Saltadoros
12.03.2017 | 12:21 24

Türkei-Europa. Ein abgekartetes Spiel!

Autoritäre Herrschaft Auftrieb für autoritäre Herrschaftsformen. Erdoğan, Geert Wilders und Marine Le Pen sind nicht die Einzigen, die sich gerade vor Freude die Hände reiben dürften

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Saltadoros

Türkei-Europa. Ein abgekartetes Spiel!

Foto: Emmanuel Dunand/AFP/Getty Images

Die Niederlande zeigen Härte und verhinderten einen Auftritt der türkische Familienministerin Fatma Betül Sayan Kaya. Sie stoppten ihre Fahrzeugkolonne, verhinderten ihren Besuch der türkischen Botschaft und geleiteten sie schließlich über die Grenze. Dies ist ein neuer Tiefpunkt in den Beziehungen der Türkei zu Europa und was nun folgte, war durchaus voraussehbar, wie vermutlich erwünscht. Zum einen, dass sich Erdoğan und seine Genossen erneut aufblasen wie die Marktschreier und Europa faschistische Methoden vorwerfen, zum anderen, dass die hier lebenden Fans von Erdoğan sich bemüßigt fühlen ihren „Führer“ beizuspringen und türkische Fähnchen schwenkend in europäischen Städten auf die Straßen zu gehen.

Es gibt zwei Gewinner in diesem Spiel. Zum einen ist es Erdoğan selbst. Dieser versteht es bestens, jene Kreise in der Türkei und in Europa anzusprechen, die seit Generationen zu den Verlierern gehören. Es sind die wenig gebildeten und stark religiös orientierten Türken, die seit der Gründung der modernen Türkei durch Attatürk unterdrückt wurden.

Der Gründungsmythos der Türkei ist hierbei das eigentliche Problem. Attatürks Staatsideologie hatte verschiedene Aspekte, die bis heute nachwirken. Nach dem Zerfall des multiethnischen Osmanischen Reiches nach dem ersten Weltkrieg stand der Staatsgründer vor der Aufgabe, das Kernland, die heutige Türkei, zum einen von der Besatzung der Alliierten zu befreien. Zum anderen orientierte sich Attatürk stark am westlichen Staatenmodell, welches jedoch weder zu der ethnischen Situation, noch zur religiösen und kulturellen Tradition eines großen Teils der Staatsbevölkerung passte. Attatürk versuchte diesen Widerspruch autoritär und mit Gewalt zu unterdrücken. Etwa indem er die Macht der Religiösen mit brutaler Härte unterdrückte, Aufstände blutig niederschlagen ließ, wie beispielsweise 1930 in Menemen (türk. Menemen Olayı). Ebenso schlug Attatürk ethnische Aufstände der Kurden blutig nieder. Wenig bekannt ist bei uns etwa die blutige Niederschlagung des Dersim-Aufstands, bei dem über 10.000 Mennschen getötet wurden. Auch kaum bekannt ist , dass die türkische Luftwaffe damals Aufständige und Zivilisten gleichermaßen bombardieren ließ und dabei auch Giftgas einsetzte. Attatürks Adoptivtochter, die wahrscheinlich ein armenisches Waisenkind war - die Kampfpilotin Sabiha Gökçen - beteiligte sich an diesem Bombardement, welches von vielen als Genozid gewertet wird. Heute ist der Flughaften im anatolischen Teil Istanbuld nach ihr benannt.

Attatürks Verwestlichungsmaßnahmen fanden Eingang in die Weltliteratur. Im „Kleinen Prinz“ skizziert Antoine de Saint-Exupéry die Maßnahmen:

Ich habe ernsthafte Gründe zu glauben, dass der Planet, von dem der kleine Prinz kam, der Asteroid B 612 ist. Dieser Planet ist nur ein einziges Mal im Jahre 1909 von einem türkischen Astronomen im Fernrohr gesehen worden. Er hatte damals beim internationalen Astronomenkongress einen großen Vortrag über seine Entdeckung gehalten. Aber niemand hatte ihm geglaubt, und zwar ganz einfach seines Anzuges wegen. Die großen Leute sind so. Zum Glück für den Ruf des Planeten B 612 befahl ein türkischer Diktator seinem Volk bei Todesstrafe, nur noch europäische Kleider zu tragen. Der Astronom wiederholte seinen Vortrag im Jahr 1920 in einem sehr eleganten Anzug. Und diesmal gaben sie ihm alle recht.

