Ich habe ihn nicht wiedererkannt

Interview Nach dem Militärputsch 1973 wurden unzählige Oppositionelle in Uruguay inhaftiert und gefoltert. Einer von ihnen war David Cámpora, dessen Sohn heute in Köln lebt
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Am 27. Juni 1973 putschte in Uruguay das Militär und löste das Parlament in Montevideo auf. Bereits Ende der Fünfziger Jahre war die Wirtschaft ins Stocken geraten und mit zunehmenden Protesten und Unruhen, auf die wiederum Notverordnungen folgten, brachten ein vorläufiges Ende der "Schweiz Amerikas". Demgegenüber stand die Begeisterung für die kubanische Revolution 1959, die für viele Lateiamerikaner vorbildhaft war. So gründete sich 1962 in Uruguay die bewaffnete Untergrundorganisation Tupamaros, die mit Robin-Hood-artigen Aktionen die Sympathie weiter Teile der Bevölkerung gewann. Neben dem Gründer Raúl Sendic und José Mujica, der lange Jahre im Gefängnis verbrachte und 2010 schließlich für fünf Jahre zum Präsidenten des Landes gewählt wurde, gehörte David Cámpora damals den Tupamaros an. Wie alle Mitglieder der Führungsriege der Stadtguerilla wurde auch Cámpora verhaftet, gefoltert und jahrelang in verschiedenen Gefängnissen und Kasernen festgehalten. Seine Frau und die drei kleinen Kinder flohen damals nach Deutschland. Sein Sohn Ariel sprach mit mir über diese Zeit.

Ariel, Du warst damals zur Zeit des Militärputsches neun Jahre alt. Wie hast du diese Zeit erlebt? Welche Ängste hattest du, wie sehr haben die Ereignisse deinen Alltag beeinflusst?

Die Repressionen gegen Gewerkschaften, studentische Organisationen, soziale Bewegungen und linke Politiker und Zeitungen fand schon lange vor der offiziellen Übernahme durch die Militärs statt.

Die zunehmende soziale Ungerechtigkeit führte meine Eltern schon 1967 dazu, sich den Tupamaros anzuschließen. In unserem Haus befand sich ein funktionierendes, geheimes Versteck der Tupamaros. Gesuchte Tupamaros, Männer und Frauen mit Kapuzen über den Köpfen, um nicht erkannt zu werden, tauchten bei uns unter, gingen im Haus umher, planten Aktionen, arbeiteten. Der Boden unseres offenen Kamins im Wohnzimmer war der Eingang zu dem Versteck. Das war 1970, damals war ich etwa sechs oder sieben Jahre alt. Waffen wurden bei uns versteckt. Ich durfte zugucken, als ein Haufen Schießpulver verbrannt werden musste. Ich erinnere mich, dass mein Vater und ein weiterer Gefährte an einem Tisch saßen, auf dem ordentlich Waffen aufgereiht waren. Das faszinierte mich als kleinen Jungen. Mir hatte es ein kleiner Revolver angetan. Ich wollte ihn haben und argumentierte, dass ich ihn, wenn die Polizei käme, über die Mauer in den Nachbarsgarten werfen würde. Ich konnte die beiden aber nicht überzeugen.

Dann kamen die Verhaftungen, die Toten, die Folter, die Besuche im Gefängnis. Das Abenteuerliche, Gefährliche, Romantische wurde abgelöst durch Bedrohung, Angst, Ungewissheit, Demütigung, Unsicherheit.

Ich habe kaum Erinnerungen an die Ereignisse: an unsere Flucht, an die Razzien, an die Gefängnisbesuche. Überhaupt habe ich wenige Erinnerungen an meine Kindheit. Mein Vater (ein Holzfuß) und mein kleiner Bruder spielen gegen mich Fußball im Garten vor dem Haus. Nach dem Einkaufen im Laden von dem Spanier behalte ich das Rückgeld und kaufe mir Böller. Ich hatte vorgegeben, Kaugummi zu kaufen. Später, als alle eine Siesta hielten, ließ ich die Böller hochgehen und bekam später Ärger, weil ich gelogen hatte. Ich lerne Fahrradfahren. Bergab werde ich immer schneller, bis ich hinfalle. Die Bremsgabel bohrt sich mir in die Wange. Einer unserer Hunde, die wir von der Straße aufgenommen haben (er hieß Pirat) beißt mir in die Schulter. Mein Vater packt ihn am Hals, bindet ihn fest und verprügelt ihn mit einem Gurt. Ich hatte immer ein beklemmendes Gefühl, wenn ich zur Schule musste. Eine Lehrerin namens Blanca tröstet mich und drückt mein Gesicht gegen ihren ganz sauberen, steifen Kittel.

Ich glaube, das sind eher Erzählungen der Erwachsenen von damals, die sich bei mir als Bilder eingeprägt haben, und keine Erinnerungen von mir selbst.

Dein Vater David Cámpora, von dem das Buch „Hände im Feuer“ handelt, war führendes Mitglied der Tupamaros. Nach seiner Verhaftung 1972 verbrachte er acht Jahre im Gefängnis. In dem Buch erzählt er viel von dem Leben im Gefängnis. Was habt ihr als Familie damals davon mitbekommen?

