Auf der falschen Fährte

Kriminalistik Rechtsmediziner und Polizisten zeigen an der Berliner Charité eine Ausstellung über das Finden, Sichern und Auswerten von Spuren

Das Schaudern ist eine hochinteressante Empfindung, es meint ein Frösteln ohne physikalische Ursache, vielmehr eine innere Reaktion auf eine detaillierte Erzählung von Ableben und Vergehen. Das Adjektiv, das dem Schaudern meist vorangestellt wird, lautet „wohlig“, folglich darf die Erzählung nicht schocken oder langweilen. Schaudern weist also auf eine quasiliterarische Erzählweise hin, die als solche nicht erkennbar sein muss. Um das Schaudern herum etablierte sich seit dem frühen 19. Jahrhundert ein Kult, in dessen Zentrum die Kriminalgeschichte steht, die sich mittlerweile in unzähligen Genres und Medien verbreitet hat. Jeder Gesellschaftsbereich besitzt inzwischen seinen ureigenen Ermittlertypus. Ob Katze oder Forensiker, jeder kann ein Detektiv sein.

Zwischen naivem Erlebnisangebot und wissenschaftlicher Intention – nämlich jenseits solcher Affekte über die Arbeit von Polizei und Rechtsmedizin aufzuklären – scheint die Schau Hieb § Stich. Dem Verbrechen auf der Spur an der Berliner Charité heillos überfordert. Die Sonderausstellung wird in deren Museum für Rechtsmedizin gezeigt und ist nah dem Hauptbahnhof reizvoll auf dem Campus des Universitätskrankenhauses gelegen. In dem kleinen Institut befindet sich auf zwei Etagen eine Dauerausstellung, die anatomisch-medizinische Präparate aus der 300-jährigen Sammlung der Charité präsentiert. Der Besuch dieser Sektion ist ein Bildungserlebnis, allerdings sollte man gewarnt sein. Einlass wird erst ab 16 Jahren gewährt, denn viele Exponate – insbesondere zu Tumoren, Missbildungen, Unfällen und medizinischen Instrumenten – besitzen die Fähigkeit, einem lange nachzuhängen.

Tatort Bäbistube

Vor einigen Jahren hatte das Museum mit der Sonderausstellung Vom Tatort ins Labor. Rechtsmediziner decken auf großen Erfolg. Etwa 100.000 Besucher informierten sich über die Arbeit der Berliner Rechtsmedizin und ihren bekanntesten Vertreter, Michael Tsokos. Die neue Ausstellung begreift sich durchaus als Versuch, an diesen Erfolg anzuknüpfen, diesmal aber geht es um Spuren, die vom Tatort über den Fundort der Leiche zum Kommissariat und dann zu den einzelnen Spurenspezialisten und Auswertungsvorgängen führen. Nicht immer geht dem eine Straftat voraus, es kann auch ein Unfall, eine Selbsttötung oder ein natürlicher Tod vorliegen. Vom Fingerabdruck bis zum Spürhund, von der DNA-, Sekret- und Blutspritzmusteranalyse zur Ballistik und Insektenkunde reicht dann das Feld hinzugezogener Expertisen.

Das alles sind Arbeitsbereiche, die der Öffentlichkeit aus zeitgenössischen Krimis bekannt sind. Denn auch der Krimi baut auf dosierte Wissensvermittlung, beziehungsweise deren Suggestion, damit die Leser oder Zuschauer als „dritte Ermittler“ parallel mitraten können. Das weit verbreitete „Krimiwissen“ ist nun ausgerechnet dafür verantwortlich, dass der erste Teil der Ausstellung zum Ablauf der Spurensicherung und Auswertung (der Laie sagt zärtlich „Spusi“) im Grunde kaum Neuigkeitswert besitzt. Die Ausstellungsmacher – das ausführende Museum im Verbund mit dem Landeskriminalamt und dem Institut für Rechtsmedizin – legten Gewaltspuren in einer nachgestellten Wohnszenerie aus, die ihr Vorbild in einer sehr frühen Derrick-Folge zu haben scheint: Zwischen Trockenblumen, Kinderzeichnung, alten Büchern und Möbeln entdeckt man Spuren, die auf eine Gewalttat hinweisen.

Der nächste Tatort ist an einer meterlangen Waldtapete ausgelegt, auf eine Leiche aber und die obligatorischen Pilzsammler, die solche Tatorte traditionell finden, verzichtete man. Stattdessen sind eine Plastikflasche, Blutstropfen und ein Messer ausgelegt – was davon ist eine Spur, was trügerisch und lag schon vor dem Verbrechen dort? Der nächste Abschnitt führt ins Kommissariat, im Raum stehen Bäbisstuben (Schweizerdeutsch für Puppenstuben), es sind in der Polizeiarbeit ungebräuchliche Modelle, die ein rechtsmedizinischer Präparator aus der Schweiz zwischen 1970 und 1985 privat herstellte, um Tatorte nachzuempfinden. Hier aber illustriert man mit den seltsamen Exponaten die Umstände eines Selbstmords und eines Tods durch Erfrieren.

