Militarisierung des Denkens

Feinde und Freunde "Es gibt in Gottes Namen nur die Eine Wahrheit. Schließlich steht auch in Nietzsches Genealogie der Moral mehr von der Einen Wahrheit als in Bucharins ABC." (Adorno)
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Der Medientheoretiker Friedrich Kittler hatte recht mit seiner These, als er meinte, der zivile Gebrauch der Medien sei ein "Mißbrauch von Heeresgerät". Allerdings hatte er noch mehr die Medientechnik als die Medien selbst im Blick. Während wir heute, im entkultivierten Archaismus der Medien, immer mehr den Zusammenhang von Medien und Krieg erblicken - Sloterdijk verlagt inzwischen Deutschkurse für Journalisten.

So hat jedenfalls auch die alte Kritik ihr zivilisatorisches Kleid ausgezogen und zieht nun ihr Rüstungsgewand an. Vorbei die Zeiten als noch eine diskursive Vernunft, ein kommunikatives Handeln, oder die bewusstseinserweiternden Lektüren des Suhrkamp-Verlages, die gegen die Manipulationen des Springer-Verlages gesetzt wurden, uns weiter helfen konnten. Denn Kritik ist heute nicht mehr argumentativ (kalt, objektiv, analythisch, distanziert), vielmehr erfolgt sie emotional-erhitzt und baut zunehmend, nach Carl Schmitt, an der Front von Feind-Freund-Stellungen. Zu Recht bemerken daher immer mehr Leser in den Medien, dass hinter der intellektuell aufgebauten, argumentativen Bühne oder den anerkennenden Worten für den Kontrahenten eine imperative Sprache sich verbirgt.

Dies lässt sich heute nicht nur in der polarisierenden öffentlichen Meinung der jeweiligen politischen Lager, sondern ebenso bei den Intellektuellen beobachten, wie etwa die Sprache in der Sloterdijk-Münkler-Debatte beweist (So zuletzt Münkler: "Dass er in dem ZEIT-Essay so viele Worte gebraucht hat, um schließlich nichs zu sagen, hat seinen Grund auch darin, dass er selbst nicht weiß, was er will."; "Sloterdijk, der sich ein Jahrzehnt lang als Vordenker der Republik geriert hat, versteckt sich hinter der 'Volksmeinung', und zwar 'in ihrer breitesten Mehrheit'. Selten hat ein Intellektueller so schnöde den Streitraum der politischen Meinungen verlassen. - Und umgekehrt Sloterdijk: „Beißwut“; „Abweichungshass“; „manisch“; „primitiv“; „vorkulturelle Reflexe“; „Denunziationsbereitschaft“; „stets ausbruchsbereite Primitiv-Energien“; „kenntnisarme Selbsterhitzung“; „Kavaliers-Politologe“.

Hinter diesen Formulierungen verbirgt sich dann genau jener Imperativ, der freilich den beiden in seiner politischen, kulturellen, mythischen und theologischen Dimension verdeckt bleibt. Eine imperative Sprache, die heute auch direkt, ganz ohne die intellektuellen Hüllen, thymotisch auftritt und, in Missbrauch des altgriechischen Worts, den Thymos nationalistisch zu reaktivieren versucht: "Die logos-zentrierte Mäßigung der Deutschen muß ebenso zugunsten einer dringend notwendigen Thymos-Spannung zurückgedreht werden wie die eros-abhängige Konsumzufriedenheit und Verhausschweinung." (Götz Kubitschek).

Es ist diese imperative Sprachform, die lange durch die Bühne des Logos, des Arguments, der Rationalität, der politischen Ökonomie oder des kommunikativen Handelns in den Hintergrund geschoben wurde, dann aber immer mehr magisch, kultisch und ideologisch in den Vordergrund trat. Zunächst in der „Gesellschaft des Spektakels“, wo die Ware und selbst das Kapital eine mediale Form annahmen, um schließlich in der Kommunikation, in der öffentlichen Meinung, in der spektakulären Herrschaft der Medien zu kollabieren, womit auch jener „consensus democracy“ nun endgültig der Vertrag gekündigt wurde.

