Wir alle sind Flüchtlingskinder

Migration Wie nie zuvor wehrt sich Europa gegen die Einwanderung. Allein im Mittelmeer sterben jährlich Tausende Menschen. Dabei ist ihr Schicksal auch Teil unserer Geschichte
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Wir alle sind Flüchtlingskinder
Flüchtlingsboot

Bild: antriksh/Public Domain

Letzten Donnerstag sind wieder über 700 Menschen auf dem Mittelmeer gefunden worden. Dieses Mal zum Glück lebendig. Denn das ist alles andere als selbstverständlich. Der Weg von der nordafrikanischen Küste nach Europa ist gefährlich. Seit Beginn des Jahres machten sich 40.000 Flüchtlinge auf den Weg Richtung Italien oder Griechenland. Allein bis Mitte Mai sind bei dem Versuch, ihrem Elend zu entkommen, etwa 1.800 Menschen ums Leben gekommen.

Das Massengrab Mittelmeer wird zur gesamteuropäischen Tragödie

Das Schlimme an der immer größere Ausmaße annehmenden Tragödie, die sich im Mittelmeer abzeichnet, ist unsere Gleichgültigkeit. Das Sterben vor der eigenen Haustür wird einfach hingenommen. Stattdessen ziehen sich die Mitgliedstaaten Europas gar aus der Flüchtlingsrettung zurück. Indem sie etwa die viel gelobte Rettungsaktion Mare Nostrum einstellen und durch die Operation Triton ersetzen, die über deutlich weniger Mittel verfügt. Politiker wie Thomas de Maizière rechtfertigen diesen Schritt gar mit dem Argument, dass Mare Nostrum Flüchtlinge dazu anreizen würde, nach Europa zu kommen. Das wäre ja auch die Höhe. Wir können ja schließlich nicht alle Probleme der Welt lösen. Oder sind das gar nicht die Probleme der anderen? Wie sehr sind wir Europäer denn eigentlich mitschuldig? Die NGO Pro Asyl weiß darauf, wie auf viele Vorurteile, Antwort: "Die Politik der westlichen Industriestaaten ist nicht an allem schuld. Aber: In einer Welt, in der global gehandelt und Politik gemacht wird, ist nicht zu leugnen, dass wir ganz klar mitverantwortlich für die Bedingungen sind, die Menschen in die Flucht treiben."

Unsere Geschichte ist Migrationsgeschichte

Wenn man sich bewusst macht, welche Strapazen Flüchtlinge, die nach Europa kommen, auf sich genommen haben, welche Erlebnisse, Traumata und existenzielle Not sie zu der Entscheidung veranlasst haben, ihre Heimat zu verlassen, wird die Tatsache, dass sie eben nicht mit offenen Armen empfangen werden, unverständlich, geradezu unmenschlich. Dabei sind wir Europäer doch auch nur hier, weil wir irgendwann hierhin eingewandert sind. Geflohen vor den widrigen Bedingungen in unserer alten Heimat. Natürlich liegt die erste Einwanderungswelle nach Europa gut 50.000 Jahre zurück, aber das Aufeinandertreffen von Homo sapiens und Neandertaler führte schließlich zum jetzigen Europäer. Und so ist es immer gewesen. Wir sind gewandert. Wir sind geflohen. Wir sind dem Entdeckungsdrang gefolgt. Und wir sind aufgenommen worden oder haben uns anderer Länder bemächtigt. In ganz Osteuropa ist gibt es deutsche Minderheiten. Und auf den beiden amerikanischen Kontinenten: Die Deutschstämmigen stellen in den USA die größte Bevölkerungsgrupe. In Chile, Brasilien, Argentinien oder Paraguay gibt es mitunter Städte, in denen Deutsch die meistgesprochene Sprache ist. Aber auch bei uns Deutschen, die nicht ausgewandert sind, ist mit großer Sicherheit die Migration ein Thema der Familiengeschichte. Bei vielen kann man diese Migrationsgeschichte schon am Nachnamen ablesen: Hugenotten und Waldenser aus Frankreich, Bergarbeiter aus Polen. Solche Tatsachen sollte man nicht vergessen. Vielmehr sollten sie Teil einer Erinnerungskultur sein, die uns einen Spiegel vorhält und zeigt, wie vielfältig wir doch eigentlich sind.

12:20 29.05.2015
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Geschrieben von

Sandro Abbate

Alltagshermeneut | Freier Autor | Kulturwissenschaftler | Blogger | novelero
Sandro Abbate

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