Kommissar Zufall

Die Arbeitsgänge der Ermittelnden werden idealtypisch und rein deskriptiv anhand von Schaubildern mit Stichworten und Pfeildiagrammen präsentiert, ohne jede kriminalhistorische, technikgeschichtliche oder kulturwissenschaftliche Dimension. Die Exponate erfahren auch keinerlei Datierung. Dass ein Museum sich an diesem Punkt konsequent verweigert, ist ungewöhnlich. Der Museumsdirektor Thomas Schnalke sagt auf Anfrage, dass er die Ausstellung rein auf die Gegenwart bezogen sehen will. Da ein Großteil der Exponate augenscheinlich älter als zehn, 20 oder gar 40 Jahre ist, entledigt man sich der Widersprüche eben so.

Aufschlussreich wäre auch es gewesen, Fälle zu präsentieren, bei denen eben nicht alles ideal ablief, weil Spuren missdeutet oder im Labor verunreinigt wurden, wie es beispielsweise bei der als „Döner-Morde“ falsch etikettierten Mordserie der Terrorgruppe NSU lange Zeit war. Hier führte die Kontamination von Wattestäbchen mit Genmaterial einer Fabrikarbeiterin dazu, dass die Ermittler auf die falsche Fährte kamen. Damals schauderte es der Öffentlichkeit vor dem „Phantom von Heilbronn“, das sich als millionenteure Ermittlungspanne erwies. Dieser Fall ist hochaktuell, da kürzlich DNA-Spuren des NSU-Mörders Uwe Böhnhardt am Fundort des getöteten Mädchens Peggy Knobloch nachgewiesen werden konnten. Eine Spurenkontamination sei in diesem Fall unwahrscheinlich, heißt es, da verschiedene rechtsmedizinische Institute die Leichname examinierten.

Im dritten Teil der Ausstellung, im Raum der Fachexpertisen, offenbart sich eine museologische Unbedarftheit, die sich an fast jedem der ausgestellten Artefakte und Texte nachweisen ließe. Die Texte unterlaufen Standards, indem sie neben der fehlenden Altersangabe unklar lassen, ob eine Person zitiert oder als Leihgeber genannt wird. Banale Artefakte werden pathetisch und mystifizierend inszeniert, ohne dass diese Präsentationsform reflektiert wird: Ein weißes Porzellangeschirr mit angetrocknetem, bräunlichem Rand wird in einer Wandvitrine erratisch angestrahlt wie kostbare Juwelierware. Der Text darunter lautet: „KAFFEEGESCHIRR, MIT DEM EINE FRAU IHREM EHEMANN EIN TÖDLICHES GIFT VERABREICHT HAT“. Das unschuldige Weiß des Porzellans konterkariert die Heimtücke der Tat – ein billiger Trick für den wohligen Schauder, der gern angewandt wird, wenn Frauen morden, und geschlechtsklischierend ist.

Viele Exponate erscheinen mit Beliebigkeit der Asservatenkammer entnommen zu sein – eine alte Sammlung von Haschpfeifen und Bestecken, eine plastinierte Wildschweinnase, Konservendosen, in denen im Wald Geld versteckt wurde.

Auch das Problem der Authentizität von Tatortfotografie, das im Katalog von der Medienhistorikerin Susanne Regener erläutert wird, greift die Präsentation selbst nicht auf. Seit den Anfängen der Tatortfotografie in den 1870er Jahren lautet die offizielle Aussage, dass die Realität abgebildet wird. Dass aber jedes Medium Verzerrungen und spezifische Probleme mit sich bringt, auch im Hinblick auf die Medienkompetenz der Epoche und der Ermittler, springt einen bei historischen Fotografien sofort an. Wie aber sieht es bei den heute eingesetzten 3-D-Scans aus, die im 360-Grad-Modus den Tatort festhalten? Der Scan, der in der Ausstellung präsentiert wird, ist kein Originalbild, sondern eine nachgestellte Szene mit Mitarbeitern des Museums, die die Kleidung der Spusi tragen. Es ist eine Interpretation, die als solche dem Publikum aber verschwiegen wird. Gerade die Behauptung der Echtheit und die nachträgliche Inszenierung aber sind die großen, trügerischen Konstanten in der Geschichte der Kriminalfotografie.

Es ist traurig, zu sehen, wie schwer es diesem Universitätsmuseum fällt, das Thema objektiviert zu gestalten und einen interdisziplinären, gar kritischen Blick zu entwickeln. Da ist es nur konsequent, dass auch die Sprache nebulös bleibt: „Das Leben ist ein Rätsel, das Sterben noch viel mehr“, steht eingangs auf der Wand. Kann das allen Ernstes der Standpunkt der beteiligten Naturwissenschaftler und Kriminalisten sein? Oder hat vielleicht Kommissar Zufall diesen Wandtext kontaminiert?

Info

Hieb § Stich. Dem Verbrechen auf der Spur Charité, Berlin, bis 14. Januar 2018

Sarah Khan veröffentlichte eine kultur- und medienwissenschaftliche Analyse der TV-Serie Dr. House , erschienen bei Diaphanes. 2012 erhielt sie den Michael-Althen-Preis für Kritik

06:00 02.11.2016
Geschrieben von

Sarah Khan

Jg.71, Autorin, Gespenster-Reporterin, Michael-Althen Preisträgerin, aufgewachsen zwischen Protestanten u Pakistanern in Hamburg
Sarah Khan
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