Bei Todesstrafe wurde nicht nur türkische Kleidung wie beispielsweise der Fez verboten. Auch Volksmusik etwa war verboten1. Der Türkische Rundfunk, spielte in den Anfangsjahren nur Opern und Operetten, was dazu führte, dass viele Menschen auf die Sender arabischer Nachbarn auswichen. Das hat bis heute Folgen für den türkischen Musikgeschmack.

Der Rollback in Richtung islamische Republik ist freilich keine Erfindung Recep Tayyip Erdoğans, auch wenn er sich selbst zu deren Hauptprotagonisten stilisiert. Die Tendenz wurde lange vor Erdoğan angelegt. Schon nach dem Putsch von General Evren, Mitte der achtziger Jahre, begann man mit der Verstärkung der finanziellen Ausstattung der türkischen Religionsbehörde (türk. Diyanet İşleri Başkanlığı). Moscheen wurden gebaut und schossen wie die Pilze in jedem Stadtviertel aus dem Boden. Und natürlich brauchen diese Moscheen auch Personal, welches direkt vom türkischen Staat bezahlt wurde.2 Diese Religionsbehörde finanzierte jedoch nur die sunnitische Variante des Islam. Aleviten etwa mussten ihre Cem-Häuser selbst finanzieren. Welche Probleme die kleinen christlichen Minderheiten wie Armenier oder die Griechisch- oder Syrisch-Orthodoxe hatten, lässt sich nachlesen.

Erdoğan ist damit nun der Schlusspunkt einer langen Entwicklung, der man im Westen viel zu lange zugesehen hat und die man sogar noch unterstützte, indem man hierzulande etwa die türkische Religionsbehörde förderte und ihr beispielsweise Einfluss auf den Religionsunterricht an deutschen Schulen gewährte.

Aus all diesen Gründen ist die die offizielle Empörung über die türkische Führung, die jetzt in Europa vielstimmig zu hören ist, nicht wirklich ernst zu nehmen. Hier waren etwa Kanzler Kohl und sein Außenminister Hans-Dietrich Genscher noch etwas logischer. Nachdem sie zuvor die Ausrüstung der halben NVA an die türkische Armee verhökert hatten und die Türkei diese Waffen, etwa den NVA-Radpanzer vom Typ BTR 60, vertragswiedrig im Kurdengebiet eingesetzt hatten, verhängten sie ein Waffenembargo gegen die Türkei. Die Reaktionen der damaligen politischen Führung unterschieden sich übrigens kaum von heute.3

Von solchen Reaktionen ist man zur Zeit weit entfernt. Vielmehr hilft Deutschland dabei, die türkischen Despoten weiter aufzurüsten. So plant etwa Rheinmetall den Export einer ganzen Panzerfabrik.4

Dieses steht von offizieller Seite nicht in Frage. Man begnügt sich vielmehr mit Symbolpolitik. Ob nun die Familienministerin Fatma Betül Sayan Kaya in den Niederlanden spricht oder sonst ein türkische Politiker in Europa, das wird nicht Wesentlich sein. Auf solcherlei Propaganda könnte man hervorragend reagieren, wobei die Satire die beste Möglichkeit wäre das aufgeblasene Geschwätz dieser Leute zu persiflieren.

Vielmehr müssen wir uns fragen lassen, was in unseren Schulen und überhaupt in unserer Gesellschaft falsch gelaufen ist, wenn so viele Türken der dritten Einwanderergeneration diesen Rattenfängern auf den Leim gehen. Diese Symptome sind alles Defizite unserer Gesellschaft! Türkische Politiker setzen lediglich bei den Defiziten dieser Leute an und bedient sich derer Komplexe, in dem sie ihnen vermeintlich Teilhabe am "großartigen Türkentum" und ihrem autoritären Führer suggeriert.