Es handelt sich um eine komplementäre, universalistisch-nationalistische Figur, die Agamben – für manchen vielleicht ganz unverständlich – zu Recht bei Habermas und Schmitt als deren gemeinsamen Nenner in der Akklamation erkannt hat: „In dieser Verflechtung laufen die ‚demokratischen‘, laizistischen Theoretiker des kommunikativen Handelns Gefahr, sich Seite an Seite mit konservativen Denkern der Akklamation wie Schmitt und Peterson wiederzufinden; doch ebendies ist der Preis, den theoretische Entwürfe, die glauben, auf archäologische Absicherung verzichten zu können, zu zahlen haben.“ (Giorgio Agamben, Herrschaft und Herrlichkeit).

Das aber ist der Preis, den auch Münkler und Sloterdijk sowie ihre Anhänger heute zu zahlen haben. Freilich bei Münkler könnte man dies noch nachsehen (er ist ja Politologe), nicht aber bei Sloterdijk. Denn wenn letzterer seine Philosophie ernst nehmen würde (er versteht sich ja selber als Philosoph), so hätte er z.B. bei Aristoteles (etwa in „Über die Hermeneutik“ oder, was ihm vielleicht näher läge, in „Über die Dichtung“) nachschlagen können. Und schon könnte er solche Behauptungen wie die hier nicht mehr aufstellen: „Man hat zu wenig Aufmerksamkeit darauf verwendet, dass in einer alphabetisierten Zivilisation das Lügen eine Variante entwickelt: das absichtliche schlechte Lesen, das heißt die praktische Ausübung des Nuancen-Mords.“

Genau dies versucht ja Aristoteles zu erklären, indem er den apophantikos logos (Wissen, Wahrheit) vom nicht-apophantikos logos (Rhetorik, Metapher, Wunsch, Befehl, Gebet etc.) zu unterscheiden versucht. Freilich damit auch nicht ganz fertig wird, wenn er etwa den Wunsch plötzlich auf die imperative Seite des Befehls sieht. Jedenfalls ist die Lüge und auch das primitive und barbarische Element immer schon ein Moment der Sprache und Kultur gewesen (darauf hat in der Moderne Benjamin hingewiesen, später Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung, ohne freilich das archäologische Feld ganz auszumessen). Die Primitivierung und Barbarisierung, die Sloterdijk heute am Werk sieht, wo unter den kultivierten Masken plötzlich archaische Reflexe durchblicken, war eben immer schon Teil der Metapher (Rhetorik, Ästhetik, Poesie) und, umgekehrt, des Arguments (Analyse, Wissenschaft, Rationalität, Wahrheit). Nur wurde eben diese arche (als Anfang und Herrschaft) in den Hintergrund geschoben – Nietzsche und nun Sloterdijk (und seine Anhänger in Hochschule und Politik) haben freilich die Flucht aus dem apophantikos logos (Argument, Analyse, Wissen, Wahrheit) ergriffen und ihn als universalistischen (theologisch-monarchischen) Ballast, zugunsten einer mythischen Polyarchie, einfach weggeworfen (in der neoheidnischen Sprache der AfD heißt sie heute: Thymos-Spannung der Deutschen).

Wir sehen hier also eine Verschiebung zunächst des Arguments aufs Bild, Metapher und Ästhetik (in der sogenannten Postmoderne), um schließlich hinter dieser argumentativ-ästhetischen Bühne (Indikativ) die Macht und Herrlichkeit des alten Imperativs im neuen, universell-ökonomischen (monarchischen) und nationalistischen (polyarchischen) Gewand zu blicken. Also nichts mit Zivilisation, Argument, Freiheit, Humanität und Diskurs, die einmal gegen die alten magischen, primitiven, mythischen und religiösen Mächte aufgestellt wurden, um sie aufklärerisch aufzulösen. Insofern ist auch Sloterdijks Replik keine argumentative „Antwort auf die Kritiker“, sondern eine argumentativ-poetische Form (Indikativ), hinter der sich der Imperativ (Sollen) versteckt. Eine imperative Form, die er (und ähnlich Safranski, der Schillers „Seid umschlungen, Millionen!“ in seiner universellen und nationalen Transformation nicht verstanden hat) in seinen zahllosen Büchern, Aufsätzen und Äußerungen zu verbergen sucht. Verborgen liegt dieser Imperativ in seiner rasenden Metaphernmaschine: Unter der zunehmenden Last einer fast automatisch laufenden Büchermaschine biegen sich seit Jahrzehnten nicht nur die Regale der Buchhandlungen, vielmehr hat er mit seiner medialen Präsenz alle Kommunikationskanäle verstopft.

