Kapitalphantasie an die Macht

Ökonomische Phantasie Die sichtbaren und unsichtbaren Welten des Westens. Es gibt zwei Welten der einen Ordnung: Die eine des Normalsterblichen und die andere der Eingeweihten
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Es gibt zwei Welten: Die eine Welt, die wir im Alltag sehen, erleben und in der wir gezwungen sind sichtbar zu sein (der „Zwang sichtbar zu bleiben“; Luhmann). Und dann gibt es da noch die andere Welt, die für den Normalbürger unsichtbar und unzugänglich bleibt. In der linken Tradition war diese zweite, unsichtbare Welt umgekehrt positioniert. Sie war nämlich auf Repräsentation und Zurschaustellung ihrer Macht aus, während umgekehrt die Mittellosen mit ihren armseligen Hütten für jene Sichtbarkeit der Herrschenden mehr oder weniger unsichtbar blieben.

Daher lautete einmal ihr Widerstandsmotto: „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ (Büchner). „Man müsse“, so wird eine mediale Äußerung Büchners überliefert, „den revolutionären Hebel“ einer Flugschrift am „materiellen Elend des Volks“ ansetzen und dazu seine „Überzeugungsgründe aus der Religion des Volks hernehmen“. Das heißt, „in den einfachen Bildern und Wendungen“ der Bibel „die heiligen Rechte der Menschen erklären“. Vorgesehen war hier ein revolutionärer Hebel mit einem doppelten Ansatzpunkt von sozialer Frage und biblischer Sprache, der an den unsozialen und ungerechten Verhältnissen ansetzen sollte, um das Unrecht und das Elend des Volks aus der Welt zu schaffen.

Für dieses „materielle Elend des Volks“ gab es freilich einen Feind, den man damals sehr schnell identifizieren und personalisieren konnte: „Wer sind denn die, welche diese Ordnung gemacht haben und die wachen, diese Ordnung zu erhalten? Das ist die Großherzogliche Regierung. Die Regierung wird gebildet von dem Großherzog und seinen obersten Beamten. Die andern Beamten sind Männer, die von der Regierung berufen werden, um jene Ordnung in Kraft zu erhalten.“ (Büchner)

Das Unsichtbare wird sichtbar

Nach fast zweihundert Jahren müssen wir heute allerdings feststellen, dass nicht nur die soziale Frage und die biblische Sprache in der kapitalistischen Religion eingeschmolzen sind. Sondern auch, dass der ganze Staatsapparat, samt seinen Beamten, für die Regulierung dieser inzwischen globalkapitalistischen Maschine sorgt – auch wenn die Regulierung darin besteht, die Deregulierung zu regulieren. Damit haben sich auch die Welten des Sichtbaren und Unsichtbaren vertauscht. Jetzt ist nämlich die Welt des Kapitals in der Abstraktion, Virtualität und Grenzenlosigkeit unsichtbar und ungreifbar geworden. Freilich auch so, dass der Vorhang manchmal auch zerreißt und die Unsichtbarkeit für einen Augenblick sichtbar wird: „Die Panama Papers zeigen, wie der internationale Kapitalismus wirklich funktioniert. Und was wir sehen, ist unappetitlich: Gier, Gleichgültigkeit, Betrug, Korruption.“ (Augstein)

Während die Welt der Mittellosen und Armen auf Sichtbarkeit, Greifbarkeit und Festigkeit angewiesen ist (die ja in die hochmobile Unsichtbarkeit des Geldgottes nicht flüchten können), bleibt die Welt des Geldes in ihrer Abstraktion und Virtualität der Öffentlichkeit weitgehend verborgen. Das geschieht sozusagen backstage und überschreitet den Horizont des Normalbürgers. Die Welt der Reichen und des Kapitals ist also gerade in ihrer Inszenierung, in der weltweiten Ausstellung zu einer zutiefst verborgenen Welt geworden, wie einmal der unsichtbare Gott der Religionen – eine neue Religion, die freilich kein Jenseits und Verwandlung der Welt mehr kennt, sondern nur noch ihre Verschuldung, Gier und Zerstörung. Eine Welt der Reichen, Schönen und Prominenten, die sich in ihrer kosmopolitischen Ausstellung immer zugleich hinter festen Zäunen und Mauern, aber auch hinter den virtuellen Mauern verstecken, von denen die Welten der Mittellosen, Armen und Elenden abprallen; eben, weil sie nicht über die notwendigen Mittel der Eingeweihten verfügen, über die ganzen Sicherheitscodes, die dem Normalbürger weitgehend unzugänglich sind.

Über alle Differenzen hinweg

Während also die Welt des Normalbürgers immer noch eine Form, eine Gestalt und Materialität zu haben scheint – scheint, weil sie ja ihrerseits vom abstrakten, unsichtbaren Kapitaluniversum durchlöchert ist –, hat sich die Welt des Kapitals längst verflüchtigt. So dass es in seiner Grenzenlosigkeit die Auflösung aller festen Zustände betreibt. Aber eben auch so, dass es über alle Differenzen hinweg auch seine eigene Identität bewahrt: „Über alle Machtkonflikte hinweg, jenseits aller ideologischen Gräben – das Motto des Piraten Jack Sparrow teilen sie alle, die Schurken und Gauner und Diebe, die einen großen Teil dieser Welt in der Hand halten: Nimm was du kriegen kannst und gib nichts wieder zurück!“ (Augstein).

Der revolutionäre Hebel mit seinem doppelten Ansatzpunkt hat also nicht das Ende des „Elends“ bewirkt, wie es einmal das unterdrückte Volk gegen die Mächtigen dieser Welt leisten sollte. Vielmehr hat er ein Kapitaluniversum geschaffen, wo das Elend in diesen „Völkern“ und in der Welt insgesamt immer mehr zunimmt – das ist dann das Rätsel, das heute eine Linke und Rechte zu lösen hätten, wenn Verbrechen, Gier und Hass nicht das letzte Wort in der Geschichte der Menschheit behalten sollen. Ein unsichtbarer Gott der Religion, der sich in der Ökonomie, in der Betriebswirtschaft verschanzt hat und von dort aus die Menschen nach reich und arm, nach Bemittelten und Mittellosen aufteilt und aussortiert. Und zwar so, wie inzwischen fast jede demokratische Wahl beweist, dass er zugleich von den Bemittelten wie von den Mittellosen, von den Anhängern der neuen kapitalistischen Religion global verherrlicht wird – nach dem biblischen Motto: die Letzten, sofern sie nur fest daran glauben, werden einmal auch die Ersten sein.

Die romantische Phantasie in der Betriebswirtschaft

Eine globalkapitalistische Phantasie, die jene alte Formel der Romantik nun universell erfüllt, indem sie sie nämlich in die real existierende Religion überführt, um so das Endliche ins Unendliche hinaus zu treiben. Es ist das ekstatische Außer-sich-Sein des Kapitals, das heute von den sichtbaren Nationalstaaten und von ihren demokratischen Mehrheiten – gegen ihre eigenen Interessen – als Ordnung dieser Welt aufrechterhalten wird. Ein transzendentales Kapital, das in seiner Unsichtbarkeit immer zugleich der Sichtbarkeit der Demokratie, der Öffentlichkeit und der Mittellosen als große Mehrheit bedarf, damit es in seiner Ungreifbarkeit und Unsichtbarkeit weiterhin funktioniert. Es sind die infernalischen Irrwege der kapitalistischen Phantasie und Eschatologie.

Wir haben also gelernt: das Kapital ist mobil, flexibel, aber in seinem globalen Ausstellungswert auch unsichtbar und ungreifbar für die Normalsterblichen. Während alle Ordnungen der Nationalstaaten, alle politischen und demokratischen Gesetze dafür sorgen, diese universelle Deregulierung des Kapitalgottes zu regulieren. Damit können wir die obige Frage Büchners („Wer sind denn die, welche diese Ordnung gemacht haben und die wachen, diese Ordnung zu erhalten?“) aktualisieren: Es sind die undurchsichtigen, systemischen, strukturellen und anonymen Gewalten, die sich mit den Gewalten der Nationalstaaten heute vereinigen, um darin die Regel der westlichen Welt zu bilden. Insofern ist der heutige Aufschrei nach einer Regulierung der undurchsichtigen Kapitalströme jene Ausnahme, die nur die Regel der westlichen Welt bestätigt. Eine Regel, die freilich im Kurzzeitgedächtnis der Demokraten gar nicht erst auftaucht, oder aber nach einer kurzen Zeit der Aufregung wieder ins Nirvana verschwindet.

Gerade die statische universelle Nichtigkeit des Geldgottes ist also der Garant und die Voraussetzung für seine Mobilität. Während die immobilen Grenzen und Gesetze von heute statt diese undurchsichtigen Transaktionen des Geldgottes außer Kraft zu setzen, ihn weiter stützen und schützen. Es erfordert nämlich sehr viel Gewalt und Ordnung von außerhalb der ökonomischen Maschine, um die Bedingungen für ihr Funktionieren aufrechtzuerhalten.

Anstatt also dass sich heute die westliche Öffentlichkeit – eine die immer mehr ins Völkische und Irrationale abdriftet – über Flüchtlinge und Fremde aufregt, um sie naturalistisch-archaisch panisch abzuwehren, sollte sie lieber in den Steuerflüchtlingen von heute jenes Archaische im unsichtbaren Kapital selbst identifizieren, das in seiner göttlichen Mystik und Eschatologie heute weltweit für die Menschheitsflüchtlinge sorgt. Eine Menschheit, die vor sich selbst auf der Flucht ist.

12:49 06.04.2016
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