Und schließlich wird der zweite große Gewinner der rechte Rand unserer Gesellschaft werden. Es ist abzusehen, dass der türkische Mob sich aufstacheln lässt und auch in Europa auf die Straßen ziehen wird. Es steht durchaus zu befürchten, dass die Proteste nicht friedlich bleiben werden. Wie so etwas aussieht haben in den neunziger Jahren nach den Brandanschlägen in Solingen die gewalttätigen Proteste türkischer Jugendlicher im Ruhrgebiet gezeigt.5

Spätestens wenn es zu solchen Szenen kommt, werden wieder autoritäre und repressive Maßnahmen in Europa diskutiert werden. Das wird einigen Kräften gerade recht kommen, die nicht auf Integration, sondern auf Spaltung der Gesellschaft setzten, bei gleichzeitiger autoritärer Staatsführung. Erdoğan, Geert Wilders und Marine Le Pen sind nicht die Einzigen, die sich gerade vor Freude die Hände reiben dürften.

Die Demokratie ist damit keinesfalls nur in der Türkei in Gefahr!


1Unter dem Titel „Werde glücklich, das ist ein Befehl“ gibt es einen kurzen Film, der sich über diesen Umstand lustig macht: https://www.youtube.com/watch?v=Qbbp8ac8ROQ

2Das Diyanet İşleri Başkanlığı (deutsch Präsidium für Religionsangelegenheiten), abgekürzt mit Diyanet, ist eine staatliche Einrichtung zur Verwaltung religiöser Angelegenheiten in der Türkei. Das Diyanet ist direkt dem Ministerpräsidenten unterstellt. Die Behörde hatte im Jahre 2015 mehr als 100.000 Mitarbeiter und einen Jahresetat von umgerechnet mehr als einer Milliarde Euro. Quelle, Wikipedia.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (24)

Achtermann 12.03.2017 | 14:41

Erdoğan ist damit nun der Schlusspunkt einer langen Entwicklung, der man im Westen viel zu lange zugesehen hat und die man sogar noch unterstützte, indem man hierzulande etwa die türkische Religionsbehörde förderte und ihr beispielsweise Einfluss auf den Religionsunterricht an deutschen Schulen gewährte.

…und weiterhin gewährt. Es sind schon Jahrzehnte, die dieser Einfluss währt, ohne dass deutsche Schulbehörden mitgekriegt hätten, was in den Klassenräumen nachmittags passiert, wenn auf Türkisch unter der türkischen Flagge und dem Bildnis des jeweiligen türkischen Staatsführers unterrichtet wurde und wird.

pleifel 12.03.2017 | 16:45

Erdogan eskaliert diesen "Konflikt" um sowohl kritische AKP-Mitglieder hinter sich zu bringen, als auch Stimmen der Opposition einzusammeln. Sein Ziel der Verfassungsänderungen, die ihn als Staatspräsidenten umfassende Rechte zugestehen würde, ist zurzeit noch völlig offen, sodass mit der Schaffung eines Feindes von Außen eine beliebte Strategie gefahren wird, um von seinem eigentlichen Vorhaben abzulenken.

Das kann ihm durchaus gelingen, zumal die Presse weitgehend gleichgeschaltet wurde. Und dann lässt sich auch noch die "Karte" spielen, dass Europa den Türken schon lange eine Aufnahme in den Club verspricht, aber es immer wieder vertagt hat. Das BVerfG hat zum Auftreten ausländischer Politiker klare Worte gesprochen, aber wenn die Regierung darauf eingeht, wird das nicht auf dem Feld der geschürten Emotionen sachlich ankommen. Also eine bis zu den Wahlen in der Türkei knifflige Situation.

Warum die Türkei nicht in die EU gehört, lässt sich gut aus der aktuellen Lage argumentieren. Aber abgesehen vom Flüchtlingsabkommen, den einkömmlichen Waffenverkäufen an die Türkei, ist es auch im deutschen Interesse (nicht die der Mehrheit des Volkes!), sich in Incirlik festzusetzen, denn das entspricht doch der neuen deutschen Verantwortung in der Welt: dafür steht u.a. Ursula von der Leyen, unsere ewig lächelnde Kriegsministerin.

Achtermann 12.03.2017 | 17:40

Sein Ziel der Verfassungsänderungen, die ihn als Staatspräsidenten umfassende Rechte zugestehen würde, ist zurzeit noch völlig offen, sodass mit der Schaffung eines Feindes von Außen eine beliebte Strategie gefahren wird, um von seinem eigentlichen Vorhaben abzulenken.