Was also heute als Irrationalität, Primitivierung und Barbarisierung im Diskurs auftritt ist nur jener Imperativ, der lange im Diskurs versteckt, kommunikativ verdrängt wurde und nun mit voller Macht sich in den Vordergrund schiebt - und zwar weltweit. Damit wird es auch immer schwieriger einen diskussionsfähigen Stoff der Artikel auszumachen. Denn alle diese Artikel (links oder rechts) sind nicht mehr diskursiv – wo sie es versuchen, müssen sie an der Realität des kulturellen Phänomens scheitern. Vielmehr tragen sie jene vormals argumentativ verdeckte, vorkulturelle Reflexe in sich und sind daher in ihrem Imperativ (Sollen) zu verorten. Dies ist nicht die „Tendenz zur Entkulturalisierung“, viermehr war Entkulturalisierung immer schon Teil der Kultur, die freilich lange Zeit vom Indikativ der „westlichen argumentativen Maschine“ verdeckt blieb - und genau hier liegt dann der Wahrheitsgehalt der Irrationalität, worauf die obere Formulierung Adornos (in einem Brief an Benjamin) hinweisen möchte, und heute vielleicht ein Leitfaden für die Linke sein könnte; er will nämlich sagen, dass irrationale Theorien manchmal mehr Wahrheitsgehalt enthalten können (Wahrheit im Sinne einer solidarischen Menschheit) als etwa eine flache, rational-analytisch-wissenschaftliche linke Kritik. Und umgekehrt sind irrationale Distinktionen im Denken, wie einmal die von einem jüdischen und hellenistischen Diskurs, dem Denken ganz unwürdig (etwa von der Art einer arischen und nichtarischen Mathematik oder Physik). Aber diesen Leitfaden scheint der linke oder der grüne Diskurs bis heute immer noch nicht gefunden zu haben, so etwa wenn neulich Claus Leggewie in der taz schreibt: "Diese Parteien müssen dem Volk eine wählbare Alternative anbieten, die selbstbewusst Schwarz-Grün oder Rot-Rot-Grün heißt." Und diese sollen dann, in völliger Naivität, den "Rückbau des dysfunktional gewordenen Kapitalismus" leisten. Was er hier leider vergessen hat ist, dass genau diese Parteien es waren und immer noch sind, die über Jahrzehnte hinweg die globalkapitalistische Maschine in Fluchtgeschwindigkeit beschleunigt haben.

In dieser Kultur des Arguments, des Diskurses, der Rationalität, Ökonomie, Arbeit, Kreativität und Wahrheit blieb dann nicht nur die Lüge und das Gerücht verborgen, sondern ebenso der Imperativ, der in der universellen und nationalen Maschine heute arbeitet. Es ist vor allem die neoliberale, ökonomische Maschine, die sich in ihrer kleinen Differenz zur Utopie, Mystik, Metaphysik, Ontologie und Theologie aufspreizt und dann die nationale, örtliche, thymotische Reaktion hervorruft. Eine Ökonomie, die, selbstvergessen, einen Absolutheitsanspruch anmeldet, dabei aber unbewusst nur den Befehl der alten Theologie ausführt.

