Unter Schlächtern

Western John Williams’ wiederentdeckter Roman um einen US-Studenten in der Wildnis ist erstaunlich aktuell
Sandro Abbate | Ausgabe 16/2015

Ganze 55 Jahre hat es gedauert, bis der zweite Roman des 1994 verstorbenen Autors und Hochschullehrers John Williams nun in deutscher Übersetzung erscheint. Die englische Originalfassung von Butcher’s Crossing erschien in den USA 1960, fünf Jahre also vor Williams’ Stoner, der 2013 die deutschen Bestsellerlisten stürmte.

Butcher’s Crossing erzählt eine sehr US-amerikanische Geschichte. Wir befinden uns in den Vereinigten Staaten des ausgehenden 19. Jahrhunderts, etwa um 1870. Der junge Harvardstudent Will Andrews aus Massachusetts kehrt der Universität den Rücken und reist westwärts. Dort draußen will er nach sich selbst und nach einer „ursprünglichen Beziehung zur Natur“ suchen. Ganz im Sinne der Schriftstellerphilosophen Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau also.

Nach einer langen, mühsamen Reise mit der Kutsche erreicht Andrews sein vorläufiges Ziel, die Ortschaft Butcher’s Crossing in Kansas. Dort, im Nirgendwo – die Eisenbahnlinie hat die Stadt noch nicht erreicht – sind alle auf der Suche nach dem schnellen Geld. „Jäger, Versager, ein paar Faulpelze aus dem Osten. In dieser Stadt dreht sich alles um Büffelfelle.“ Einer der Männer ist Miller, ein alternder, wortkarger Büffeljäger. Miller ist besessen von der großen Jagd. Vor über einem Jahrzehnt will er in einem unberührten Tal in den Bergen Colorados eine riesige Bisonherde gesehen haben. Kein Mensch weiß, ob es diese Herde wirklich gibt. Der junge Will Andrews entschließt sich kurzerhand, mit Miller Jagd auf die Herde zu machen. Zusammen mit dem bibelfesten und alkoholkranken Charlie Hoge, der bei einer früheren Jagd in einem Blizzard seinen Arm verlor, und dem mürrischen Fred Schneider, der als bester Häuter weit und breit gilt, machen sie sich auf den Weg. So beginnt eine Reise, die von der Schönheit der Natur, aber auch von Strapazen geprägt ist. Die Männer entgehen nur knapp dem Tod durch Verdursten und geraten auf Abwege. Schließlich erreichen sie jedoch besagtes Tal, und es beginnt ein Wochen andauerndes Blutbad.

Womöglich war Butcher’s Crossing seinerzeit einer der ersten Antiwestern. In jedem Fall ist das Buch auch heute noch einer der besten. John Williams zeichnet in seiner klaren, einfachen Sprache ein präzises und wenig verklärtes Bild des amerikanischen Westens. Nach einem etwas holprigen Start lässt er den Leser in eine Welt eintauchen, in der Aufbruchsstimmung, Euphorie und Hoffnung herrschen. Aber ebenso deutlich fühlt man die Misere und die Strapazen der Protagonisten. Die Natur wird trotz ihrer Erhabenheit für den Menschen zur unberechenbaren Gefahr, zum Feind. Das Land, durch das die vier Männer ziehen, ist getränkt vom Blut zu Tausenden abgeschlachteter Büffel – edler Tiere, begehrt wegen ihres Fells. Die von Fliegen umschwirrten Kadaver werden achtlos liegen gelassen und verwesen massenhaft. 

Butcher’s Crossing ist also nicht bloß ein Coming-of-Age-Roman, nicht einfach die Geschichte eines jungen Mannes, der sich aufmacht, um sich selbst zu finden. Sondern vielmehr der Spiegel eines jungen Landes, das auf seine Existenz beharrt, sich ausdehnt und dabei nicht auf die Folgen achtet. Mit seinem Roman zeigt uns John Williams auf beeindruckende Weise zwei allzu menschliche Formen des Verlangens, die sich konträr gegenüberstehen: die Sehnsucht nach der Natur und die Habgier, die uns dazu treibt, sie zu zerstören. Die Kernaussage von Butcher’s Crossing ist heute relevanter denn je, da wir die Zerstörung unserer eigenen Lebensgrundlage immer beschleunigter vorantreiben. So wie Will Andrews, der am Ende des Romans, ganz klassisch nun, bei Sonnenaufgang fortreitet. Ohne ein Ziel vor Augen.

Literatur

Butcher’s Crossing John Williams Bernhard Robben (Übers.), DTV 2015, 368 S., 21,90 €

Sandro Abbate bloggt in der Freitag-Community

06:00 29.04.2015
Geschrieben von

Sandro Abbate

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