Das mag stimmen. Aber kann Erdogan sich leisten, die Abstimmung zu verlieren? Man kann sich gar nicht vorstellen, dass er eine Mehrheitsentscheidung gegen ihn akzeptieren und auf bisherigem Machtlevel weiterregieren würde. Es ist doch denkbar, ja wahrscheinlich, nachdem so viele Andersdenkende verhaftet oder eingeschüchtert wurden, dass seine Adepten bei der Auszählung nicht nach notariellen Richtlinien verfahren werden und der Ausgang der Wahl auf jeden Fall in des Potentaten Sinn enden wird.

MisterMischa 12.03.2017 | 17:45

Bei der Ursachenforschung soll man bitte nicht vergessen, daß die Türkei seit 2012 Krieg gegen Syrien führt, und zwar mit freundlicher Genehmigung durch Nato und EU. Das radikalisiert ein Land und erfordert Maßnahmen zur Wahrung der inneren Sicherheit.

.. Dieser versteht es bestens, jene Kreise in der Türkei und in Europa anzusprechen, die seit Generationen zu den Verlierern gehören. Es sind die wenig gebildeten und stark religiös orientierten Türken...

Hier möchte ich widersprechen: türkischsztämmige Bekannte von mir haben es in Deutschland zu Vermögen gebracht, etwa in der IT branche, jetzt ziehen sie sich zurück und widmen sich der Gemeindearbeit. Einer wird sogar gelegentlich bei phenix oder Illner eingeladen, wenn ein Protürke gebraucht wird.

pleifel 12.03.2017 | 18:00

Er kann es sich nicht leisten. Da er "seine" Türkei als normale Demokratie sieht, wird er mit diesem Hinweis auch keine internationalen Wahlbeobachter zulassen, davon gehe ich aus. Ihm wird sicher eine neue Inszenierung einfallen, die ggf. mit Neuwahlen verbunden ist. Deshalb ist auch die gegenwärtige Kampagne der unentwegten Europabesuche seiner Minister Strategie: über Emotionen soll von den geplanten Demokratie zersetzenden Verfassungsänderungen abgelenkt und Menschen manipuliert werden.

Im Telepolis-Artikel "Türkei-Referendum: Wählen, ohne zu wissen, worum es geht" schreibt Gerrit Wustmann über aufschlussreiche Befragungen dahingehend.

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Ehemaliger Nutzer 12.03.2017 | 19:01

bin mir noch nicht endgültig sicher, ob mir die dicken eier der niederländischen regierung besser gefallen oder der appell von can dündar in der zeit:

"Verbote und Empörung sind ein Heimspiel für Erdoğan. Demokratie und Dialog sind für ihn ein Auswärtsspiel. Um dieses Spiel zu gewinnen, müssen wir ihn auf unseren Platz holen, statt auf seinem mitzuspielen."

im moment geht das "spiel" für erdogan voll auf: die anti-demokraten sind die anderen...

Saltadoros 12.03.2017 | 19:12

Frau Merkel hat in der Vergangenheit indirekt Wahlkampfhilfe geleistet, indem sie Erdoğan vor den Wahlen mit einem Staatsbesuch beehrte.

Sie alleine profitiert freilich nicht davon. Jedoch die Kräfte, die auch in Deutschland die politische Richtung nach rechts verschieben wollen. Dazu wird erst einmal diese vergiftete Stimmung aufgebaut. Danach kann man restriktive Gesetze gegen Einwanderer durchbringen oder Dinge wie das neue Gesetz, nach dem Polizisten besonders gegen Übergriffe geschützt werden. Das geschieht jetzt ständig, auch in Holland und das sind nicht alleine Reaktionen auf die Angriffe der Populisten am rechten Rand. Mir scheint es, als ließen sich die Regierungen geradezu gerne von diesen Dingen antreiben. Warum sonst setzen sie so wenig dagegen?

Saltadoros 12.03.2017 | 19:29

Ich glaube, Can Dündar unterschätzt wie viele andere die Dimension, die das hat! Das ist keine diplomatische Frage mehr, denn Erdoğan wird jede noch so diplomatisch formulierte Kritik ins leere laufen lassen. Das, was die europäischen Regierungen bisher gemacht haben erinnert mich stark an die Appeasement-Politik Chamberlains. Man hätte viel früher und viel deutlicher auf all das reagieren müssen, was Erdoğan in der Türkei und auch außenpolitisch (Krieg in Syrien) gemacht hat.