Insofern hat Agamben recht, wenn er über die „christliche Theologie“ schreibt, „dass sie von Anfang an im Zeichen der Betriebswirtschaft steht“, und umgekehrt die moderne Ökonomie auf die alte Theologie zurückweist - die theologische Kapitalmaschine, die mit der mythisch-nationalen komplementär arbeitet. Eine theologische Kontamination der ökonomischen Praxis, die auch Marx in ihrer ganzen Reichweite – geschweige denn die heutigen Ökonomen – kaum geahnt hat. Eine Praxis (ökonomische, begriffliche, technische, wissenschaftliche, poetische, juristische etc.) die zuletzt nicht die ontologische „Sorge ums Dasein“ (Heidegger), sondern die Selbstentsorgung des Menschen selbst meint. Eben, weil diese Archäologie in den Medien (Sprache, Zahlen, Bilder, Töne, Gefühle, Affekte, Kriegsgeräte) verdeckt bleibt, um dann Verwunderung über die neue globale und nationale Irrationalität auszulösen; die Medien wechseln plötzlich ihre angeblich zivilisatorische Position und gehen wieder zum archaisch-entkultivierten Anfang zurück oder ins Militärische über.

Genau diese archäologische Schicht in der Kommunikation, in den Medien oder in der Ökonomie bleibt heute den Linken wie den Rechten verborgen. So dass schließlich die Rechten aus der „linken Not“ (eben das Universelle in seiner ganzen Irrationalität nicht begreifen zu können; auch in der strategischen Version eines Münkler) die Tugend des „Partikularen“ machen, das sie freilich lokal, völkisch oder nationalistisch verstehen wollen: „Ich, obschon von der universalistischen Linken herkommend, mit den Jahren auch lernen wollte, bewahrenden ‚partikularen‘ Interessen ihr Recht zu lassen. Dies tue ich unter der Prämisse, dass das freiheitsbewusste Partikulare bis auf Weiteres das einzig tragfähige Vehikel des Universalen sei.“ (Sloterdijk)

Dies Partikulare, das er hier meint, möchte er freilich von den vormals modernen „starkwandigen Container-Gesellschaften“ unterschieden sehen und die „postmodernen dünnwandigen Membran-Gesellschaften“ (als zwei Aggregatzuständen von Nationalstaatlichkeit) stark machen. Gerade als „dünnwandige Gebilde“ (eben entsubstanzialisierte, nicht mehr in ihrer alten Souveränität, wie auch Münkler zugibt) sind sie aber erst recht von „reaktiver Natur“. Eben, weil sie auf erhöhter historischer Stufenleiter die globale, deregulierende Maschine regulieren und sie weiterhin in Betrieb halten. Das heißt dann aber, Universales und Partikulares (Lokalität, Heimat, Nationalität) sind nichts als die zwei Seiten desselben Herrschafts- und Herrlichkeitsdispositivs: die unmittelbare, subjektive Herrschaft und Herrlichkeit der „Grenzschließer“ („unwissende Privatiers“) und die vermittelte, objektive, kosmopolitische Herrschaft und Herrlichkeit der entgrenzten, globalgesellschaftlichen Kommunikation (die kosmopolitische „strategische Rationalität“). Ein auf Nationalität und Postnationalität gegründetes Kollektiv, das trotz der Unterschiedlichkeit ihrer imperativen Behauptungen (entweder „Nationalmenschen in Postnationalmenschen zu transformieren“ oder umgekehrt) nur die zwei Gesichter der einen imperativen doxa darstellen; die imperiophil-strategische, oder die nationalistisch-lokaliophile Herrschaft in ihrer ganzen Herrlichkeit.

Die Intellektuell-Heimatsuchenden von heute – seien sie nun rechts oder links lokalisiert –, die sich auf dem Weg gemacht haben, um mehr oder weniger örtliche Lokalsubstanzen oder "Vertrautheiten"("Vorboten von Versöhnung"; Christoph Türcke) zu finden, finden also leider nur noch ihre Hülsen wieder; die leeren Hülsen von Heimaten, Nationen oder Lokalitäten, die heute der Universalismus in ihrer starken Ausdünnung global ausstellt und konsumiert.

