Auf der Flucht

Flüchtlingskrise Flüchtlingskrise und kein Ende
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

In seinem verpfuschten Leben hat einmal Gerhard Schröder etwas richtig gemacht: Im Irak-Krieg nicht teilzunehmen. So auch Angela Merkel, als sie die Flüchtlinge an der Grenze willkommen hieß und ihre Anhänger auf den Kopf stieß – manche mögen dahinter die Interessen der Wirtschaft, der Industrie oder demografische Probleme gesehen haben.

Auch wenn nicht hinter dieser „guten Tat“ unmittelbar ökonomische oder demografische Interessen dahinter stecken sollten, so ist jedenfalls jenes freundliche „Du“ mit den Flüchtlingen seither verflogen und die Erinnerung an gemeinsame Selfie-Zeiten zunehmen verblasst. Der Ton wurde immer schärfer und aggressiver. Auch die Kanzlerin sah plötzlich die Flüchtlinge nur als „Gäste“ (statt Einwanderern). Ebenso ist sie seither bemüht in Europa eine Art von gestaffelten Hindernissen zu errichten, an denen die Flüchtlingswellen sich brechen sollen und so nur noch wenige das gelobte Land erreichen.

In der „guten, quasi metaphysischen Tat“ von Angela Merkel – von der Herrschaft des Rechts aus gesehen lässt sich diese Tat allerdings auch als eine „Herrschaft des Unrechts“ (Seehofer) lesen – hat sich also ein Wurm eingeschlichen, der aber bereits am Anfang dieser „guten Tat“ drin saß und nun immer mehr sichtbar wird. Dieser Wurm, der alle gut gemeinte Moral und Ethik untergräbt, ist aber nichts anderes als das universell-ökonomische Gesetz der Globalisierung, das weniger argumentiert als Fakten schafft und dabei von den Nationalstaaten umrahmt wird.

Globalität und Nationalstaat bilden daher keine Gegensätze, vielmehr die komplementäre Figur von universeller Entwurzelung und national-ethnischer Wurzel. Eine globale Ortlosigkeit und ein nationaler Ort, wobei man dann entweder in der globalen Entwurzelung (die auch Weltmarkt, westliche Werte, Toleranz, Religionsfreiheit oder universelle Menschenrechte heißt) oder in der national-ethnischen Wurzel verzweifelt das Heil sucht.

Globale Ortlosigkeit und nationalstaatlicher Ort

So wollte einmal der Philosoph Deleuze in der biblischen Gestalt von Moses eine anarchische Gestalt der Deterritorialisierung erkannt haben, die gegen das Territorium eines Aron anging. Moses war für ihn der neue Nomade, der außer Gottes ewig umherirrenden Wort keine andere Erde akzeptierte. Während Aron – wie heute die Nationalisten, Volksbegeisterte oder Kulturbewahrer – auf ein Territorium pochte, das er bereits als Ziel der Bewegung dachte: „Man müsste“, so Deleuzes moderne Interpretation, „das Haus verlassen, es abreißen, damit sich der beliebige Raum auf der Flucht – und nirgendswo sonst – errichten kann, während gleichzeitig der Sprechakt zum Fortgehen und Fliehen gezwungen ist. Einzig auf der Flucht dürfen sich die Figuren vereinen und aufeinander antworten. Es gilt, das Unbewohnbare, den unbewohnbaren Raum widerzugeben (Strand / Meer anstelle von Haus / Park).“

Liest man diese poetischen Formulierungen heute aus der Wirklichkeit der Flüchtlingsbewegungen konkret ab, so wird die ganze Situation zynisch: Das Meer ist nicht mehr der positiv-anarchische Ort der nomadischen Deterritorialisierung, sondern der Ort der täglich Ertrinkenden, die an den Stränden gespült und territorialisiert werden. Die globalisierte Maschine der Unruhe erhält also gerade in den Leichen am Strand ihr eigenes Territorium; die westliche Politik der Destabilisierung stabilisiert sich in den Leichen. Während diejenigen, die das Glück noch haben das national-gesicherte Territorium eines Aron zu erreichen entweder an den jeweiligen Grenzen hängen bleiben, oder aber in jenen Nationen integriert werden sollen, die in ihrer mythischen Vielfalt doch nur diese eine globale Vernichtungsmaschine in Gang halten und stabilisieren.