Ich fand heute dazu Peter Schneider im dlf sehr gut:

http://www.deutschlandfunk.de/schriftsteller-peter-schneider-es-laeuft-auf-die.911.de.html?dram:article_id=381055

Saltadoros 12.03.2017 | 19:48

Dass es nicht wenige Türken in Deutschland gibt, die hier mit Fleiß und Glück ein Vermögen gemacht haben, ist richtig. Dass nun ausgerechnet die Klasse der Unternehmer aber zu den progressivsten und demokratischsten Kräften zählt, ist, glaube ich, in keinem Land der Welt der Fall.

Und natürlich gibt es eine kapitalkräftige Basis hinter Erdoğan und seiner AKP, die man unter dem Begriff "Anatolische Tiger" kennt.

Wie auch immer, es gibt bedingt durch die historische Situation des Landes, welches immer nur repressiv zusammengehalten werden konnte, kaum Menschen, die man als überzeugte Demokraten bezeichnen könnte.

Wenn die Demokraten aber schon nicht aus der autoritären türkischen Schule kommen, warum hat da unser Bildungssystem so versagt? Ich hätte da Antworten! Eine wäre, dass wohl kaum ein Migrant in Deutschland ohne das Trauma der Demütigung die Schule verlassen hat.

walteranamur 12.03.2017 | 20:45

Hallo Saltadoros

Mir gefällt in Ihrem Beitrag der historische Kontext. Dabei beschreiben Sie der Rolle Atatürks sehr gut. Er hat zu radikalen Mitteln gegriffen, um dieses, nach Plänen der Siegermächte aufzuteilende Land mit ziemlich viel Verhandlungsgeschick, aber auch etlichen Finten zusammenzuhalten. Ich mache gerne den Vergleich mit einem Pendel. Atatürk hat dieses für die damaligen Verhältnisse brutal bis zum Anschlag nach links gezogen. Die Militärputsche waren der Versuch, ein Zurückgleiten zu verhindern. Das dauerte bis 2004/5. Dann begann Erdogan (unter Protektion der EU!) das Ding auf die andere Seite hochzuziehen, indem zuerst das Militär, dann die Richter und anschließend die Universitäten auf Linie AKP getrimmt wurden. Mit dem "Geschenk Gottes", dem Putsch vom 15. Juli, hat sich Erdogan seines letzten Weggefährten entledigt.

Das Referendum wird markieren, ob das Pendel rechts oben angenagelt , oder wieder zurückschlagen wird. Die Intensität, mit welcher der europäische Wahlkampf betrieben wird zeigt, dass der Ausgang des Referendums in der Türkei noch sehr ungewiss ist.

Aussie42 12.03.2017 | 22:14

Aehnliches hatte ich auch schreiben wollen.

Der historische Zusammenhang ist sehr einleuchtend dargestellt. Zu Attatuerks Massnahmen gegen den Islam muss man wohl auch die Einfuehrung der lateinischen Schriftsprache zaehlen. Der Koran konnte danach nicht mehr im Original gelesen werden, was fuer Muslime Teil ihrer religioesen Identitaet ist.

Allerdings: man muss auch Erdogans permanentes Lavieren zwischen Russland und den USA sehen. Zudem werden seine militaerischen Interventionen im Irak (Tel Afar) und Manbij (von den USA und Westeuropa boykottiert.) Die Unterstuetzung der Kurden durch den Westen ist eine militaerische Niederlage fuer Erdogan, die er innenpolitisch mit Propaganda kaum mehr verschleiern kann. Das ist wohl auch ein wichtiger Grund fuer seine permanenten Provokationen Westeuropas und der USA. Das lenkt ab.

balsamico 13.03.2017 | 10:08

Vielmehr müssen wir uns fragen lassen, was in unseren Schulen und überhaupt in unserer Gesellschaft falsch gelaufen ist, wenn so viele Türken der dritten Einwanderergeneration diesen Rattenfängern auf den Leim gehen. Diese Symptome sind alles Defizite unserer Gesellschaft!

