Die Rückkehr des Wahns

Orientierungslosigkeit Links, rechts, rechts, links – wir haben die Orientierung verloren.
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Was immer rechts oder links war, scheint heute – obwohl die Maßstäbe nicht ganz verloren sind – immer mehr abhanden zu kommen. Was einmal von der Bühne der Rationalität, der Argumentation und des Konsens verbannt wurde, kehrt mit voller Macht wieder auf die Bühne der Öffentlichkeit zurück.

Wurde in der sogenannten Postmoderne die Ästhetik rehabilitiert. So kommt diese Ästhetik heute nicht bloß im Konsum oder auf dem Bildschirm als schönes Produkt, Bild oder Ton daher, vielmehr nimmt sie die Gestalt von archaischer Regression, von Wut, Hysterie, Panik, Hass und Hetze an. Jakob Augstein macht es an der Physiognomie der Rechten fest: „Die Rechten lächeln immer.“

Gewiss haben die Rechten immer einen besseren Draht zur Irrationalität, zur Emotion, Aufwallung, Hysterie, Hass und Hetze gehabt. Und zwar deswegen, weil sie die Affekte, den Rausch und die Erregung gegen die kalte Rationalität ausspielen konnten. Und sie konnten dies nur tun, weil diese Stelle entweder vom kalten liberalen Argument vernachlässigt, oder aber an falscher Position lokalisiert wurde. Heute etwa in der Unruhe des Weltmarkts, im Konsum, im Ausstellungswert der Menschen und Dinge, wo die Rationalität der ökonomischen Maschine nicht nur irrational auftritt und so im jeweiligen Produkt das Gefühl und die Emotion anspricht. Sondern in dieser Einheit von Rationalität und Irrationalität zur modernen Metaphysik wurde.

Und genau dies spüren die Rechten heute wieder. Deswegen ist es mit dem „Lächeln der Rechten“ nicht ganz so einfach. Eben, weil auch die Linken mit diesem grausamen Lächeln des Weltmarkts, der Globalisierung und der universellen Unruhe kontaminiert sind. Nur deswegen können die Rechten den Spieß einfach umdrehen und den Hass auf die andere Seite schieben: „Wieso hasst ihr uns so? Wieso wollt ihr uns zur Minderheit in der eigenen Heimat machen?“ – so lautet heute der Vorwurf der Rechte an die Linke; CSU-Politiker warnen vor dem "Schweigekartell" des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, oder der stellvertretende Chefredakteur des Monatsmagazin "Cicero" macht sich über die „linksideologischen Willkommens-Medien“ verächtlich. Der Spieß wird also einfach umgedreht. Es heißt nicht mehr „die Rechten lügen“, sondern es sind vielmehr die „Linken“, samt ihren „gleichgeschalteten Medien“, die hier lügen, wenn sie nur den Mund aufmachen. Deswegen kann man nicht mehr fragen: „Wie begegnet man jemandem, der die Politik als Betrugsgeschäft betreibt und die Lüge zur Wahrheit macht?“ Auch die Forderung und Feststellung: „Trennt Propaganda von Wahrheit! Das Internet ist hässlich geworden, feindselig, erregt. Jetzt kommt ihm auch noch die Wahrheit abhanden“ (faz.net, 05.02.2016) helfen hier kaum weiter. Eben, weil Wahrheit und Lüge sich verwischen und ein Wahrheit-Lüge-Gemisch bilden. Wutrede schlägt nicht die differenzierte Argumentation und Erfundenes verdrängt nicht einfach die Wahrheit. Dass Wissende einmal sich schon mit Argumenten gegenüber Unwissenden durchsetzen würden, war mehr Wunsch als Wirklichkeit. Auch das neue interaktive Medium war eben nie nur eines der Aufklärung, sondern immer schon auch ein Instrument der Irritation, der Meinung und der Lüge – obwohl immer wieder genau das Gegenteil behauptet wurde: „Wir werden eine Zivilisation des Geistes schaffen“, schrieb noch 1996 der Internetaktivist John Perry Barlow in seiner legendären „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“.

Genauso wenig kann uns dann das Zauberwort „Demokratie“ retten, weil dieses ja – wie ausgehöhlt auch immer – von beiden Seiten beansprucht wird. Wahrheit und Lüge drehen sich hier also im Kreis, wobei man nicht mehr sicher ist, welche Wahrheit und welche Lüge hier gemeint ist.

