Deutschkurse für Journalisten (2)

Journalismus „Mißverständnisse sind das Medium der Kommunikation des Nicht-Kommunikativen“ (Adorno)
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In meinem letzten Beitrag Deutschkurse für Journalisten habe ich einen Satz von Sloterdijk aufgegriffen, um auf die journalistische Sprache aufmerksam zu machen, die heute entweder progressiv (links) beschwichtigend, oder aber regressiv und reaktionär (rechts) mit Grenze und Volksgeist reagiert. Obwohl ich von Anfang an darauf hingewiesen habe, dass es hier nicht um das Semantische und Orthographische der journalistischen Texte ging, haben sich die Leser genau auf diese Seite gestürzt, um mit Duden oder Wahrig neue Vorschläge über das richtige Deutsch zu verbreiten. Worüber ging es aber im Text? Es ging eben nicht um die linguistische Maschine, die von den Wächtern der Sprache so oder so reguliert werden kann. Sondern um die Archäologie der Sprache, um die imperative Sprache der Medien (siehe hierzu: https://de.wikipedia.org/wiki/Medienphilosophie; meine Unterscheidung der drei Sorten von Schulen und Medien, denen ebenso drei medienphilosophische Schulen entsprechen), die sich in ihrer Archäologie nicht begreifen – eine Archäologie, die sich in Europa bis zu Aristoteles, in seiner Unterscheidung des apophantischen logos (Wahrheit, Wissen, Argument) vom nicht-apophantischen logos (Rhetorik, Ästhetik, Poesie), zurückverfolgten lässt. Auch ging es mir nicht um eine „subjektive“ oder „objektive Wahrheit“, sondern um die Wahrheit der Position, von der aus man heute spricht. Denn ist „diese Geschichte nichts (...), so gehört sie dem, der sie erzählt hat; ist sie etwas so gehört sie uns allen.“ (Bloch)

Dass diese Geschichte uns allen gehört und nicht unbedingt eine erfreuliche ist, darauf hat ja der französische Premierminister Manuel Valls, in einem Augenblick des Realitätsschocks, deutlich ausgesprochen: „Wir sind im Krieg“. Eine politische Aussage, die sich dann mit der Sprache der Medien (in ihrer heutigen spektakulären Herrschaft) trifft. Eben, weil sie inzwischen von ihrer vormals indikativen Form – eine Form die einmal in der „consensus democracy“ (Habermas), in den kommunikativen Verfahren sich verflüssigte – auf ihre imperative Form umgeschaltet haben. Eine imperative Sprachform auf die auch der Medientheoretiker Friedrich Kittler hinweist, wenn er in den zivilen Medien einen „Mißbrauch von Heeresgerät“ sieht. Das heißt, der Krieg, als Vater aller Dinge (Heraklit), treibe auch in den Medien und in der öffentlichen Meinung sein Unwesen. Während die Medien (vor allem heute die linken) davon nichts wissen wollen und sich immer noch im Argument, in der liberalen Demokratie, im Fortschritt oder im Diskurs verstecken – und genau hier liegt dann das Wahrheitsmoment des neuen Irrationalismus, die vom falschen Universalismus („kapitalistische Weltverdichtung“; Sloterdijk) nichts mehr wissen wollen (wenn man so will: Habermas gegen Sloterdijk oder Habermas gegen Schmitt; progressive gegen konservative Denker, darin aber auch nur die eine komplementäre Figur aus Kommunikation und Nationalität bilden).

Medien als zweckentfremdetes Kriegsgerät

Die Medien von heute sind also in ihrer imperativen Form nicht mehr Subjekt, vielmehr verlieren sie ihre Rolle wieder ans Militär, das den öffentlichen Raum besetzt hat. In ihrer imperativen Sprache stellen sie dann so etwas wie ein zweckentfremdetes Kriegsgerät, ein Abfallprodukt des Militärs dar. Allerdings auch so, dass sie sich modern und pseudohumanistisch in den Hohlbegriffen wie „westliche Werte“ (so etwas wie die heiligen Schriften des Westens) oder in den nationalen und regionalen Imperativen verstecken.

Und genau dies geschieht heute eben auch bei der linken Argumentation, wo der Diskurs den militarisierten Raum als etwas Konkretes wieder zudeckt. Auch für die Linken gilt daher: Ihr wolltet doch, dass das Proletariat an die Macht kommt. Da, nämlich in der Herrschaft der Hass- und Kriegsmaschinen, da sind wir jetzt. Ein linker und rechter Mobilisierer des „Willens zum Heil“ unter der Maske des „Willens zur Macht“ – das ist dann das nietzscheanische Moment in Aufklärung und Modernität, das seinerseits auf die Komplementarität von Monarchie (Kapitale) und Polyarchie (A-Kapitale) verweist.

Es ging hier also nicht um Orthographie oder Grammatik, sondern um Kultur, um den Anspruch von Humanität und um die Archäologie der Sprache selbst – und zwar nicht nur der deutschen. Eine imperative Sprache des militarisierten Raums, die heute durchs moderne Publizitätsmedium diskursiv gebrochen wird, während die Erinnerung an diesen politischen, öffentlichen und journalistischen Kriegsmaschinen als Sabotage lästiger Apostel, Mystiker oder Angeber gesehen wird. Denkende und jene der soliden Lesekunst fähige – was ja Philologie heißt und die ihrerseits mit der Philosophie verschwistert ist – sollten jedenfalls die Perspektive des vernunft- und kritikfeindlichen Medienbetriebs nicht übernehmen, auch wenn Vernunft und Kritik darin selbst verblendet zu sein scheinen (darauf macht heute die neue Irrationalität zu Recht darauf aufmerksam). Es bedarf angesichts der affektiven Besetztheit, in der heute die Sprache zutiefst involviert ist, nur des Hinweises darauf, dass Denkende in allen Zeiten – wie unterschiedlich sie auch immer in ihren Positionen sein mochten – das genaue Gegenteil der gereizten Projektionen waren, die sie vielmehr als bloße Affekte mit dem Geist des Humanen aufscheuchten. Denkende, die nicht nur an Ort und Stelle etwas gedacht haben, sondern auch ein bleibendes Zeitanliegen seit Platon formulieren, waren und sind jedenfalls die ressentiment-freiesten, unhämischsten, unverbittertsten Menschen, denen man unter Geistern überhaupt in ihren Schriften begegnen kann – noch da, wo bei ihnen scheinbar Welten aufeinanderprallen, wie etwa bei Adorno und Heidegger, ist eine tiefe Verwandtschaft erkennbar (wie später zwischen Habermas und Derrida); wenn sie nämlich nicht erkennbar wäre, hätte sich z.B. Adorno in seiner Negativen Dialektik nicht zur Hälfte mit Heidegger beschäftigt; er wollte eben zeigen, dass Heidegger das ontische Sein ontologisch missverstanden hat; auch hier ein Missverständnis im Medium der Kommunikation eines Nicht-Kommunikativen.

Jenseits von Hass und Häme

Es ist also nicht der offene Hass oder die Häme, die die Sprache antreiben, sondern die tiefernste Trauer über die Beschädigung der Menschen, die aber nichts von den Gründen dieser Beschädigung hören wollen oder können. Will die Sprache, auch die der Journalisten, nicht eine liturgische und zeremonielle Funktion für die globale Kapitalmacht oder für die Nationalgötter erfüllen, so hätte sie jedenfalls den Schlaf der Welt zu stören. Sie hätte die heute im öffentlichen Raum verdeckt arbeitenden, imperativen Kriegsmaschinen beim Namen zu nennen. Sie hätte die zähe Selbstverblendung der westlichen oder islamistischen Kriegsmaschinen zu durchschlagen, um die erstarrten Hohlbegriffe, wie „westliche Welt“, Volksgeister oder Religion, in eine humane Bewegung zu bringen – menschenfeindliche Positionen, wie sie etwa auch heute bei Rechten und Linken in Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise auftauchen, sind hier jedenfalls nicht vorgesehen. Eine Sprache, die schleichend in ihre alte imperative Form hineingesurft ist, um darin allen kulturellen Zweck zu beschlagnahmen. Denn all diese medialen Maschinen, diese poietischen Instrumente, die die westliche Macht – noch in den Denunziation von „Lügenpresse“ oder „Lügenäther“ – in ihrer Herrlichkeit glorifizieren, all diese einem der Sprache verschlagenden Generatoren des Hasses oder der Häme sind inzwischen zum Selbstzweck geworden. Eine westliche Kriegsmaschine, auf die dann die andere islamistische imperative Kriegsmaschine ihrerseits mit Krieg antwortet, um alle Humanität auf den Hund zu bringen – wobei noch diese zoologische Metapher stark verharmlost.

Sprache als Wahnbild und Wahrbild

Im Vordergrund meines Beitrags standen also nicht orthographische oder grammatikalische Fragen der linguistischen Maschinen, sondern Ausdrucks- und Darstellungsprobleme der Wirklichkeit, Fragen des Verhältnisses von Sprache und Erkenntnis, von Sprache und Wirklichkeit. Eine Sprache nicht als Wahnbild, sondern als Wahrbild der Wirklichkeit, als „Daseins-Text“ und Ecriture: „Willkommen in der Wüste des Realen“ (Zizek) – man spricht inzwischen offen vom Einsatz von ABC-Waffen im öffentlichen Raum, ohne auf die Gründe zu reflektieren, die in der „kapitalistischen Religion“ (Benjamin) selbst liegen und die heute einen metaphysischen Dualismus erzeugt (die Selbstzerspaltung des einen göttlichen Prinzips, in seiner modernen und unmodernen Fassung).

Diese Unwirklichkeit der imperativen Kriegsmaschinen zu beleuchten, darauf kommt es heute an. Dass es in allen Köpfen wahrhaft „aufklärerisch“ hell wird, ohne dass die Aufklärung hinter ihren Argumenten oder klaren Begriffen sachlich und rationalistisch sich versteckt – darauf zielte übrigens die Sloterdijk-Münkler-Debatte, wo Münkler nach „klaren Begriffen“ verlangte, die Sloterdijk aber auch zu Recht nicht liefern konnte; eben weil beide Elemente in der Sache vermischt sind. Wo ein Denken, ein wirkliches Denken ist, da herrscht nämlich nicht der ewige Krieg der modernen und unmodernen Invarianten, sondern wahrer Fortschritt, der heute aber von den imperativen Kriegsmaschinen (globale, nationalistische, islamistische) überfahren wird. Insofern tritt in diesen Kriegsmaschinen nicht nur das Rückständige des Islam oder des Nationalismus, sondern erst recht das Rückständige der Globalisierung zutage.

Die Frage der Sprache ist also zuletzt nicht abzulösen von der wirklichen, politischen Operation der Veränderung, von der einen Richtung der Kriegsmaschinen aufs Andere. Es sind die Züge einer Humanität, die einmal, wie problematisch auch immer, auch Kant zu formulieren suchte. So etwa wenn er vom metaphysischen Bedürfnis oder von der Glückswürdigkeit des Menschen spricht, auch wenn sein Modell der unendlichen Annäherung heute nicht mehr trägt, weil es inzwischen vom globalen Prozess beschlagnahmt wurde. Im Sinne dieses Humanen hätte somit eine journalistische Sprache diese Kriegsmaschinen beim Namen zu nennen, ihren imperativen Lauf anschließend zu deaktivieren, um so von den Medien einen anderen Gebrauch zu machen, ohne diese Kriegsmaschinen erneut mit einer modern-diskursiven Burka zuzudecken. Denn darin drückt sich das universelle Leiden der Menschen aus, das aufhören will. Intendiert in meinem Beitrag war und ist also das Ungiftige der Medien (in der Doppeldeutigkeit des pharmakon als Gift und Heilmittel zugleich), die Unverletzlichkeit des Seins, das unverstümmelte Leben, das heute in den imperativen Kriegsmaschinen kollabiert.

12:35 04.04.2016
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