Gegen diese globale Unruhe soll dann die gute alte Grenze wieder her, die angeblich Heimat, Schutz, nationalen Zusammenhalt oder die Bewahrung der eigenen Kultur verspricht. So kritisiert der Metaphernproduzent Sloterdijk als Nachfolger Arons – denn Philosoph kann man ihn gar nicht nennen; eine Philosophie, die, soweit sie eine war, immer einen ethischen und humanen Kern hatte – das Handeln von Bundeskanzlerin in der Flüchtlingskrise und fordert wieder die alte Grenze zurück: „Wir haben das Lob der Grenze nicht gelernt“. „In Deutschland“, so Sloterdijk weiter, glaube man immer noch, „eine Grenze sei nur dazu da, um sie zu überschreiten“. Deswegen die Forderung nach einem „territorialen Imperativ“, der die nomadische Überschreitung beenden soll. Denn wer die Grenze aufhebt, der zerstört offenbar seine eigene Identität. Vergessen wird dabei, dass für die Überschreitung dieser Grenze schon der globalisierte Kapitalismus sorgt (der Waren, des Geldes, der Zeichen, der universellen Codes, der Medien), während die nationale Grenze (das kollektive Wir gegen das kollektive Nicht-Wir) nicht etwa die Lösung des Problems, sondern nur die komplementäre Figur des globalen Kapitalgottes darstellt: die Komplementarität des ortlos-globalen und territorialen Imperativs.

Diese Krisen und Katastrophen bilden dann keine Ausnahme in der westlich globalisierten Welt, vielmehr die Regel. Sie werden eben von der ökonomischen und politischen Maschine erzeugt, um dann immer wieder einzugreifen und so angeblich wieder Ordnung ins Chaos zu bringen. Deswegen werden die globalen Flüchtlingsströme – solange diese bipolare Maschine funktioniert – keineswegs abreißen, sondern zunehmend anwachsen. Eben, weil zur Regel dieser ökonomisch-politischen Maschine gehört, die Produktion von Flüchtlingsströmen immer weiter zu steigern. Denn Unordnung stiften ist das Prinzip der globalkapitalistischen Maschine – siehe die weltweiten US- und Nato-Interventionen, die heute nicht mehr das Christentum, sondern Demokratie und Menschenrechte exportieren. So dass auch die abstrakten, idealistischen Menschenrechte darin nur dieses universelle Unrecht verbergen. Daher hat heute ein Container, der irgendwo im Pazifik oder in der Ägäis von einem Frachter fällt, mehr Rechte als ein Mensch, der – verfolgt von Bomben oder vom ökonomischen Gesetz – auf der Flucht sich befindet.

Integration

Zu diesen zwei Optionen (globale Ortlosigkeit und nationale Grenze) tritt dann noch eine dritte, aufklärerisch-moderne Version auf, die jedenfalls nicht so aggressiv wie die anderen auftritt. Die Eingewanderten, so heißt es hier, sollen ins eigene Kollektiv integriert werden: „Die Flüchtlinge müssen integriert werden“, um dann auch noch die „Fehler der Migrationswellen der 60er und 70er Jahre nicht zu wiederholen“ (Augstein). Oder in einer imperativen Sprache formuliert: „Integriert Euch!“. Aber – wie sehr diese Integration nun zu begrüßen ist – so einfach ist es mit der „Integration“ nun auch nicht, wie uns die Geschichte immer wieder gelehrt hat.

So hatte einmal die rechtliche Gleichstellung der Juden etwas Paradoxes: Sie hatten nämlich eine unüberwindliche Grenze zu überwinden. Die rechtliche Einschließung der Ausgeschlossenen öffnete den Juden nicht nur die Tür zur Integration, sondern auch zur vollen Assimilation. Denn viele von ihnen waren ja zur Assimilation bereit, aber nicht die jeweilige Gesellschaft, die sie dazu einlud. So machten sie eine ähnliche Erfahrung wie der „Man vom Lande“ mit dem Türhüter am Eingang zum Gesetz in Kafkas Prozess. Der Torhüter hält dort den Eingang extra für diesen Mann offen, aber er lässt ihn nicht hinein und macht ihn schließlich dafür verantwortlich, nicht eingetreten zu sein: „‚Ich gehe jetzt und schließe ihn‘, aber am Anfang heißt es, dass das Tor zum Gesetz offen steht.“

Erst wo das Gesetz den Juden tatsächlich vollen Bürgerstatus gewährt, wird nämlich deutlich, wie weit staatsrechtliche und wirkliche, zivilgesellschaftliche Gleichberechtigung auseinanderklaffen und lässt dabei erahnen, wie tief die jahrhundertelang kultivierte Abgrenzung und Abneigung gegenüber Juden und Fremden sitzt. Sie sollen eintreten, sind aber nicht unbedingt willkommen. Das Tor der Integration und Assimilation mag zwar von staatlicher Seite weit geöffnet sein, für den Fremden, der eintreten möchte, wird aber dieses Tor für immer verschlossen bleiben, weil der Mythos der Nation, der Ethnie oder der eigenen Kultur dies eben verhindert.