So hatte einmal Aristoteles die Wahrheit (apophantikos logos) von der Lüge (nicht-apophantischer logos) scharf zu unterscheiden versucht und meinte, dass etwa Erzählungen, Gebete, Meinungen, Schauspiele oder Befehle von der Wahrheit zu trennen (die richtig und falsch zu unterscheiden vermag) und zu vernachlässigen wären. Damit hat er aber in der Maschine des abendländischen Denkens einen schwerer Fehler eingebaut, der uns bis heute verfolgt. Denn keine Wahrheit ohne Lüge, kein Gericht ohne Gerücht, kein Begriff ohne Bild, kein Denken ohne Gefühl, kein Wort ohne Emotion – wer wäre denn hier das Subjekt, das säuberlich zwischen Rationalität und Irrationalität, zwischen Geist und Affekt, zwischen Begriff und Bild zu unterscheiden vermöge.

Und genau diese Lücke wurde dann nicht von den Idealisten oder Materialisten, sondern vom globalen Kapitalismus gefüllt, indem er nämlich zeigte, dass jedes Produkt, das ich kaufe, betrachte, empfange oder sende mit ebenso viel Emotion, Gefühl und Affekt aufgeladen ist (und umgekehrt, kein Bild ohne dass sich darin nicht eine Zahl, eine Ökonomie oder ein Algorithmus eingeschlichen hätte). So haben Ware und selbst das Kapital eine universelle Medienform angenommen, die nun als Stachel im Fleisch der „Linken“ und „Rechen“ gleichermaßen steckt.

Dieses ist nicht das Unbedachte und Undenkbare der Kybernetik (vormals instrumentell-technisch-rechnerisch konstruiert), vielmehr zeigt das Eindringen des Unberechenbaren (Gefühl, Emotion, Affekt, Unsinn) ins digitale Denken. Ein digitales Denken, das sich dann ebenso physisch inkarniert und unmittelbar aus dem Mund des globalen wie nationalen Menschen spricht. Denn während einer Ich, Ich, Ich sagt, kreisen seine Produkte, sein Geld, seine Rente um den ganzen Globus. Während einer selbstsüchtig auf sein Ich pocht und seine Autonomie feiert, wirft er im nächsten Augenblick sein Ich selbstlos in den Schmelztiegel des kollektiven Wir. Ein globalisiertes quasi-religiöses Denken, das sich dann sehr gut mit dem mythischen Denken der Rechen und ihren Erzählungen verträgt, die zwar wieder den „territorialen Imperativ“ (Sloterdijk) fordern, ohne aber den „deterritorialisierten Imperativ“ als solchen anzutasten, der doch mit jenem eine komplementäre Einheit bildet.

Allerdings tritt dieser Imperativ nicht mehr in der alten autoritären, vielmehr in seiner neoliberalen Form auf: „Sei kreativ!, Sei interessant!, Sei sichtbar!, Sei einmalig!, Hab Spaß“ etc. Unterwerfung feiert sich hier als die höchste Form der Tugend. Souverän ist, wer die Position des Knechts mit der des Herrn verwechselt. Man zieht nicht mehr die Zügel an, sondern lässt sie ganz locker, während die scheinbar ungegängelten und völlig befreiten erst recht sich ihrem Zuchtmeister unterwerfen.

Argument und Meinung, Begriff und Bild, Gericht und Gerücht, treten also sowohl im globalisierten Weltmarkt als auch in der mythischen, nationalistisch-ethnischen Erzählung auf. Daher begünstigen auch die Talkshows nicht die Arbeit mit Bildern (Rechte), während angeblich die Argumente (Linke) oftmals in den Hintergrund treten. Vielmehr kommen auf beiden Seiten radikal vereinfachte, argumentativ-bildliche Arbeitsweisen zutage; ihre Argumente sind eben leer, wie ihre Bilder blind sind (Kant), um anschließend diese Leere und Blindheit – ohne jegliche Perspektive auf ein wirklich Anderes und Neues – mit stumpfen Sinn und blindem Hass zu füllen.

Argument und Affekt sind also sowohl in der Globalität (Einheit) wie im Nationalismus (Vielheit der Kollektive) nicht so einfach zu trennen, weil im Affekt das Moment des Ökonomischen bereits drinsteckt, wie im Mythos des Nationalen das rationale Ordnungsprinzip. Gemeint ist der Widerspruch, Menschen seien nun einmal von Natur aus egoistisch und die Erfahrung, dass sie sich gleichwohl nicht wie rational kalkulierende Nutzenmaximierer, sondern mitunter irrational, emotional und selbstlos verhielten. So sind heute auch die globalen Plattformen der Erregung, wie etwa Facebook oder die zahllosen Fernsehprogramme, ein sehr gewinnbringendes Geschäftsmodell. Das Internet und alle anderen Medien sind nicht bloß instrumentell-technisch, mathematisch oder ökonomisch zu verstehen. Vielmehr sind sie vor allem gigantische Emotionsmaschinen, bei denen es nicht um Wahrheit, Erkenntnis, oder um das Schöne, Ästhetische (die Aufmerksamkeit, die Mensch und Ding von sich aus verlangen) und Sensibilisierende geht. Vielmehr handelt es sich hier um ein irregeleitetes Denken (was man einmal Ideologie oder Phantasmagorie nannte) sowie um falsche Gefühle, Emotionen und Affekte, die sich heute ebenso als Wut, Zorn, Hass und Hetze ausdrücken und dabei gegen die Anderen und vor allem gegen sich selbst richten.

Aber genau hier liegt dann das Wahrheitsmoment der Rechten, die das Defizit der liberalen Globalisierung aufspüren – und hier hätte dann auch die intellektuelle Rechte von Carl Schmitt über Gehlen und Heidegger bis hin zur Sloterdijk und Safranski ein Wahrheitsmoment, aber eben auch nicht mehr. Heideggers Philosophie scheiterte, so sein früherer Interpret Günter Figal, „immer dann, wenn sie den Ressentimens Raum gibt und so den Wahrheitsanspruch der Philosophie dementiert.“ Aber wo fängt und endet der Wahrheitsanspruch der Philosophie? Auch Adornos Satz „Wer denkt ist nicht wütend“ kann nicht in dieser Reinheit des Denkens aufrecht erhalten bleiben, weil Denken nicht von Wut und Zorn befreit ist. Es gilt vielmehr die Stelle zu markieren, wo das Denken, vollgesogen mit Gefühlen und Emotionen, sich nicht mit der Sterilität des Begriffs begnügt und beide Vogelscheuchen (Begriff und Affekt) als falsche abbaut.

Nein, der linke und der rechte Knecht (der globalisierte oder in nationalen Grenzen lebende Mensch) steht heute im Dienst eines allmächtigen Herrn (des real existierenden, kapitalistischen Gottes und der Nationalgötter), der bis ans Ende unbarmherzig die grenzenlose Vernichtung des Selbst und der Welt befiehlt. Eine komplementäre Einheit der Lüge, die als säkulare zugleich, theologisch, ins satanisch-teuflische gravitiert: „Teuflisch ist, wer das Reich der Lüge aufrichtet und andere Menschen zwingt, in ihm zu leben“ (Gehlen). In-der-Welt-Sein heißt eben immer zugleich Im-Netz-der-Gefühle-und-des-Denkens-Sein. Eine Versenkung der Macht in die neuronalen Netzwerke, in die digitale und psychosomatische Matrix von Infrastrukturen, die ihrerseits affektive Erregungszustände modulieren. Eine Informationsabtastung des Daten-Behälters „Mensch“, wo nun auch die Verwertung des Unberechenbaren stattfindet.

Es ist dann diese globale Erfassung, Steuerung und Vermarktung, die dann draußen wie im Einzelnen eine intellektuelle und psychosomatische Wüste hinterlässt. Eine, die auch mit Hilfe der Linken (und Grünen) produziert wurde und weiterhin produziert wird. Eben, weil sie Dialektik, Widerspruch und Kritik im dynamischen Prozess als Heilmittel sahen und weiterhin sehen, ohne zu merken, dass genau dieser Widerspruch und diese Kritik es sind die die westliche Maschine in ihrem Lauf vorantreiben und damit verewigen. Eine Verbesserungsmanie, die stetig nur verbessern, aber nichts richtigstellen will.[1] Und Verbesserung meint hier nicht bloß das affirmative Feuer der neoliberalen Weltmarktmaschine, sondern ebenso das kritische „Gegenfeuer“, das jenes Weltmarktfeuer am Leben erhält; so hat einmal George Bush, um politisch zu reden, bei einer Demonstration in London den linken Demonstranten zugerufen, die damals gegen seine Irak-Politik protestierten: „Genau deswegen führen wir im Irak Krieg, damit die Iraker einmal, wie ihr hier, auch mal demonstrieren können.“

