SPON entdeckt das libysche Zwielicht

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Die Schlacht ist geschlagen, der Feind getötet, das Land befreit - nun kann man sich getrost einmal etwas Kritik erlauben. So der Spiegel, der feststellt, dass die Kriegsführung der libyschen Rebellen "ins Zwielicht" gerät: Grund dafür sind 53 Ghadaffi-Anhänger, die kaltblütig hingerichtet wurden, wie Human Rights Watch die Welt wissen ließ. Dass die Schwarz-Weiß-Malerei der westlichen Medien - hier die guten Freiheitskämpfer, dort das böse Ghadaffi-Regime - löchrig ist, steht außer Frage. Die Funktion dieser Berichterstattung als Legitimation der "humanitären Intervention" der NATO wirft die Frage nach der schmutzigen Rolle der Medien in diesem Krieg auf.
"Kampfjets feuern auf Demonstranten", "Blutbad in Bhengazi", "systematische Vergewaltigungen mit Viagra", "Söldner aus Schwarzafrika" und "russische Piloten" - die Liste an grausigen Berichten aus Lybien füllten am Vorabend der militärischen Intervention Boulevard- und Qualitätsmedien gleichermaßen. Dabei berufen sich solche Berichte mangels verlässlicher Quellen meist auf "Augenzeugen", Internetberichte oder ExpertInnen aus dem Ausland. Dass die meisten Bilder gestellt sind, ist hinlänglich bekannt - aber auch der Inhalt schein allzuoft nur nachgeplappert zu sein. Im Bürgerkrieg zwischen dem Ghadaffi-Regime und bewaffneten Gruppen im Osten des Landes wurden auf diese Weise zwei Konfliktparteien konstruiert, deren Ambivalenzen in der allgemeinen Betroffenheit vollständig untergingen. Selten finden sich kritische Berichte und Skepsis an den Verlautbarungen der westlichen MeinungsfüherInnnen - hier einige der wenigen Beispiele:

  • "Aufstände im Osten Libyens hätten Tradition. Nur würden sie derzeit wegen der Ereignisse in Tunesien und Ägypten stärker vom Westen beachtet. Zwischen den drei besiedelten Gebieten Libyens im Nordwesten, im Nordosten und im Süden liegen jeweils mehr als tausend Kilometer Wüste." (Neues Deutschland)
  • "Die Lage in Libyen ist schwer zu durchschauen. Doch statt dies einfach zu sagen, ergeht sich die Berichterstattung in Gemeinplätzen und spekuliert munter vor sich hin." (Zeit)
  • "Eine Rebellenarmee, die mit Waffen in den Händen Richtung Westen vorrückte, ehe sie wiederum gewaltsam zurück gedrängt wurde – das stand von vorneherein in scharfem Kontrast zu den beeindruckend friedlichen Demonstrationen von Tunis und Kairo." (Der Westen)
  • "Was sich derzeit in Libyen abspielt, ist andersartig. In Tunesien und Ägypten war der Mangel an Freiheiten augenscheinlich. Aber es sind die beklagenswerten sozialen Verhältnisse, die die Jungen tatsächlich zum Aufstand getrieben haben." (Indymedia)

Nachdem die Schlacht nun vorbei ist und das Öl wieder fließt, dämmert auch in europäischen Redaktionen so manchem, was andere schon lange kritisieren. Die Flut an Mutmaßungen, Gerüchten und Falschmeldungen bei der Berichterstattung über die Ereignisse in Libyen ist eklatant. In dem Artikel "Top Ten Myths in the War against Libya", publiziert von Maximilian C. Forte auf CounterPunch, werden die zentralen Topoi als mediale Inszenierungen entlarvt. Vor allem die angebliche Bedrohung der Einwohner Bhengazis durch Regierungstruppen, die den Ausschlag für die UN-Resolution zur Einrichtung einer No-Fly-Zone gegeben haben, steht in der Kritik: Laut RT haben keine Luftangriffe stattgefunden. In "Libya and the World We Live In" hebt William Blum einige Handlungen der "Freiheitskämpfer" hervor, die zu Denken geben sollten:

They soon began flying the flag of the monarchy that Gaddafi had overthrown

They were an armed and violent rebellion almost from the beginning; within a few days, we could read of “citizens armed with weapons seized from army bases” and of “the policemen who had participated in the clash were caught and hanged by protesters”

Their revolt took place not in the capital but in the heart of the country’s oil region; they then began oil production and declared that foreign countries would be rewarded oil-wise in relation to how much each country aided their cause

They soon set up a Central Bank, a rather bizarre thing for a protest movement

International support came quickly, even beforehand, from Qatar and al Jazeera to the CIA and French intelligence

Vor allem die Tatsache, dass die Rebellenführung eine Zentralbank gründet, noch während sie in heftige Gefechte verwickelt ist, wirft auch bei Mainstream-Medien Verwirrung hervor; offensichtlich stehen die Rebellen unter großem ausländischen Einfluss, wird gemutmaßt. Andere sehen darin die auf diese Weise ermöglichte Integration der libyschen Ressourcen in den globalen Kapitalmarkt.

Fest steht, dass sich der "libysche Aufstand" nicht so einfach in das Schema des Arabischen Frühlings einordnen lässt (und die Frage aufwirft, ob dieses Schema nicht selbst hinterfragt werden sollte), da die Ausgangsbedingungen andere waren, ebenso wie die Konfliktkonstellation. Fest steht weiters, dass sich der Aufstand schnell zu einem Bürgerkrieg zwischen verschiedenen bewaffneten und gewalttätigen Gruppen entwickelte, die untereinander konkurrierten. Und fest steht, dass die militärische Invervention der NATO sich auf eine mediale Berichterstattung stützte, die ein Eingreifen als Notwendigkeit darstellte. Ghadaffi ist tot, gelyncht von Rebellen, denen auch vorher schon zahlreiche Menschen, vor allem MigrantInnen, zum Opfer gefallen sind - die Gefahr ist groß, dass die Diktatur weiterlebt.

14:01 03.11.2011
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Geschrieben von

Sara Dustra

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