Ok, man hätte in D mehr Integration wagen sollen. Aber ich wage die Behauptung, dass es wenig genützt hätte. Denn es ist ja nicht nur so, dass die Deutschen zu wenig für die eingewanderten Türken taten. Diese haben es auch in großer Zahl nicht verstanden, sich bei den Deutschen beliebt zu machen. Dort, wo sie das erreicht haben, kommt man gut miteinander aus. Die Deutschen sind nicht generell türkenfeindlich, wie man gerade jetzt erkennt. Wäre es anders, würde es heißen: Türken raus! Aber davon kann, gottlob, keine Rede sein. Hoffen wir, dass sich das nicht noch ändert.

balsamico 13.03.2017 | 10:37

Die Europäer, namentlich die Deutschen, verstehen unter Integration schon immer einen Deal: Ihr dürft hier sein - und macht uns dafür die Dreckarbeit. Das war, sozusagen, die Bedingung, unter der die Einwanderung, immer stand. Das bedeutet freilich auch, dass nur die Starken und die Lieben integriert werden können. Für die anderen blieb und bleibt es bei dem nämlichen Deal: Hiersein gegen Dreckarbeit. Das ist zutiefst entwürdigend, was Erdoğan für sich zu nutzen versteht. Wenn er freilich den Schimmer eines Anfluges von Verstand hätte, könnte er sich auch einmal fragen, wie es denn kommt, dass er Millionen seiner Landsleute im Ausland besuchen muss, um dort für sich zu werben. Denn die kamen ja nur deshalb hierher, weil sie in ihrer Heimat keine Arbeit hatten und keine Perspektiven für sich sahen. Wenn diese Leute in die Türkei zurückgingen, weil die Türkei lt. Erdoğan und seiner Crew die beste aller Welten ist, bräche dort schlicht alles zusammen. Ein Staatsmann hätte dies im Kalkül und würde sich entsprechend verhalten; ein Rambo natürlich nicht. Aber vielleicht wäre es kein Fehler, ihn darauf aufmerksam zu machen.

walteranamur 14.03.2017 | 16:53

Wenn Sie "die Türkei" meinen, denken Sie an das Volk? Wie Sie bemerkt haben, setzte ich eine Jahreszahl. Weshalb? Bis 2004/5 war Erdogan aus meiner Sicht auf einem guten Weg. Allerdings war dieser, was die Wirtschaft betrifft, durch Kemal Dervis vorgezeichnet, welcher nach der Finanzkrise 2001 unter Ecevit Reformpakete schnürte und vom IWF Gelder kriegte. Erdogan seinerseits musste sich nach seiner Wahl 2002 sehr gut absichern. Groß war nämlich der Aufschrei der CHP, des Militärs, aber auch einflussreicher Wirtschaftskreise. Somit lohnte es sich sehr wohl, sich mit Europa gut zu stellen. Dafür zuständig war Abdullah Gül, als Diplomat eine sehr respektierte Person in Europa. Es ging vorwärts mit den Reformen, zumindest was Gesetze betraf. In der Fläche selbst spürte man davon wenig, abgesehen von einigen guten Pilot-Projekten, EU gefördert. Auch die Tatsache, dass sehr viel in Straßenbau und sonstige Infrastrukturen investiert wurde, kann man eigentlich nur positiv sehen.

Dann kam der Entscheid zur Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen. Was anschließend passierte ist eine Zäsur. Der Reform-Eifer war weg. Stattdessen ging es dem Militär an den Kragen und hier war ganz klar, dass das nicht mit rechten Dingen zuging. Erdogan wollte ganz einfach die kemalistischen Köpfe durch AKP-treues Personal ersetzen, weil er sich fürchtete, dass ein Putsch kommen könnte. Das alles lief unter der Operation Ergenekon. Wenn ich nun von "Protektion Europas" spreche, meine ich exakt diesen Vorgang. EU und Deutschland klammerten sich bis 2010/11 an die Option Türkei könnte Musterstaat für islamische Demokratie werden, obwohl schon längst klar war, dass es sich hierbei um eine Farce handelte. Ziel war, Generäle und Richter mit fadenscheinigen Gründen in jahrelange Untersuchungshaft zu versenken, aus dem Verkehr zu ziehen und durch linientreues Personal zu ersetzen. Was folgte war Balyoz und das alles zog Erdogan mit den Gülenisten durch, derer er sich nun auch entledigt, da "Terroristen". EU und Deutschland haben das alles sehr wohl mitgekriegt - und geduldet. Es muss sich also niemand wundern, wenn Erdogan auf Grund dieser Erfahrungen langsam aber sicher die Bodenhaftung verloren hat. Er fühlte sich übermächtig, zumindest Richtung EU.