Es ist die historische Erfahrung des missglückten, linken emanzipatorischen Projekts, aus der dann die reaktionäre Rechte heute wieder – zu Recht oder zu Unrecht – neue Kraft schöpft und der Linke die schwarze Kute des Unheils überstülpen möchte. Während sie zugleich in den Grenzen von gestern das Heilmittel für alle Probleme sieht. Nur deswegen kann sie den Spieß einfach umdrehen und den Linken Neid, Hass und Lust an der Vernichtung vorwerfen: „Wo der Neid das Gewand der sozialen Gerechtigkeit überstreift, kommt eine Lust an der Herabsetzung zum Zuge, die schon die Hälfte der Vernichtung ist“ (Sloterdijk). Wie kommt er darauf, so fragt ein „linker Demokrat“, die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit mit der Vernichtung zusammenzuschließen? Ja, wie kommt er nur darauf? Vielleicht weil er nicht nur das Scheitern der linken politischen Projekte im Auge hat – so hat einmal Bloch den Satz formuliert: „Hat sich der Marxismus bei seiner Realisierung bis zur Unkenntlichkeit oder bis zur Unkenntlichkeit gezeigt?“ Sondern weil er ahnt, dass in der linken Kritik und im linken Projekt der Wurm steckt. Und dieser Wurm meint nicht nur das Defizit des Irrationalen (Bild, Emotion, Gefühl) am Projekt der Aufklärung (Argument, Begriff, Technik, Wissenschaft, Ökonomie), sondern trifft auch das Projekt als ganzes in seiner Hässlichkeit. Nur deswegen können die negativen Affekte plötzlich ihre Position wechseln, um bei den Linken wieder aufzutauchen, die, so der Vorwurf der Rechten, mit ihren universellen Weltänderungsprojekten die Welt immer wieder ins Unglück stürzen. Gegen diese „linke Krankheit“ soll dann die alte Grenze, der „territoriale Imperativ“ (Sloterdijk) weiter helfen. Dabei haben sie vergessen, das genau diese territorialen Grenzen (Nationen) es einmal waren und immer noch sind, die die entgrenzte Globalisierung hervorgebracht haben (eine, die freilich weniger die mittellosen Menschen, sondern die Waren, die digitalen Codes und das Geld meint) und gegen die sie nun polemisieren. Insofern bilden hier „territorialer Imperativ“ (Nationen, Staaten) und „deterritorialisierter Imperativ“ (Globalisierung, Weltmarkt) nur die zwei Seiten der einen Medaille; ohne die nationalen Rahmen könnte nämlich die globale Maschine gar nicht funktionieren, die ihr Sicherheit, Ordnung und Stabilität verleihen.

In dieser bipolaren, mobil-immobilen Maschine leben wir heute enthaust (Globalisierung), während die angebliche Behausung der Nationen, Ethnien oder Kulturen, die diese Enthausung beenden möchten, in Wirklichkeit diese nur noch verstärken. Wir sind permanent im Aufbruch (mobil, flexibel, kreativ, innovativ) und kommen nicht von der Stelle, ja diese Stelle wird immer enger. Während die national-ethnischen Gehäuse – von der globalen Maschine längst durchlöchert und entsubstanzialisiert –, die Identität stiften sollen und die eigene Kultur und Heimat bewahren wollen, in Wirklichkeit nur diese Leere und Hohlheit lokal und national ausstellen.

Kritik, Widerstand, emanzipatorischer Kampf oder gegen die Reaktionären Gegenhalten heißt daher: Aus diesen beiden Imperativen, aus den nutzlosen, ausgedienten Totalitäten (globalkapitalistische Religion in ihrer mythisch-nationalen Rahmung) neues Leben schöpfen. Es wäre die Rekapitulation aller historischen Möglichkeiten des Morgen- und Abendlandes, die das globale und nationale Wahnbild in seiner Wahrheit und Falschheit ausstellt, um es zugleich zu negieren und in das eigentliche Wahrbild der Menschheit zu rücken. Die Menschheit – „die Menschheit in seiner Person muss ihm heilig sein“; Kant – sieht sich heute eben nicht nur einer infernalischen Zukunft entgegen, die ihr bloß Unruhe, Hysterie, Wut, Hetze und Hass zu bieten hat. Sondern sie kann auch auf ihre eigene museale Vergangenheit zurückblicken, was ihr zugleich die Möglichkeit eröffnet, vom Vergangenen (das positiv Negative und nicht einfach das Negative) einen neuen Gebrauch zu machen und so erstmals das zu leben, was in dieser imperativen Vergangenheit ungelebt blieb.

Was heute in den Medien der Vermittlung (im digitalen Kosmos) und in den physisch-unmittelbaren Medien (nämlich im Menschen selber, aus dem ja diese digitale Welt emotional spricht) fehlt ist somit nicht ein Geschäftsmodell für Wahrheit, für Konsens oder für die Förderung von Vernunft – dies kann im bloßen Mittel niemals geben, weil der humane Zweck jenseits dieser verabsolutierenden Mittel liegt, die heute den Zweck ontologisch beschlagnahmt haben. Bei diesen Suchmaschinen und universellen Codes gibt es eben keinen Algorithmus für Richtigkeit, geschweige denn für Aufrichtigkeit und Humanität. Algorithmische Objekte sind nämlich immer mit Abstraktionen infiziert, mit Unendlichkeiten, die quasi-berechnet werden können und damit von den Menschen zugleich immanent gelebt werden. Aber diese Realabstraktion, diese gespenstische Verundinglichung (nicht Verdinglichung) bleibt eben ihrerseits blind, weil sie in ihrem Indikativ (Ist, Sein, Werden, Prozess) vom Imperativ[2] (Sollen) gelenkt wird. Auch der Unfall und die Resistenz sind daher in dieser bipolaren Maschine nicht wirklich , sondern ein funktionales Element im dynamischen Kontroll-, Steuer- und Befehlssystem – „Willkommen in der infernalischen Wüste des Realen“. Die allgegenwärtige Angst im mobilen und flexiblen Menschheitskörper bedarf eben der Verwaltung und Steuerung, während der Verwalter (der sich selbst als autonome und kreative Person verkennt) nur eine Funktion der Imperative ist.

Diesen metaphysischen Wurm in ihrem Werk haben die säkularen Kräfte und dialektische Modernisten übersehen und wundern sich nun wenn die Rechten – ihrerseits beschränkt im wörtlichen Sinn – auf diese Schlagseite des globalen Schiffs hinweisen. Es war und ist eben auch der pseudokritische oder pseudorevolutionäre Widerspruch, der diesen homogenen Innenraum des infernalischen Globus erzeugt und damit die Modernen wie die Reaktionären auf die Palliativstation verweist. Eine „kapitalistische Ideologie“, in ihrer mythisch-nationalen Fassung, „deren Kampf wir gerade beiwohnen“ (Agamben).

Es wird also keine linke Revolution mehr geben, weil das Kapital in seiner höchsten Potenz selber religiös geworden ist – das hat Benjamin schon 1921 in seinem kurzen Aufsatz scharf erkannt. Es ist die Totalideologie und das Phantasma der globalen Maschine in ihrer mythisch-nationalen Rahmung – eine infernalische Welt, wie sie in Filmen wie „The Hunger Games“, „Matrix“ oder „Elysium“ vorgespielt wird. Es wird daher nur noch eine gegenimperative, gegentheistische Revolution geben, die den alles vernichtenden Kapitalgott, in der Komplementarität mit seinen Nationalgöttern, entmachtet, um so den humanen Kern des Atheismus und aller Religionen – wie er etwa in der Nächstenliebe oder in der Überwindung des Hasses formuliert ist – zu retten. Wer sich heute also orientieren will, muss diesen beiden Imperativen ins Auge blicken, das universelle Leiden wahrnehmen, um daraus neue Kraft zu schöpfen. Eine wahrhaft „dialektische“ Kraft, die alle diese globalen und nationalen Vernichtungsmaschinen endgültig deaktiviert und damit alle Medien auf die Idee einer wahren und sensibilisierten Menschheit neu ausrichtet.


[1] Diese Verbesserungsmanie heißt dann undialektisch so: „Man kann die menschliche Natur bloß verbessern, nicht richtigstellen“. (Christoph Türcke, Vom Kainszeichen zum genetischen Code. Kritische Theorie der Schrift, München 2005, S. 234).

[2] Zur Bedeutung des globalen und nationalen Imperativs siehe: „Stavros Arabatzis, „Die imperative Sprache der Medien und ihr neuer Gebrauch“, in: Weimarer Beiträge. Zeitschrift für Literaturwissenschaft, Ästhetik und Kulturwissenschaften, Heft 3/2015, 61. Jahrgang, Wien 2015.

09:15 13.02.2016
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