Nach seiner Verhaftung wurde mein Vater gefoltert und zu uns nach Hause gebracht. Ich saß auf der Treppe am Hauseingang und habe ihn nicht wiedererkannt. Er musste mir sagen, wer er war. Die Botschaft an meine Mutter war: Wenn du nicht kooperierst, siehst du ihn nicht wieder.

Von meinem Vater erhielt ich Briefe, in denen er versuchte, mir ein Vater zu sein, mir etwas mitzugeben, und mir seine Entscheidung, für den politischen Kampf seine Familie aufzugeben, zu erklären. Meine Mutter las mir seine Briefe vor oder tippte sie ab, damit sie für mich leichter zu lesen waren. Mit der Zeit empfand ich es als eine Verpflichtung, seine Briefe zu lesen und ihm zu schreiben.

Von dem Alltag im Gefängnis und der Folter habe ich erst aus dem Buch erfahren. Ich habe das viel ausführlichere Manuskript gelesen sowie das erschienene Buch auf Spanisch als auch die deutsche Übersetzung, die zum Teil nicht gut gelungen ist. Ab und zu lese ich es noch einmal.

Deine Mutter ist mit dir und deinen beiden Geschwistern über Chile, wo Pinochet im September 1973 den demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende stürzte, nach Deutschland geflohen. Wie seid ihr damals aufgenommen worden? Wie war es, plötzlich in einem so weit entfernten Land zu leben, dessen Sprache man nicht einmal spricht?

Ich war traumatisiert, ich war verunsichert, ich war hager. Ich kam in die Grundschule, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Ich wurde von den anderen Schülern drangsaliert und von Lehrern vorgeführt. Es war zu Beginn nicht schön. Als ich dann die Sprache konnte und auf die weiterführende Schule kam, wurde es besser.

Von Deutschland aus hat deine Mutter eine Kampagne für ihren inhaftierten Mann gestartet. Wie hat sie das gemacht, wie ist er schließlich freigekommen?

Als mein Vater 1974, als seine Strafe abgesessen sein sollte, nicht freigelassen wurde, sondern von den Militärs erneut verurteilt wurde, begann meine Mutter, seinen Fall öffentlich zu machen.

Als meine Geschwister und ich auf die Gesamtschule Köln-Holweide kamen, bildete sich ein Ausschuss von Eltern, Lehrern und Schülern, die Aktionen für seine Freilassung starteten: Unterschriftensammlungen, Infostände, Demonstrationen etc. Man bekam Unterstützung von Parlamentariern aller politischen Fraktionen. Schließlich wurde der Druck auf die uruguayische Militärregierung so groß, dass sie ihn freilassen mussten.

Die Geschichte findet man in dem Buch von Mario Benedetti „Frühling im Schatten“.

Was macht dein Vater heute? Ist er noch politisch aktiv?

Er lebt von seiner Rente. Die Jahre im Gefängnis wurden ihm anerkannt. Er belegt kein Amt in der Politik, hat sich aber um ein Archiv über die Geschichte der Tupamaros gekümmert, das jetzt in der Universität in Montevideo steht und von vielen Schriftstellern, Journalisten und Historikern sowie weiteren Personen genutzt wird.

In seinem Haus veranstaltet er außerdem so etwas wie „Ehemaligentreffen“ mit anderen ehemaligen Tupamaros, die sehr witzig sind.

Heute ist Uruguay ein anderes Land. Der damalige Gefährte deines Vaters, José Mujica, war sogar von 2010 bis 2015 Präsident des Landes. Kannst du heute ganz frei Uruguay besuchen oder kommen die Erinnerungen aus der Kindheit dann zum Vorschein?

Ich suche die Orte und die Menschen, die mir etwas erzählen können, bewusst auf, um meine Erinnerungen zu wecken. Ich empfinde eine Art Verbundenheit zu den damaligen Genossen meiner Eltern und auch zu deren Kindern.

Nun hat so gesehen die Politik deine Familie auseinandergerissen und dir für viele Jahre den Vater geraubt. War es aus heutiger Sicht trotzdem wert, zu kämpfen und sich den Tupamaros anzuschließen?

Vorwürfe gegenüber meinen Eltern habe ich glaube ich wie jeder andere auch. In Bezug auf ihre politischen Aktivitäten bewundere ich eher ihren Mut und ihr Handeln entsprechend ihrer Überzeugung. Man kann darüber streiten, ob die Tupamaros Recht haben oder sich geirrt haben. Sie haben konsequent gehandelt, ihr Leben riskiert, waren in der Niederlage selbstkritisch und haben auch als aktive Politiker wie jeder andere normale Bürger weitergelebt und ihre Arbeit in den Dienst der Bürger und der politischen Bewegung gestellt. Das kommt vor allem bei den Bedürftigsten gut an.

Die Medien haben die Tupamaros – vor allem während der Diktatur – als Monster und Mörder dargestellt und Propaganda gegen sie gemacht. Trotzdem sind sie heute durch die Folgeorganisation im Linksbündnis „Frente Amplio“ als stärkste Kraft vertreten.

Vielen Dank, Ariel, dass Du Dir die Zeit genommen hast.

22:09 01.09.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Sandro Abbate

Alltagshermeneut | Freier Autor | Kulturwissenschaftler | Blogger | novelero
Sandro Abbate

Kommentare 1