Wo lassen sie streiken?

Streik der GDL Es steht zu befürchten, dass die GDL-Streiks dem Arbeitskampf auf lange Sicht negativ ausgelegt werden
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Wo lassen sie streiken?
Quo vadis Weselsky?

Foto: Ralph Orlowski/AFP/Getty Images

Claus Weselsky lässt streiken. Mal wieder und zum x-ten Mal in diesem fast ein Jahr dauernden Tarifkonflikt. Und wie immer wird sich das Szenario wiederholen. Kamerateams werden leer Bahnhöfe filmen und entnervte Reisende interviewen, die Straßen, besonders der Ballungszentren, werden verstopft sein und Fernbusunternehmen werden einen satten Extragewinn einfahren. Vor allem aber werden die Medien über Claus Weselsky herziehen, und den Streik diskreditieren.

Da hilft es wenig, wenn in einigen Blogs Claus Weselsky zum neuen Arbeiterführer erkoren wird und man glaubt, bei diesen Streiks ginge es um das Einkommen von Rangierlokführern oder die Macht von Spartengewerkschaften und ähnlichem. Wer glaubt, Claus Weselsky sei links, sollte sich einfach die Vita des Mannes angucken. Der Mann ist immerhin seit 2007 Mitglied der CDU! Die GDL ist damit gewiss keine neue „Revolutionäre Gewerkschafts-Opposition“, wie es sie in den dreißiger Jahren in Deutschland gab. Ein CDU-Mann lässt gegen ein Staatsunternehmen streiken! Da kann man sich des Verdacht nichts erwehren, als ginge dabei um etwas ganz anders als um die legitimen Rechte überarbeiteter und unterbezahlter Lokführer.

Weselsky und die GDL machen etwas anderes. Sie diskreditieren das Streikrecht und die Gewerkschaftsbewegung insgesamt. Ob es dabei die Inszenierung eines Plots ist, der in einem der Thinktanks wie der „Initiative Neuen Deutschen Marktwirtschaft“ gesponnen wurde, oder ob Claus Weselsky selbst so naiv ist, zu glauben, er könne alleine mit seiner Spartengewerkschaft den ganzen Laden umwerfen, sei dahingestellt. Aber man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um zu sehen, wie die Stimmung im Lande kippt. Egal wie, der Streik nützt strategisch der Arbeitgeberseite. Dieser sind Gewerkschaften und Tarifverträge ohnehin lästig und sie würde am liebsten alles deregulieren und den Kräften des so genannten „freien“ Marktes überlassen.

Weselsky, der angeblich selbst von der Medienkampagne gegen ihn überrascht war, muss daher entweder unglaublich naiv sein oder lügen. Jeder vernünftige Arbeitnehmervertreter, der sich in einen Arbeitskampf begibt, weiß, dass die Gegenseite die Propagandamaschine anwerfen wird, um die legitimen Anliegen oder die Person, die sie vertritt, zu diskreditieren. So blöd kann man doch nun wirklich nicht sein, zu glauben, Springer und Co. würden den Unmut der Bevölkerung über die Unannehmlichkeiten, die nun mal ein Streik mit sich bringt, nicht schamlos ausnutzen. Wen wundert es, wenn Arbeitnehmer, die es endlich nach Stunden entnervt geschafft haben, ohne S- und Regionalbahnen ihren Arbeitsplatz zu erreichen, auf die Schlagzeilen von BILD mit Zustimmung reagieren? Da mag man sich zwar ärgern, dass die Mehrheit der Bevölkerung so blöd ist, wie der Stier aufs rote Tuch zu gehen anstatt den Torero auf die Hörner zu nehmen. Aber so sind nun mal das Land und seine Leute. Die geistig-moralische Wende des Helmut Kohl und alles, was danach kam sind nicht ganz spurlos an den Menschen vorbei gegangen. Eine entpolitisierte und entsolidarisierte Bevölkerung sind das Ergebnis.

Hier nun lässt sich der letzte Hebel ansetzen, um die Macht der Gewerkschaften endgültig auf das Maß eines Bonsais zu stutzen. Ein Blick nach England zeigt, wie es gehen könnte. Auch unter Margret Thatcher wurde die Macht der Gewerkschaften gebrochen. Auch hier war der Auslöser ein lang anhaltender Streik. Die Geschichte des Bergarbeiterstreiks von 1984/1985 lässt sich nachlesen. Die Parallelen sind augenfällig!

Claus Weselsky erinnert daher an Arthur Scargill, wenngleich es Weselsky, was seine Außenwirkung angeht, an Sprachtalent fehlt und er auf linken Populismus verzichtet. Wie er intern seine Gewerkschaftsmitglieder mobilisiert, ist dabei eine andere Frage.

Eine abschließende Bewertung des jetzigen Arbeitskampfes wird daher erst in ein paar Jahren möglich sein. Es steht zu befürchten, dass die Gesamtbilanz für die so genannte Arbeitnehmerseite negativ ausfallen wird.

15:42 19.05.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Saltadoros

Olaf Schäfer: Pädagoge, Musiker...
Schreiber 0 Leser 7
Saltadoros

Kommentare 61

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar