Das Gedächtnis der Felsen

Film Mit „Die Kordillere der Träume“ beendet Patricio Guzmán seine Trilogie zur verlorenen Heimat Chile
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Das Gedächtnis der Felsen
Stets präsent zwar, ist die Kordillere den meisten Chilenen dennoch fremd

Foto: Macarena Minguell/AFP via Getty Images

Patricio Guzmán zählt zu den Großen unter den politischen Dokumentarfilmern. In seiner berühmten Trilogie „Die Schlacht um Chile“ hat er die Geschehnisse zur Zeit der Wahl Salvador Allendes, die damaligen Veränderungen im Land und schließlich den Militärputsch festgehalten. Wie zahllose andere wurde auch er nach dem Sturz Allendes 1973 inhaftiert und ging anschließend ins Exil. Heute lebt Guzmán in Frankreich. Sein neuer, bereits mehrfach ausgezeichneter Film - „Die Kordillere der Träume“ - bildet den Abschluss einer Trilogie zur chilenischen Heimat. Nachdem er für „Heimweh nach den Sternen“ in die Atacama-Wüste und für „Der Perlmuttknopf“ ins tiefste Patagonien gereist war, widmet er seinen neuen Film der Kordillere. Das zentrale Andenmassiv macht nicht weniger als 80 Prozent der Fläche Chiles aus. Stets präsent zwar, ist die Kordillere den meisten Chilenen dennoch fremd. So heißt es im Film, dass viele sie nur auf den Wandgemälden in den U-Bahn-Stationen Santiagos sehen. Sie wirkt unberührt, unüberschaubar, trägt ihren Duft, der Täler mit üppiger Vegetation erahnen lässt, mit dem Wind in die Stadt. Gleichzeitig ist das Bergmassiv Ort der Ausbeutung, des Ausverkaufs chilenischer Rohstoffe – allen voran Kupfer.

Risse im Gestein

Guzmán fängt das Gefühl der Überwältigung, das einen beim Anblick der Berge überkommt, in eindrucksvollen Landschaftsaufnahmen ein. Diese verwebt er mit Archivbildern aus der Zeit der Diktatur und Aufnahmen der zu Wort kommenden Künstler, Filmemacher und Schriftsteller zu einem Stoff, dessen Basis die gemeinsame Erinnerung ist. Die Erinnerung an das Chile, das Guzmán 1973 verlassen hat, und das heute so nicht mehr existiert. Die Risse im Gestein der Kordillere stehen als Metaphern für die Risse in seiner Biographie und der Tausender Landsleute. Einer davon ist etwa der Filmemacher Pablo Salas. Er ist nach dem Putsch in Chile geblieben und hat unermüdlich gefilmt. Seine Filme zeugen von den Untaten des Pinochet-Regimes, aber auch den gegenwärtigen Umbrüchen in Chile. Oder der Bildhauer Vicente Gajardo, der Stein aus der Kordillere in seine Kunstwerke verwandelt.

Ein Film großartiger Kontraste

Die Kordillere der Träume führt den Zuschauer nicht nur tief in das Innere des andinischen Labyrinths. Er lässt auch tief in die Erinnerung Guzmáns und der anderen Protagonisten blicken. Guzmán ist ein Film großartiger Kontraste gelungen. Geradezu poetische, friedlich – ja hypnotisch wirkende Naturaufnahmen treffen auf Bilder einfahrender Panzerfahrzeuge und prügelnder Polizisten. Geblieben ist heute von der Pinochet-Diktatur vor allem der damals mit den „Chicago Boys“ eingeführte radikale Neoliberalismus. Eine Aufarbeitung der Verbrechen, die diesen Namen verdienen würde, hat nie stattgefunden. Stattdessen gehören viele der Schuldigen von damals zur Elite des Landes von heute. Und genau so unwirklich und fern wie der Anblick der Kordillere, scheint heute auch die Zeit der Diktatur, der Folter und Unterdrückung zu sein. Doch ist diese Zeit, wenn auch von Teilen der Gesellschaft verdrängt, festgeschrieben im kollektiven Bewusstsein. Und auch der Geist Allendes lebt weiter – etwa in den aktuellen Protesten, die seit Oktober 2019 durch das Land gehen.

10:58 18.08.2020
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Geschrieben von

Sandro Abbate

Alltagshermeneut | Freier Autor | Kulturwissenschaftler | Blogger | novelero.de
Sandro Abbate

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