Nein, die Frage ist nicht, ob abstrakter Raum oder konkreter Ort, ob Universalismus oder Lokalismus, ob Metapher oder Argument (vormals noch mythisch in apolinisch und dionysisch unterteilt). Sondern, ob die Metapher nahe an der Sache dran ist oder eben weit davon entfernt liegt, bzw. umgekehrt, wie nahe die Sache an der Metapher dran ist. Ebensowenig ist dann die Frage, ob es uns gelingt wieder zur guten, alten Argumentation zurückzufinden – Sloterdijk will sich in fünf Jahren wieder in „DIE ZEIT“ mit Münkler zusammensetzen, um, nachdem die temporären Erregungswellen abgeebt sind, eine Bilanz zu ziehen. Denn von Anfang an (arche als Anfang und Herrschaft) steckt im Argument bereits die Metapher (der ästhetisch-irrationale Anteil) drin, und in diesem Indikativ (Sein, Werden) ist immer zugleich der Imperativ (Sollen) anwesend: „Werde!“ Insofern gibt es keinen Weg mehr zurück zur guten alten Argumentation, vielmehr gilt es diese logisch-alogische, bipolare Maschine als ganze zu deaktivieren.

In der indikativen Sprache (Ist) lag somit immer die imperative Sprache (Sollen) verborgen, die heute mit voller Macht wieder auf die Bühne der Geschichte tritt. Denn wenn Sprache beginnt, beginnt sie immer im Imperativ. Theologisch: „Und Gott sprach“ (und umgekehrt: „Gib uns unser täglich Brot“), mythisch: „Singe, o Göttin, den Zorn“. Der Thymos, den heute die Nationalisten für sich reklamieren, ist also Teil der global-monarchischen und mythisch-polyarchisch-nationalen Maschine. Deswegen werden alle diese Geschichten und Gegengeschichten - auch die hier - nicht von mir analysiert oder poetisch erzählt - auch die Gegengeschichten nicht: „Die Gegengeschichten erzählen Sie“; Halald Welzer. Vielmehr stehen sie alle im Imperativ: „Erzähle!“ Eine imperative, bipolare Maschine, die lange vom Diskurs, vom Wissen, von der Argumentation, von der Dialektik oder aber von der Metapher, Rhetorik und Kreativität verdeckt blieb und nun global wie national mit voller Macht auf die Bühne der Geschichte zurückkehrt, darin aber auch verlangt deaktiviert zu werden – dies wäre dann eine echte Kritik, die aber heute beide Kontrahenten (globale und nationale) spiegelbildlich an die falsche Adresse richten.

Das „Lesen in Zwischenräumen“, das Sloterdijk von seinem Kontrahenten zu Recht verlangt, aber selbst nicht liefert, wäre also ein Lesen, das in diesen "Zwischenräumen" die beiden global-infernalischen und national-hadeshaften (Hades übrigens als Orts- wie Personenname: das Allgemeine als anschauliche Repräsentation eines Besonderen) Imperative aufdeckt. Eine moderne und zugleich postmoderne infernalische Sache: der „Heilige Terror“ in der „Grammatik der globalkapitalistischen Religion und der mythischen Nationalgötter“. Und wahres politisches Denken und wahre Politik wären dann jene Operation, die dieses Geheimnis des religiösen Kapitals sowie der neomythischen Nationalstaaten in den Griff bekommt. Eine Operation, die das ökonomisch-theologische (technisch-ontologische, wissenschaftlich-poetische) Dispositiv deaktiviert, außer Kraft setzt. Sie ist nicht die konservative Bewahrung des Partikularen (Lokalität, Volk, Nation) oder des Universalen (die Mystik der globalkapitalistischen Maschine). Sondern jene Operation, die im Menschen – „die Menschheit in seiner Person muss ihm heilig sein“; Kant –, im Sein und im Göttlichen die Ökonomie vollendet und deaktiviert, um nicht mehr an der eigenen Selbstentsorgung zu arbeiten. Vielmehr alle oikonomia, in einer menschenwürdigen Praxis, auf die wahrhaft zivilisatorische Gestalt der Menschheit des Menschen zu richten. Eine oikonomia (aus oikos und nomos zusammengesetzt; der Gesamthaushalt), die heute im Kapitaluniversum (oder in der strategischen Analyse) und im Nationalstaat (oder der nationalen Metapher) verhungert, aber von den Ökonomen und Nationalisten dieser Welt als Gott und Götter verherrlicht und mit einem riesigen liturgisch-zeremoniellen Aufwand betrieben wird.

11:37 14.03.2016
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