Saltadoros 14.03.2017 | 19:49

Ich denke, Ihre Beschreibung ist richtig. Ich denke aber auch, dass es nicht wenige unbekannte Dinge gibt, gerade in Bezug auf Finanzen und auf Nebenabsprachen mit den Europäern.

Mich hat Erdoğans "Wirtschaftswunder" immer skeptisch gemacht. Zum einen, weil ich weiß, dass es Wunder in der Wirtschaft nicht gibt.

Aber auch wenn die Zahlen geschönt sein mögen, so hat es unter Erdoğan einen sichtbaren und für die Bevölkerung spürbaren wirtschaftlichen Aufschwung gegeben.

Das Geld dafür kam aber bestimmt nicht nur aus Europa, sondern mit Sicherheit auch aus arabischen Staaten. Ich beobachte Ähnliches zur Zeit in Bosnien, wo es sichbare arabische Wirtschaftsaktivitäten gibt. Dass diese Aktivitäten ganz ohne politische Verbindungen und Hintergedanken laufen, glaube ich nicht. Und ich halte Erdoğan durchaus für einen Bruder im Geiste mit den konservativen Arabern. Es gibt ja auch Hinweise, dass er den Muslimbrüdern nahe stehen soll.

Wie auch immer, ich denke, die Europäer haben sich bei ihm verrechnet, obwohl er eigentlich schon früh gesagt hat, was er will. Ich denke, dass er die Europäer benutzt hat, genau wie die Kurden, die Güler-Bewegung und andere. Offensichtlich denkt er jetzt, dass er mächtig genug ist und holt zum letzten Schlag aus, seine Widersacher aus dem Weg zu räumen.

Die Europäer selbst haben aber mit der Türkei auch nicht ehrlich "gespielt". Ich erinnere mich an Joschka Fischer, der heimlich gefilmt wurde und sagte, dass man die Türkei nicht in der EU haben wollte (interessanterweise gibt es davon keine Spur mehr im Netz). Von Kohl ist mir ebenfalls der "Christen-Club" hängen geblieben - und mit Sicherheit den Türken auch (darüber gib es genug!).

Darauf kann Erdoğan nun aufbauen. Denn in Europa sind solche Äußerungen längst vergessen, aber nicht in der Türkei, wo sie eine tiefe Demütigung bedeuteten. Wie bösartig Gedemütigte reagieren, ist ja auch beispielsweise in den USA zu sehen.

Diese Unehrlichkeit fällt unseren Regierenden nun voll auf die Füße. Ich denke, man unterschätzt bis heute Erdoğan. So halte ich die Analyse, dass alles sei nur Pulverdampf, der sich nach den Wahlen schon verziehen werde für eine Illusion. Der Mann wird weiter machen. Und wenn die Definition, wonach Faschismus das gewaltsame Zerschlagen der Opposition ist gepart mit eine kriegerischen Expansionspolitik, so dürfen wir nicht überrascht sein, wenn er sich als erstes ein Stück von Syrien heim ins neoosmanische Reich holt. Und es würde mich wundern, wenn damit der Appetit gestillt wäre.

Irgendwie müssen die Schulden ja auch mal bezahlt werden. Und da sind bekanntlich Ölquellen nicht die schlechteste Option!

denkzone8 14.03.2017 | 22:34

das ende der türkischen europa-option liegt wohl an beidem:

de-stabilisierungs-angst der europäer und:

die verlockende traube hing zu hoch

(zypern,rücksichten gegen minderheiten,demokratisierung)

für den türkischen führer.

opportunitäten folgend(mit wechselnden alliierten)

läufts wohl auf ein diktatorisches staats-konzept hinaus,

daß extrem-theokratisches (iran) bisher meidet,

basierend auf nationalistischer formierung

(mit bisher begrenzter genozid-neigung)

die als vor- macht in der region: entwicklung forcieren will.

ob kapital von außen zufließt, ist entscheidend.

qualvolles scheitern mit diversen schäden sind zu erwarten.

bisher ist die masche des militanter werdenden diiskurses

ein deutliches zeichen.

oder?