prenzlauer Berg, kaum waren sie aus ihrer Heimat abgehauen, im Jahr 2012 mit der Forderung konfrontiert, sie sollen sich auch hier wieder vom Acker machen. „Yuppie scum you better run“ fand ich neulich an die Wand eines Baumarktes gesprüht. Gemeint waren wohl die Townhousebesitzer auf der gegenüberliegenden Straßenseite, die der Gentrifizierung beschuldigt wurden. Und wen wundert es bei alle dem, dass der neuen Welle von Einwanderern, den Rumänen, Bulgaren und Exjugoslawen in Deutschland vom Innenminister abwärts wieder einmal ein herzliches „haut ab“ entgegenschallt. Ich wette, die meisten von ihnen werden nicht abhauen, sondern bleiben, wie die anderen vor ihnen!

Olaf Schäfer

08:58 19.03.2013
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