Die neuen Wutdenker aus Karlsruhe

Wüten gegen Humanität Je mehr Vertreibung die globale Maschine produziert, desto mehr wächst der Nationalismus
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Jetzt wissen wir es. Wut und Zorn haben nichts mit Widerstand gegen die Mächte des globalisierten Kapitals und des Nationalismus zu tun, vielmehr sind sie einzig und allein für die Orts-, Volks- und Nationalgeister reserviert. So betont neulich Marc Jongen – der sich zu Recht als „Apostel“ Sloterdijks versteht und als Parteiphilosoph der Alternative für Deutschland gilt –, die AfD soll die einzige Partei sein, die Wut und Zorn in der Bevölkerung nicht nur ernst nimmt, sondern auch neu zu entfachen weiß.

Aber Wut und Zorn auf was? Auf Flüchtlinge und Fremde? „Zorn und Protest“, so Jongen, „sind für die AfD kein Selbstzweck, sondern haben ein ganz konkretes Ziel: die verfassungsmäßige Ordnung wiederherzustellen, so dass die Sicherheit im Land und der soziale Frieden nicht weiter gefährdet werden“. Immerhin flüchtet er in die Verfassung, die aber kaum auf Zorn und Wut, vielmehr auf Erfahrungen des zweiten Weltkrieges basiert. Auch kann man Wut und Zorn nicht so einfach für eine rechtsnationale Partei reservieren, die sich, intellektuell, dem „territorialen Imperativ“ (Sloterdijk) verpflichtet fühlt. Denn diese sind ja ebenso in der global-ökonomischen Maschine eingebaut, die heute als universeller Imperativ über alle Kontinente hinweg ökonomisch, kulturell und militärisch wütet – wie einmal der Gott der Religion oder die mythischen Götter – und deren Früchte dann diese Fluchtbewegungen sind. Damit ist der Zorn der vielen Götter und des einen Gottes auf den Zorn des Systems, der anonymen Strukturen und der Nationalgötter übergegangen, die nun die Stelle des alten Gottes und der alten Götter besetzt halten. Der neue Ungeist der Wutdenker möchte hingegen nicht nur Wut und Zorn gegen Argument, Rationalität, Verstand und Universalität ausspielen, sondern auch die „ortlos-globalen“ und „territorialen Imperative“ ganz ausblenden.

Freilich sind Rationalität, Vernunft, Aufklärung und Modernität nicht ganz unschuldig für das Auftauchen dieser neuen Irrationalität, wie sie sich heute in der AfD oder Pegida präsentiert. Denn – und hier liegt dann ein Wahrheitsmoment der irrationalen Zorn- und Wutbewegungen – man kann nicht jahrelang eine asoziale, deregulierte, dehumanisierte Politik betreiben und plötzlich, wie Merkel, den sozialen, mitfühlenden und humanen Menschen spielen. Man kann nicht jahrelang die sozialen Bänder lebendiger Verknüpfung zerreißen und dann so zu tun als ob diese noch völlig in Takt wären. Eben auf diese sozialen Verwüstungen der letzten Jahrzehnte reagiert dann auch die neue Irrationalität, indem sie freilich in die alten, völkischen und nationalistischen Sicherheiten flüchtet und damit die Verrohung, Verwilderung und Bestialisierung des Menschen auf neue Höhen treibt.

Sosehr also Argument, Vernunft, Rationalität und Humanismus in ihrer Selbstgenügsamkeit ihrerseits immer nur defizitär waren und darin eben auch das Gegenteil meinten und meinen, sosehr ist auch der neue Ruf nach Zorn nicht weniger blind und dumpf. Denn kein Zorn ohne Hirn und Verstand, keine Wut ohne Argument und Denken, so dass sie immer eine komplementäre Einheit bilden. Es ist die unselige Einheit in der Verschiedenheit des Koexistierens heterogener, konträrer, ja polarer Relationen. Der globalisierte Weltmarkt versammelt eben all jene Unterschiede der Völker und Nationen und stellt sie in phantasmagorischer Leere zur Schau. Während diese alltägliche, globale Leere dann ihrerseits mit der Leere der nationalstaatlichen Hülsen gefüllt wird. Anstatt also dass sich Wut und Zorn gegen die globalen Vernichtungsmaschinen und gegen die nationalistischen Hassmaschinen richten, um sie zu deaktivieren und so wahrhaft human zu werden, reagieren die alten und neuen Volks- und Nationalgeister mit blindem Zorn, um so Ordnung, Sicherheit und Ruhe herzustellen. Während sie doch in Wirklichkeit nur das eine universelle Unheil und die Unruhe komplett machen.

In der globalisierten Welt kann man also Argument und Vernunft nicht so einfach von Wut und Zorn trennen. Ebenso wenig kann man dann die intellektuelle von der politischen Arbeit trennen, wie es etwa die AfD-Intellektuellen heute versuchen. So heißt es: „Jongen legt nach eigenen Angaben Wert darauf, politische und akademische Arbeit zu trennen. Nicht einmal das Uni-Telefon möchte er benutzen, wenn es darum geht, über seine Rolle in der AfD zu sprechen.“ Offenbar scheint hier Gefahr im Verzug. Dass sich nämlich die Hochschule mit dem Virus der AfD infizieren könnte. Etwas, das aber längst schon geschehen ist, weil der Virus schon seit Jahrzehnte in Sloterdijks denken latent anwesend war – schon in der Kritik der zynischen Vernunft, die einmal von kritischen Intellektuellen als anthropologische Abwehr gegen eine falsche, vergeistigte Moderne missverstanden wurde. Aber bei ihm noch in Metaphern sich versteckte, so dass diese Krankheit nun bei seinem Schüler ganz offen ausbricht. Es hilft also keine Beschwichtigung mehr, um den Pegel der „Hysterie“ (Sloterdijk) senken zu wollen, weil die Metaphorik längst mit der nationalistischen oder örtlichen Irrationalität arbeitete.

Die Frage auf diesen Zorn lautet also: Warum wird jene „Thymos-Spannung“ gegen Flüchtlinge und Fremde, nicht aber gegen die global-ökonomische und nationalistische Maschine angehoben? Warum wird der Zorn der Bürger nicht gegen diese bipolare Maschine geschürt? Denn „Thymos“ war ja schon bei Platon – der hier fälschlich für die nationalistische Propaganda missbraucht wird –, neben Logos und Eros, eine Gemütsbewegung des Menschen, die auf eine andere Polis des Schönen, Guten und Wahren zusteuerte. Anstatt also dass die intellektuellen Wutdenker von heute das „Versagen der Politik“ auf der globalen und nationalen Ebene dingfest machen (eben, das Versagen der Politik, die die globale und nationale Maschine weiter am Laufen hält) lokalisieren sie es erneut im angeblich defizitären Nationalstaat, der seine Grenzen dicht halten soll, ohne zu merken, dass die Substanzialität der Nationalstaaten vom globalen Prozess längst ausgehöhlt worden ist. Auch waren es diese Nationalstaaten, die in den letzten 30 Jahren die globale Deregulierungsmaschine in Gang gesetzt haben, und gegen die sie nun mit Grenzen und Mauern angehen sollen; während umgekehrt die Nationalstaaten von der deregulierten Kapitalmaschine leer gesaugt sind.

Insofern sind auch die Linken in ihrer abstrakten Rationalität, Vernunft und Modernität keineswegs so unschuldig wie sie vielleicht meinen, wenn sie wieder verzweifelt nach Argumentation, Hirn und Humanität rufen, um gegen die neue Barbarei zu protestieren. Denn es war und ist ihre Pseudokritik, die diese hochdynamische, globalisierte Kapitalmaschine hervorgebracht hat und weiterhin hervorbringt, so dass hier zuletzt Intellektuelle von rechts (Peter Sloterdijk) und links (Christoph Türcke) nur die eine Figur bilden. So forderte letzterer in seinem „Heimatbuch“ zwar weniger nationalistisch, dafür aber mehr heimatlich und spät kantianisch „eine Weltgesellschaft als einem Völkerbund. Wie wäre es, diesen Bund nicht länger nationalstaatlich zu fassen, sondern als einen Bund von Heimaten?“ – so weit weg sind dann auch Sloterdijk und Safranski mit ihrer Heimat nicht.

Eines steht heute jedenfalls fest: Wenn die Linken und die dialektischen Intellektuellen in ihrer Pseudokritik so weiter machen (d.h. in ihrem Gegenfeuer nur das Feuer der Globalisierung weiterhin entfachen), dann ist die Irrationalität erst recht nicht mehr zu stoppen, und zwar weltweit. Eben, weil die Kritik der Linken nicht kritisch genug war und weiterhin ist, so dass ihre unkritische Kritik nur Teil des ganzen Prozesses ist. Deswegen braucht freilich die linke Panik von heute nicht unbedingt in eine anthropologische Verzweiflung zu münden: „Was ist der Mensch?“ (Georg Diez, Die Barbaren sind wir, in: Spiegel-online). Sie hätte vielmehr ihre Kritik nicht nur gegen die Rechten, sondern ebenso gegen sich selbst zu richten, womit die anthropologische Frage wieder einen Sinn ergäbe.

„Was der Mensch sei“, so einmal Adorno, „lässt sich nicht angeben. Der heute ist Funktion“. War hier noch der Mensch der industriellen Gesellschaft gemeint, so lässt sich dieser Satz in der globalisierten Informationsgesellschaft aktualisieren: „Der Mensch heute ist ein digitaler, psychopolitischer Daten-Behälter, der als kreativer Sender immer zugleich überwacht, kontrolliert und gesteuert wird. Was dieser globalen Gefühlsökonomie freilich widerspricht, nämlich die Auslöschung der individuellen Identität in den kollektiven Identitäten, in das Wir und Nicht-Wir, ist dann nur die Reaktion und Regression darauf: Ein völkisches oder nationales Sich-Zusammenrotten der abgestorbenen Seelen, die den Zustand ihrer globalen Unruhe nicht mehr ertragen, aber in den territorialen Schranken von heute erst recht diese Lage nur noch verschlimmern: Auf das Scheitern der menschlichen Emanzipation antwortet die barbarische Erbschaft der primitiven Stammesgesellschaften, wobei hier der planetarische Kleinbürger und der völkisch-nationale Bürger nur die eine Figur bilden.

Das Wahnhafte des Nationalismus und das Wahnhafte der Globalisierung sind somit nur die zwei Seiten derselben Medaille. Denn je mehr Heimatlosigkeit die mobile, flexible, durchökonomisierte und neoliberale Maschine (der globale Imperativ) produziert, desto mehr wachsen auch umgekehrt die archaischen Imperative (Heimat, Völker oder Nationen), die die Lage des Menschen nur verschlimmern. Diese komplementäre Figur aus Globalität und Nationalität hätte dann eine wirklich resistente Linke ganz in den Blick zu nehmen, ohne dabei den Anspruch eines wahrhaft-versöhnten „globalen Dorfs“ auf die „Vertrautheit von Heimaten“ zu verschieben, die angeblich eine Art von „Vorbote von Versöhnung“ (Türcke) sein sollen. Was in Heimat, Nation oder Lokalität immer gesucht wurde und gesucht wird – es währe erst aus dem konkreten, dynamischen Daten-Behälter-Mensch als imperative Gewalt und darin zugleich als ein wirklich Gewaltloses, Anderes und Neues zu erschließen.

14:53 23.02.2016
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