Natürlich kann man dieses Spiel auch umdrehen und die Last auf die Einwanderer abladen. So ist die Grenze ebenso auf der anderen Seite des Zauns eine scheinbar unüberwindbare. Daher gilt sie nicht nur für den Einheimischen, sondern ebenso für denjenigen, der in die mythische Welt des anderen Nationalstaates eintreten möchte. Denn der Einwanderer ist ja nicht vom Himmel gefallen, sondern bringt seine eigene Vergangenheit, Kultur, Ethnie und seine nationale Identität mit – auch wenn er seine Papiere unterwegs weggeworfen hat.

Und eben diesen Umstand unterschlägt jene sogenannte „Willkommenskultur“, die die Einwanderer bloß entleert sich vorstellt und glaubt, sie anschließend wie leere Flaschen abfüllen zu müssen – ein Verhalten, das übrigens mit dem Grundgesetz in Konflikt gerät, das ja die „Würde des Menschen“ geschützt sehen möchte. Denn die „Würde des Menschen“ schützen heißt, ihn nicht einfach wie einen leeren Behälter mit der eigenen Kultur und Identität voll machen. Sondern ihn zunächst auch als das wahrnehmen, was er konkret ist und als Person geworden ist: In seiner eigenen, fremden Identität, ohne freilich den Blick auf die physisch-metaphysischen Natur dieser „Menschenwürde“ ganz zu verzichten.

Insofern war die ontologische „Gastlichkeit“ von Derrida oder von Levinas etwas zu voreilig gewesen – sie verwechselten nämlich das Akzidentelle (Historische, Kulturelle, Wirkliche) mit dem Substanziellen (Sein). Erst der konkrete historische, d. h. in der globalkapitalistischen Weltmarktkultur sowie in der eigenen Kultur lebende Mensch gibt jenen Blick frei, der in der Tat von dieser unmenschlichen Menschlichkeit des globalisierten Unkultur sowie der Unkultur der eigenen Grenzen nicht mehr kontaminiert ist. Nationalstaat und globalisiertes Kapital haben somit nur solange „ein langes Leben“, wie diese global-grenzenlose und national-begrenzte Maschine ungestört arbeiten darf.

Deswegen müssen wir die Frage nach der Grenze noch einmal stellen. Auf die Frage: Gibt es überhaupt eine Grenze, und wenn, wo ziehst Du dann diese Grenze?, antwortet eine radikal politische Praxis: Ich ziehe sie hier, genau hier, inmitten des Menschheitskörpers, der heute vom globalisierten Kapital und der Nation verfolgt wird. Soll ein anderes als diese universelle Flucht und dieser kollektive Narzissmus geben, müssen die beiden Imperative (die heute die Ursache für die Krisen und Katastrophen der Welt sind) aufgelöst werden. Denn diese beiden gespenstischen Fiktionen basieren auf dem Nichts, das immer nichtiger wird. Die neoliberalen Kosmopoliten und die grenzverliebten Nationalisten und Volksgeister ruhen sich daher auf einer leeren Form des Glaubens aus, der überall global wie national nur Feinde und Grenzen kennt. Was aber auf Feindschaft, Grenzen und Nichtigkeit beruht hat seine Identität (globale und nationale) in der verewigten Macht, Gewalt und Herrschaft.

Sosehr also die Aufnahme von Flüchtigen zu begrüßen ist, so sehr ist davor zu warnen, in ihnen bloß leere Behälter zu sehen, die dann mit der eigenen Kultur und Identität abgefüllt werden. Alle Identitäten sind heute von den beiden Imperativen kontaminiert und können daher nur die falschen und „unheiligen“ sein. „Der Mensch“, so einmal Kant, „ist unheilig genug, die Menschheit in seiner Person muss in ihm aber heilig sein.“ Wenn aber die Menschheit heute nur noch innerhalb des universellen Kapitalbegriffs sowie innerhalb der neomythischen Nationalstaaten (Nationalgötter) gibt, dann gilt es diese global-unbegrenzte und national-begrenzte Unmenschlichkeit ins Auge zu schauen, um darin zugleich die „Menschheit des Menschen“ zu entdecken – wer hier noch ein Leitbild für die Einwanderung braucht, so wäre diese „Idee der Menschheit“ zu empfehlen. Im Menschen selbst (der Globalisierung und der Nation) gilt es die „Menschheit“ zu befreien, weil der Mensch selbst eine globale und nationale Maschine darstellt, die das humane Leben im einzelnen Menschen und in der Welt draußen vernichtet. Auch in der Flüchtlingskrise wird also die „Menschheit der Menschen“ – jenseits von Globalität, Nationalität und Integration – zum Widerstand gegen die universellen und territorialen Mächte, wenn dieser Mensch und diese Menschheit zu einem bloßen Objekt der Vertreibung und Vernichtung machen.

14:37 17.02.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare